Mein Freund geht mir auf die Nerven

Er nervt mich schon bei Kleinigkeiten und ich bin von ihm genervt

Ich benehme mich wie ein fauchender Drache, dabei will ich das garnicht und er hat es auch nicht verdient!

Hallo Beatrice,
ich bin 22 und seit 2 Jahren mit meinem Freund zusammen. Noch leben wir getrennt, und das ist auch gut so. Wir haben viel gemeinsam, ich kann mich 99prozentig auf ihn verlassen. Trotzdem ist seit ca. einem Monat alles ganz anders…
Wir sehen uns ca. dreimal pro Woche und ich freue mich noch immer auf jeden Besuch – jedenfalls bis ca. eine Stunde vor unserem Treffen. Dann vergeht plötzlich die Vorfreude und ich weiß bereits, wie er mich begrüßt, wenn er mir die Tür öffnet. Dinge wie das zuvorkommende Einschenken von Wein oder wenn er versucht, besonders romantisch zu sein, gehen mir urplötzlich auf die Nerven. Es macht mich innerlich so wütend, dass alle Lust vergeht und ich am liebsten bei mir zu Hause wäre.
Zugegebenermaßen bin ich ein launischer Mensch und das macht es mir unmöglich, wirklich meinen Groll zu verstecken. Ich weiche dann seinen Umarmungen aus, sage ihm ins Gesicht, er solle mich nicht so „komisch“ ansehen beim Essen und mache ihm, sobald wir im Bett sind, klar, dass ich einfach richtig müde bin und keine Lust auf irgendwelche Zärtlichkeiten habe (nicht mit Worten, sondern mit Gesten).
Das klingt jetzt alles ziemlich schrecklich und aussichtslos. Doch auch wenn ich so unausstehlich bin, tut es mir dabei leid. Er ist wirklich etwas Außergewöhnliches und ich habe Angst, alles kaputt zu machen. Ich wäre um jeden Tipp dankbar.
Ist es bei solchen Gefühlen schon zu spät? Sollte ich um seinetwillen Schluss machen, damit er etwas „Besseres“ finden kann? Oder gibt es irgendwelche Tricks, die ich anwenden kann? Eine vorübergehende Trennung, mit ihm reden? Oder ist das eine Phase, die man einfach mal hat nach 2 Jahren?
Danke für Deine Antwort.
Desirée (22)

Liebe Desirée,
sehr viele Menschen kennen das Gefühl sehr gut, was du zur Zeit gegenüber deinem Freund hast – es überkommt sie in allen Beziehungen, die ihnen zu eng werden. In jüngeren Jahren weiß man zuerst noch nicht, warum man sich plötzlich diesen Partner, mit dem man eigentlich eine gute Beziehung hat, selber so vermiest. Im Prinzip macht er alles richtig, er bemüht sich um einen, er ist z.B. lieb und romantisch und zärtlich, wie man sich den Partner gewünscht hatte – und auf einmal geht einem alles an ihm auf die Nerven. Irgendwann ahnt man: Es ist Nähe- und Bindungsangst (du kannst es auch Beziehungsangst nennen), und daraus entsteht dieses innerliche Zurückweichen vor einem Menschen, der einem zu dicht auf den Pelz rückt. Bei vielen ist es immer das Ende vom Lied, aber das muss nicht zwingend so sein…
Du hast dir ja schon viele Gedanken gemacht und ein waches Bewusstsein; es ist gut möglich, dass es nur vorübergehend ist, je nachdem, wie du zu ihm stehst. Viele Leute haben so eine Phase nach ein paar Jahren, denn mit der Zeit wird die Beziehung ja immer enger und man muss innerlich ein Stück auf Abstand gehen, um sehen zu können, ob es sich lohnt, noch ein paar Jahre dran zuhängen. Das solltest du auch tun. Frag dich, ob du
1) diesen Mann wirklich liebst; ob du dir vorstellen kannst, noch ziemlich lang mit ihm zusammen zu sein. Oder ob du
2) das Gefühl hast, was zu verpassen, und den Drang, dich anderweitig zu verlieben.
Im ersten Fall solltest du tatsächlich mit ihm reden. Sag ihm, dass du wahrscheinlich Angst vor einer zu engen Beziehung hast, und er kann euch beiden nur helfen, indem er ein wenig auf Abstand geht (ich schätze mal, er hat schon angefangen, ein wenig zu „klammern“) und sich mit Liebesbezeigungen zurückhält.
Das Problem ist: je mehr du selber auf Abstand gehst, ohne ihn einzuweihen, umso krampfhafter wird er versuchen, wieder mehr Nähe herzustellen. Und du weichst noch mehr zurück. Er wird unsicher und nimmt tatsächlich die Rolle der Nervbacke an, die du ihm aufgedrückt hast. Verhindere das, indem du ihm die Zusammenhänge klar machst. Aber versuche um Himmels willen, nicht verletzend zu sein. Jeder Mensch verdient Respekt, er besonders.
Im zweiten Fall ist eine vorübergehende Trennung oder ein dreiwöchiger Urlaub, den du ohne ihn verbringst, zu erwägen. Aus der Entfernung kannst du die Beziehung besser beurteilen und siehst dann auch, ob du ihn vermisst oder ob du dich im Gegenteil befreit und froh fühlst.
Ein anderer Faktor deines Problems kann sein: Du hast unterschwellige Aggressionen und die reagierst du ab, indem du ihn nicht mehr an dich heran lässt und ihn innerlich zum Blödmann abstempelst. Du sprichst zweimal von „wütend“ bzw. „Groll“. Wo liegt die tiefere Ursache, dass du wütend auf ihn bist? Gilt die Wut eigentlich jemand anderem, z.B. dir selbst oder einer früheren Bezugsperson? (Sehr oft ist es Vater oder Mutter.) Versuch, es herauszufinden und etwas dagegen zu tun, vielleicht sogar zusammen mit ihm. Ich möchte dir dazu auch zwei Bücher ans Herz legen, die sind super und werden dir auf jeden Fall weiterhelfen:
• «Jein!: Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner»
• «Vom Jein zum Ja!: Bindungsangst verstehen und lösen. Hilfe für Betroffene und ihre Partner».
Alles Gute
Beatrice Poschenrieder