Elende Beziehung: Meine Freundin geht oft schlecht mit mir um, aber ich liebe sie halt

Liebe Beatrice,
ich bitte dich um deinen erfahren Rat. Ich bin seit 2 1/2 Jahren mit meiner Freundin zusammen. Sie ist 21, ich 23. Wir sehen uns nur jedes Wochenende, in den Semesterferien aber durchgehend.
Ich liebe sie sehr. Nur fühle ich mich häufig auch sehr traurig, weil sie schlecht mit mir umgeht. Sie ist in diesen Momenten auch extrem reizbar. Sie flippt richtig aus, dabei ist sie eigentlich von Natur aus eine schüchterne Persönlichkeit und stets ruhig nach außen. Aber sie ist nur gegenüber mir so. Nicht bei Freunden oder unseren Familien. Noch schmachvoller finde ich das dann, wenn es jemand hört. Vor allem bei meiner Familie. Ich fühle mich ungeliebt und bloßgestellt. Das treibt mich in den Wahnsinn. Ich muss dazu sagen, dass ich seit meiner Kindheit eine Vision hatte, bei der ich eine Beziehung haben wollte, die nahezu ganz ohne Streiten auskommt und in der beide Partner harmonisch erfüllt sind. Bei Problemen wird in Ruhe darüber gesprochen, meine Freundin zu verwöhnen ist ganz selbstverständlich und schreien soll möglichst ganz verbannt werden. Denn: Wir wollen doch glücklich seien! Darin sollten sich doch Paare einig sein.
Sie sagt oft, ich würde sie “reizen”, “alles falsch machen” oder ähnliches. Mir ist aufgefallen, dass ich mich deshalb schon ganz anders verhalte: Immer drauf bedacht, ja nichts falsch zu machen. Ich möchte nicht Schuld haben. Klar stelle ich mich manchmal trottelig an, aber ich vertrete die Auffassung, dass man so etwas nicht mit Absicht tut. So vergebe ich ihr ganz selbstverständlich, wenn sie was kaputt macht oder dergleichen.
Das war jetzt viel Negatives und wenig Positives, aber ich möchte ja auch von den “Störfaktoren” reden und nicht von den Dingen, die ohnehin gut laufen. Sie ist schon prinzipiell meine Traumfrau schlechthin, das möchte ich noch gesagt haben.
Du machst stets eine sehr gute Arbeit – Vielen Dank!
Hoffnungserfüllt, Paul (23)

Meine Partnerin bzw Freundin geht oft schlecht mit mir um

Lieber Paul,
ich hab noch Fragen an dich.
1) Wieviel deiner gesamten Zeit (ohne die Schlaf-Zeit) fühlst du dich traurig/niedergeschlagen/gedrückt?
2) Seit wann tut sie das, so mit dir umgehen und dich anblöken/ runtermachen/ ausflippen/ schlechte Laune auslassen usw.?
3) Wie oft kommen diese Dinge vor?
4) Bitte nenne mir mehrere konkrete Beispiele.
5) Du schriebst, „dass ich seit meiner Kindheit eine Vision hatte, bei der ich eine Beziehung haben wollte, die nahezu ganz ohne Streiten auskommt und in der beide Partner harmonisch erfüllt sind…. Schreien soll möglichst ganz verbannt werden“
Woher kommt das?
6) „Sie ist schon prinzipiell meine Traumfrau schlechthin“
Inwiefern?
Herzlichst, Beatrice

Liebe Beatrice,
zu 1) Hierzu muss ich leider sagen, dass das gut 80-90% der übrigen Tageszeit ausmacht. Ich denke viel darüber nach, was mir nicht gefällt und darüberhinaus, wie ich es ändern könnte. Ich grübel auch dann viel, wenn ich es mir eigentlich nicht erlauben dürfte: in den Vorlesungen.
zu 2+3) Seit etwa 1 – 1 1/2 Jahren zickt sie so rum. Schlimmer geworden ist es seit 6 Monaten. Seitdem streiten wir uns in etwa jedes zweite Wochenende, woran wir beide sehr leiden.
Das Anblöcken/Runtermachen ist meistens die Grundlage für den Streit.
zu 4) Das Kuriose an der Sache ist, dass ihre Ausraster zu 90% bei ihr zu Hause vorkommen. Ihre Familie ist ein großes Problem für uns beide. Sie mag ihre Familie sehr. Ich war stets höflich und zuvorkommend. Ihre Familie war lediglich im ersten halben Jahr höflich zu mir. Aber danach hat sich das allmählich verändert, Mutter und Schwester können mich nicht leiden. Ihre und meine Familie sind sehr verschieden.
Ihre Familie ist SEHR weiblich geprägt. Sie hat beide Eltern und eine Schwester. Es sind also immer drei Frauen im Haus gewesen.  An ihrem Vater ist nur wenig Männliches zu erkennen. Als wenn das noch nicht genug wäre, ist ihre Mutter dazu noch ein Sonderfall. Die Mutter meiner Freundin hat sich in ihrer Kindheit nicht genug von ihrer Mutter geliebt gefühlt und ist die totale Übermutter. Sie behandelt ihre beiden erwachsenen Töchter wie Babys. Ihre Töchter wissen das auch und sagen auch, dass sie nicht immer so sein muss, können sich aber wahrscheinlich nichts anderes vorstellen. Meiner Meinung nach hat die Mutter einen an der Waffel, aber das sag ich ihr nicht. Sie konnte sich einerseits mich immer als guten Schwiegersohn in spe vorstellen, aber ihre Sticheleien kann sie sich meiner Meinung nach sparen. So etwas kenne ich von zu Hause gar nicht. Auch ihre Schwester hat die Sticheleien ihrer Mutter mit übernommen. Meine Freundin erkennt die Sticheleien mir gegenüber seitens ihrer Schwester nur zu selten. Sie weiß, dass sie stichelt, unternimmt aber auch nichts. Dann bin ich derjenige, der sich das nicht gefallen lassen darf, und ich versuche galant zu kontern. Und da schnappt die Falle zu. Ihre Mutter und ihre Schwester halten ständig zusammen. Dieses Wochenende war ein Fest bei den Eltern meiner Freundin. Meine Eltern waren auch eingeladen. Die Schwester meiner Freundin hat in der Hochzeitszeitung den Text über mich gedichtet. Und ich kam am Schlechtesten von allen 50 Gästen davon. Das haben auch ihre Großeltern zu mir gesagt.
Das alles ist für mich keine gute Position – stets zwei, teilweise drei, die sich gegen einen stellen.

5) Ich streite nicht gern. Einerseits weil ich es nicht möchte – andererseits, weil ich es nicht kann. Das hört sich vielleicht dumm an, aber ich weiß nicht, wie ich jemand Vertrautes anschreien soll. In der Öffentlichkeit kann ich das schon – so aber nicht. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, wie ich gucken soll, und es bereitet mir überhaupt nur Unwohlsein. Auch meine Freundin selbst hat zu mir gesagt, dass ich überhaupt nicht streiten kann. Sie hat das ja wunderbar trainieren können in ihrer Familie. Dort streitet man sich oft und man verträgt sich ganz schnell wieder. Für mich hat das nie Sinn gemacht. Meine Freundin hat sich vor 3 Wochen förmlich gewünscht sich mit mir zu streiten.
Sie fragten mich ganz direkt, woher meine “Vision” ohne Streiten rührt. Wenn Sie jetzt vermuten, dass ich mich in meiner Kindheit nicht genug geliebt gefühlt habe, dann ist das falsch, denke ich. Es ist vielmehr so, dass ich, wenn es um so wichtige Dinge geht, Perfektionist bin. Ich denke dieser Satz trifft es so am Besten.
6) Ich liebe meine Freundin sehr, ich vermisse alle typischen Gesten und Eigenschaften, wenn ich nicht bei ihr bin, vermisse die gemeinsamen Gespräche, bei denen wir zu zweit sind, die Zeit des Kuschelns und der Nähe. Sie ist auch von Natur aus sehr süß zu mir (wenn sie nicht gerade durchdreht). Wir verstehen uns zwischenmenschlich gut. Haben zu vielen Dingen die gleichen Meinungen. Darüberhinaus sieht sie sehr gut aus.

Vielen Dank für die Hilfe! Ich möchte sie wirklich behalten und weiß nicht wie.
Paul

Lieber Paul,
meine Antwort wird dir in vieler Hinsicht widerstreben. Ich bitte dich, dass du dich mental trotzdem öffnest und jeden Punkt als Möglichkeit betrachtest. Du bist ja intelligent, ich denke, du kannst das.

Also. Wenn man sich in einer Beziehung geschlagene 80 – 90 % der gesamten Zeit traurig/niedergeschlagen/gedrückt fühlt, ist man in der falschen Beziehung. Wenn man trotzdem drinbleibt, obwohl man sich so oft nicht glücklich fühlt, ist das mehr Abhängigkeit und Verlustangst als Liebe, und es ist ein Zeichen dafür, dass man zu wenig Selbstachtung und Selbstwertgefühl hat.
Denn wenn wir uns mal einen Mann vorstellen, der sehr viel Selbstachtung und Selbstwertgefühl hat (in einem völlig positiven Sinn): Würde er in einer Beziehung bleiben, wo die Partnerin so auf ihm rumhackt, vor ihrer Familie nicht zu ihm steht, sondern auch noch zulässt, dass ihre Familie auf ihm rumhackt? Würde er nicht die Liebe dieser Partnerin deutlich in Frage stellen und seine Liebe zu ihr verlieren, und zwar ganz schlicht deswegen, weil er sich mit ihr zusammen nicht mehr gut fühlt?
Ja, es ist so.

Mag ja sein, dass deine Freundin oft auch lieb ist. Aber was letztlich zählt, ist doch dieses ungeheuer Negative, was dir so auf die Seele drückt, dass du es fast die ganze Zeit mit dir herumschleppst und es sogar das Berufliche beeinträchtigt. So darf eine Beziehung niemals sein. Eine Beziehung hat man doch, damit sie das Leben bereichert und man glücklich ist, nicht damit sie einen runterzieht und fertigmacht, oder?

Nun denkst du ja, es könnte doch die Möglichkeit geben, dass deine Freundin sich ändert. Nun: Wie wahrscheinlich ist das? Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, denn in ihrer Familie gibt es unter allen Frauen dieses sehr tief greifende Muster einer leisen Verächtlichkeit gegenüber Männern. Tief in ihrem Innern halten sie Männer für Schwächlinge und Blödmänner, und eine Wut haben sie auch auf Männer. Ich glaub nicht, dass du das durch irgendwelche Kniffe wegkriegst, denn dieses Muster ist bei Mutter und Töchtern in Fleisch und Blut übergegangen.
Ich denke, du solltest an deiner Selbstliebe und Selbstachtung arbeiten und dich allmählich weniger abhängig machen von diesem Mädel, was auf dich herabschaut und dir auf den Kopf spuckt.

Konflikte austragen solltest du auch lernen, vor allem für die nächste Beziehung. Denn ich denke, in der aktuellen Beziehung würde es dir zu wenig nützen. „Stets zwei, teilweise drei, die sich gegen einen stellen.“ Da hast du doch keine Chance, bei diesem männerverächtlichen Weiberhaufen. Distanziere dich lieber davon, du hast echt Besseres verdient.

Streiten bedeutet keineswegs, sich anzuschreien, dem anderen ein fieses Gesicht zu zeigen oder seine Wut an ihm/ihr auszulassen. Streit oder besser gesagt, Auseinandersetzung, kann auch darin bestehen, sich Herabsetzungen und schlechte Behandlung nicht gefallen zu lassen, sich zu wehren, fest zu sich selbst und seiner Position zu stehen und dem Gegenüber seine Meinung zu sagen. In JEDER Beziehung ist das ab und zu nötig, auch in der Beziehung deiner Eltern zueinander und in deiner Beziehung zu deinen Eltern. Wenn das bei euch nicht stattfand, dann stimmt da was nicht, und das solltest du dir mit fachlicher Hilfe näher anschauen – ich garantiere dir, es wird interessant und spannend!

Liebe Grüße
Beatrice Poschenrieder

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