Sie verließ mich, weil ich mein Leben nicht auf Reihe bekomme

Vom Alter her erwachsen, aber von der Reife her ein kleines Kind

Ich bin halt ein bisschen chaotisch, ja und? Deswegen muss man sich doch nicht trennen!

Hallo liebe Beatrice,
vor anderthalb Jahren trennte ich mich nach 8jähriger Beziehung (ein Kind ist dieser Beziehung entsprungen) von meiner Ex, wegen einer anderen. Ich zog aus der Wohnung aus und bezog eine kleine 1-Zimmer-Wohnung, habe meinen Job verloren und irgendwie nie Geld gehabt. Meine neue Freundin hat mich immens mit Geld und Liebe unterstützt. Doch ich habe keinen Job bekommen, mal für kurze Zeit, aber nichts Richtiges. Ich bin immer sehr zornig und wütend, aber auch traurig und weinerlich gewesen, und meine Freundin hat sich für mich „verbogen“. Ich habe die Zeit als schwer, aber nicht unlösbar empfunden.
Nun hat meine Freundin mich vor 8 Wochen verlassen. Sie sagt, sie weiß nicht, ob sie mich noch liebt, ich soll mein Leben in den Griff bekommen und sie will sich selbst wieder kennen lernen, weil sie sich “verloren habe”. Verstehe ich nicht, was sie meint, aber naja.
Ich habe in der Zeit Lösungen für meinen angewachsenen Schuldenberg gefunden, habe sehr gute Aussichten auf eine gute Arbeitsstelle, doch ich komme nicht an sie heran. Sie geht nicht ans Telefon, wenn ich anrufe, antwortet auf keine SMS, nichts… Überhaupt kein Kontakt. Ich liebe sie so sehr, doch wie soll ich das anstellen, dass sie merkt, dass ich mein Leben in den Griff bekommen will und dass ich sie noch liebe und dass sie doch eine 1,5jährige Beziehung nicht einfach so untergehen lassen kann. Ich würde mich sehr über eine Antwort von dir freuen.
Erik (32)

Hi Erik,
sie kann doch eine 1,5-jährige Beziehung nicht einfach so untergehen lassen? Deine Ex ist offenbar genau der Meinung, dass sie das kann. Ehrlich gesagt kann ich mir auch vorstellen, warum. Klingt für mich, als ob sie anderthalb Jahre lang unglaublich viel Kraft, Energie, Zeit und sogar Geld in dich investiert hat, und es ist doch nix dabei herausgekommen als ein Typ, der sein Leben nicht in den Griff bekommt und dabei auch noch aggressiv und weinerlich ist. Schätze, sie hat viel hineingebuttert und wenig zurückbekommen. Ein Wunder, dass sie das überhaupt so lange durchgezogen hat. Irgendwann war der Frust eben so groß, dass sie die Schnauze gestrichen voll hatte und nur noch raus wollte.
Dass sie sich selbst dabei “verloren” hat und du das nicht mal verstehst, sagt auch einiges über euch beide; vermutlich hat sie dir durchaus öfter mal zu verstehen gegeben, was du beitragen musst, damit sie sich in eurer Bindung wohlfühlt oder diese auch nur irgendwie Bestand hat; aber da du nicht oder zu wenig darauf eingingst, musste sie sich verbiegen, um die Beziehung aufrecht erhalten zu können, und zwar so sehr verbiegen, dass sie irgendwann das Gefühl hatte, sie ist nicht mehr die Person, die sie mal war und die sie sein will. Das ist meistens gemeint mit “ich habe mich verloren”.

Ich muss dir leider sagen, für mich klingt es so, als ob du da eigentlich nichts mehr machen kannst. Das hast du dir wohl selber eingebrockt, hm, sorry.
Die einzige Chance, die du noch hast, ist: Krieg dein Leben wirklich in den Griff und rede nicht nur davon. Solang du noch keinen festen (und dauerhaften!) Job hast, aber Schulden, und von der Hand in den Mund lebst und nicht mal deine Emotionen im Griff hast, brauchst du´s bei ihr gar nicht zu versuchen. Betrachte das Alleinsein als Anstoß und Chance, dein Leben aus eigener Kraft in Ordnung zu bringen. Du bist doch ein Mann und kein hilfloses Kind! Ein erwachsener Mann hat nun mal eine Arbeit und kann mit seinem Geld umgehen, und er lässt sich nicht willenlos von seinen Emotionen kontrollieren! Das ist die erste Aufgabe, die du jetzt hast, und obwohl du das vielleicht abwehrst, muss ich dir sagen, dass du das vermutlich nur mit psychologischer Hilfe schaffen wirst (du bist 32, aber in den wichtigsten Belangen auf dem Stand eines 16-17jährigen).
Und wenn du das geschafft hast, dann schildere es ihr in einem langen Brief. Vielleicht überlegt sie sich es dann.
Herzlichst,
Beatrice Poschenrieder