Trennte er sich, weil er sich für sein Alkoholproblem schämt?

Hallo Beatrice,
mein Freund (26) hat vor 4 Wochen unsere Beziehung beendet. Zuvor hatten wir uns 3 Wochen lang nicht gesehen und danach nur 5 Tage, bis er Schluss gemacht hat. Er hat mir im nachhinein gestanden, dass er eigentlich sofort nach den 3 Wochen Schluss machen wollte, sich allerdings nicht getraut hatte. Da wir uns im Streit getrennt haben, hatten wir zunächst keinerlei Kontakt zueinander. Nach 2 Wochen haben wir dann doch miteinander geredet. Mir ging es nach diesem Gespräch sehr gut, ihm hingegen sehr schlecht. Es war eins der zwei ehrlichsten Gespräche, die wir je geführt haben.
Vorweg solltest du wissen, dass er eine sehr verkorkste Kindheit hatte. Er ist von seinem Vater geschlagen worden und hat von seiner Mutter keine Liebe erhalten, sondern sie hat von ihm erwartet, dass er den großen Jungen spielt, der niemals weint. Tat er es doch, so wurde er mit Missachtung gestraft. Da er mit diesen Erfahrungen eindeutig nicht klarkam, hat er sich zu einem Menschen entwickelt, der nur in Extremen lebt. So kann er z.B. seinen Alkoholgenuss nicht unter Kontrolle halten. Wir waren zusammen auf einer Party, auf der er sich so betrunken hat, dass er sich die ganze Nacht übergeben hat, ohne es zu merken, und eine schlimme Alkoholvergiftung hatte (die er übrigens einmal monatlich hat, wie er mir gestand). Als ich am nächsten Tag mit ihm über sein Problem sprach, hat er vor mir angefangen zu weinen. Und wie er sagte, war ich der erste Mensch, vor dem er dies getan hat. Er versprach mir auch, sich psychologische Hilfe zu holen, hat dies aber bis heute nicht getan, weil er Angst hat. Dabei habe ich ihm gesagt, dass ich immer für ihn da wäre. Darüber hinaus war er mir dankbar, dass ich da war – ich sei die erste gewesen.

einsamer verzweifelter Mann, Trinker

Schämt er sich so für sein Alkoholproblem, dass er sich lieber trennt?

Trotzdem sagte ich ihm, dass ich bei der nächsten Vergiftung gehen würde, einfach um ihm einen Grund zu geben, sich nicht so zu betrinken. Während der ganzen restlichen Beziehung hat er sich wirklich zusammengerissen und hat mit dem Rauchen aufgehört, nicht mehr getrunken und stattdessen für die Uni gelernt. Und dann hat er nach den 3 Wochen Schluss gemacht. Er sagte, dass er keine Gefühle mehr für mich hätte. Er wäre nicht fähig zu lieben (diesen Blödsinn hat seine Mutter ihm eingetrichtert). Zunächst hab ich ihm das auch geglaubt. Aber als wir dann über alles gesprochen haben und ich ihn fragte, wieso er Schluss gemacht hat, hat er seine Gefühle nicht mehr erwähnt. Er sagte, dass er mich so bewundern würde. Ich hätte nicht nur mein Leben im Griff, sondern hätte auch ihn in den letzten Monaten geleitet und ich wäre das Beste, was ihm in seinem Leben passiert sei. Er wollte mir so sehr das geben, was ich ihm gegeben hätte. Als ich ihm sagte, dass ich vielleicht nicht mehr wollte als ihn bei mir zu haben, hat er mich gebeten aufzuhören, weil er sonst weinen müsse. Auf meine Erzählungen, wie sehr er mir mit der Trennung weh getan hat, hat er geweint. Als ich ihn fragte, ob er in den 2 Wochen auch nur ein einziges Mal an mich gedacht hat, sagte er ganz verschüchtert, dass er mich mehr geliebt hätte als jemals jemanden zuvor.
Auf meine Frage, wieso er das Beste in seinem Leben mit Füßen treten würde, wusste er keine Antwort. Er sagte auch, dass er mir so sehr wünschen würde, dass ich jemanden finde, der in der Lage wäre, mir das zu geben, was ich verdient hätte. Wobei ich glaube, dass das nur diese typische Floskel gewesen ist. Allerdings sagte er auch, dass er mich niemals in den Armen eines anderen sehen möchte, was wiederum sehr ehrlich klang. Dann sprachen wir auch noch darüber, dass er mich betrogen hat. Ich hatte dies von IHR erzählt bekommen. Er verleugnete dies allerdings. Ich glaube ihm aber nicht, weil er erstens ein Mensch ist, der anderen nur soviel erzählt, wie sie wissen müssen, damit sie so funktionieren, wie er das gerne hätte, und zweitens die Betroffene nicht wusste, dass er eine Freundin hatte und ihr Gesicht in dem Moment, als sie es erfuhr, mehr als 1000 Worte sagte.

Trotzdem werde ich dieses Gefühl nicht los, dass er mich wirklich liebt, sich aber einfach zu sehr vor mir schämt. Und vielleicht auch Angst vor dieser Erfahrung hat. Wenn wir uns sehen, kann ich in seinen Augen sehen, wie viel ich ihm immer noch bedeute und dass er fast alles für mich tun würde.

Meinst du, ich soll mich von ihm entfernen? Oder soll ich doch weiter Kontakt halten? Und um ihn kämpfen? Ich glaube, dass ich die einzige Person bin, der er wirklich vertraut, und er braucht unbedingt jemanden, der ihn auffängt und wieder auf die Beine stellt. Seine Familie ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt…

Oh Gott, ich habe so viel geschrieben und ich höre mich wie ein kleines, naives Mädchen an. Ich wäre dir für eine Antwort sehr dankbar, denn mir geht es wirklich schlecht und ich falle momentan durch alle Prüfungen durch, weil ich nicht lernen kann. Dabei bin ich eigentlich ein sehr positiver Mensch.
MlG, Sabrina (24)

Liebe Sabrina,
du hörst dich keineswegs wie ein kleines, naives Mädchen an, sondern wie eine kluge Frau mit einem großen Herzen, die ein sehr verzwicktes Liebesproblem hat.
Eine Beziehung mit einem seelisch instabilen Menschen ist eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt.
Ich rate dir davon ab, um ihn zu kämpfen, weil ihm das zeigen würde, dass er dich haben kann, egal wie er mit dir umgeht und was er macht – sprich, dass er so weitermachen kann wie bisher und trotzdem die Wohltat deiner Liebe bekommt. So festigst du nur das, was Fachleute “Co-Abhängigkeit” nennen: indem du sein Fehlverhalten (inkl. Alkoholismus) duldest, ermunterst du ihn indirekt, es fortzusetzen – statt etwas daran zu ändern.
Nur wenn er eine grundlegende Veränderung anstrebt und in Angriff nimmt (sprich, Psychotherapie), habt ihr eine reelle Chance auf eine erfüllte und ebenbürtige Partnerschaft. Denn bisher war sie das ja nicht wirklich, jedenfalls nicht für dich. Ich glaube nicht, dass es nur eine Floskel war, als er sagte, er würde dir wünschen, dass du jemanden findest, der in der Lage wäre, dir das zu geben, was du verdient hättest. Das ist ja einer der springenden Punkte, warum er sich getrennt hat: Er lebt in einem ständigen unterschwelligen Minderwertigkeits- und Schuldgefühl dir gegenüber. Für ihn bist du eine bewundernswerte Person, die ihr Leben im Griff hat, ganz im Gegensatz zu ihm, und er fühlt sich auch nicht in der Lage, dir die “starke Schulter” zu bieten, die Frauen sonst bei Männern bekommen, oder dir beständige Liebe zu geben, da er beständige Liebe nicht kennt, sondern im Gegenteil Angst davor hat.
Aber ich werte es positiv, dass er all diese Dinge bereits erkennt, und dass er bereits von sich aus angesprochen hat, sich fachliche Hilfe zu suchen. Er hat´s zwar noch nicht getan, aber allein dass er all diese Erkenntnisse hat, gibt Anlass zur Hoffnung. (Die Mehrzahl der Menschen mit seiner Seelenlage haben diese Einsichten nicht, und da kann ich den Partnern auch keine Hoffnung auf Besserung machen.) Anlass zur Hoffnung geben auch seine starken Gefühle für dich, denn er kann durchaus lieben; allerdings blockieren seine Ängste manchmal seine Liebe, z.B. Angst vor Zurückweisung wegen seiner vermeintlichen Schwächen – er hält sich für nicht liebenswert. Und Angst, sich in einer tiefen Liebesbeziehung mit all seinen “Defiziten” zeigen zu müssen. Angst vor Abhängigkeit und dann, wenn er abhängig und bedürftig ist, weggestoßen zu werden.

Von daher rate ich zwar vom Kämpfen und Hinterherlaufen ab, aber ich rate dir, Kontakt zu halten und ihm auf eine unaufdringliche, aber deutliche Art klar zu machen, dass er deiner Liebe durchaus wert ist – vorausgesetzt er versucht eine Therapie. Und dass du ihn darin unterstützen willst.
Biete ihm an, ihn beim Finden eines Therapeuten zu unterstützen; er soll darüber auch mit seinem Hausarzt sprechen und sich eine Überweisung geben lassen.

Übrigens, was seine mögliche Untreue betrifft: Falls sie wirklich stattfand, so ist sie wahrscheinlich auch im Zusammenhang mit seinen seelischen Problemen zu sehen: Flucht aus einer gewissen Abhängigkeit von dir, Aufwertung seiner eigenen Person (wg. Minderwertigkeitsgefühl dir gegenüber) u.ä. Auch diese Tendenz könnte sich also durch eine Therapie legen.
Alles Gute
Beatrice Poschenrieder