Sie hat sich nach 9 Jahren getrennt, ich kann ohne sie nicht leben

Hallo Beatrice,
ich (28) bin gerade an einem Wendepunkt in meinem Leben. Meine Freundin (bald 28) hat sich nach 9 Jahren von mir getrennt, weil die Gefühle nicht mehr ausreichen, um eine Beziehung zu führen. Wir wohnen seit fast der ganzen Zeit zusammen, es war von Anfang an für uns beide so, dass wir wussten, dass wir füreinander bestimmt sind. Es war zu Beginn lange Zeit sehr schwierig, sie hatte massive Probleme mit ihrem Vater (ist mittlerweile verstorben), woraus Essstörungen und die Angst anderen Menschen zu vertrauen entstanden.
Ich muss dazu sagen, dass ich genau wusste, worauf ich mich einlasse und dass es alle Kraft, die es mich gekostet hat, wert war. Ich wusste von Anfang an, dass ich nur sie will, dass sie die Frau meines Lebens ist. Wir haben in der ganzen Zeit alles erlebt, was man so erleben kann. Sie war schwanger, wir haben uns dagegen entschieden, ich hatte eine kurze Affäre, und dennoch haben wir immer weitergemacht. Ich sollte auch dazu sagen, dass wir eine “WG” mit ihrer Mutter hatten, da ich mir als Student und sie als Erzieherin keine eigene Wohnung leisten konnten und sie sich immer für ihre Mutter verantortlich gefühlt hat (diese hat starkes Asthma und ein Alkoholproblem).
Es gab in der ganzen Zeit öfter mal den Punkt, dass wir gesagt haben, es geht so nicht mehr weiter, aber es war immer etwas da, was uns zusammengehalten hat. Ich muss sagen, dass bei mir beruflich vieles nicht optimal gelaufen ist, ich habe meinen Weg im Leben noch nicht gefunden. In der letzten Zeit (ca. 1 Jahr) ist es nicht mehr so gut gelaufen, wir haben kaum noch über uns geredet, ich habe meine Probleme immer mit mir selbst ausgemacht und eine Mauer errichtet, durch die sie nicht mehr zu mir gelangen konnte, weil ich mit meinem Leben nichts anzufangen wusste.
„ichZu Anfang dieses Jahres hatte sie den Wunsch eine Familie zu gründen, ich habe das allerdings an die Bedingung geknüpft, eine eigene Existenz für uns zu schaffen, für sie muss es sich angefühlt haben, als zwinge ich sie zu einer Entscheidung zwischen unserer Beziehung und ihrer Familie.
Ich verstehe nicht, wie sie vor 3 Monaten noch sagen konnte, dass sie sich mit mir eine Familie vorstellen kann und jetzt ist es nur noch Freundschaft? In den 9 Jahren sind zudem unsere beiden Familien zusammengewachsen, ich bin für ihre Mutter wie ein Sohn und sie ist vollkommen in meine Familie integriert gewesen. Ich bin in dieser Beziehung völlig aufgegegangen, sie war mein Leben, ich habe sie näher an mich rangelassen als irgendeinen anderen Menschen zuvor. Sie ist ein Teil meiner Seele geworden, hat gefüllt, was ich nicht selbst bin und mir die Kraft gegeben das Leben zu meistern.
Es ist jetzt 5 Wochen her, dass sie die Notbremse gezogen hat, ich lebe im Moment aus meinem Auto raus, mal schlafe ich bei meinen Eltern, mal bei einem Freund, wie ein Heimatloser, schließlich war meine Heimat immer an ihrer Seite. Jetzt steht gerade an, dass ich meine Sachen und Möbel abhole (gehören uns eigentlich zusammen) und die ganze Geschichte zu Ende geht. Sie hat ein neues Leben angefangen und sagt auch, dass es eine ehrliche Entscheidung war, die sie getroffen hat, bevor Hass entsteht. Das respektiere ich, ich kann ihre Beweggründe vollkommen nachvollziehen. Sie fühle sich besser so, niemandem Rechenschaft zu schulden, das normale Freiheitsgefühl eben. Das Komische ist aber, dass wir uns zweimal gesehen haben und jedesmal beide weinen mussten wie die Schlosshunde und vieles nach wie vor gleich fühlen. Sie ist der Meinung, es sei zu Ende und dennoch nehmen wir uns in den Arm und es ist eine Wärme und Nähe vorhanden, die ich nicht beschreiben kann.
Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll, gehen muss ich auf jeden Fall, weil ich in ihrem Leben keinen Platz mehr habe, aber irgendetwas verbindet mich mit ihr auf eine Weise, die unerklärlich ist. Dieses Gefühl lässt es nicht zu, dass ich einfach mal weinen kann und nicht realisieren kann, dass unsere Träume wie Seifenblasen zerplatzt sind. Ist es möglich, dass es etwas zwischen zwei Menschen gibt, dass trotz aller Widrigkeiten eine Basis schafft, auf der man alles aufbaut, ein Gefühl und eine Sicherheit, die nicht zu erlären sind? Wir wissen beide, dass wir einander gehen lassen müssen, aber ich kann es nicht und sie hat meiner Meinung nach noch gar nicht realisiert, was ihre Entscheidung eigentlich bedeutet. Wir verlieren beide alles, was unserem Leben Stablilität verliehen hat.
Ich frage mich ständig, ob es nur eine Phase ist, der Drang, das zu leben, was in der Beziehung zu kurz gekommen ist, oder ob sie tatsächlich ein neues Leben beginnt, an dem ich nicht mehr teilnehmen soll. Ich habe noch nie einen Menschen so bedingunglos geliebt wie sie, ich war mir noch nie so sicher, den Menschen gefunden zu haben, mit dem ich mein Leben verbringen möchte. Es fühlt sich an, als würde ich jeden Tag auf´s neue in Stücke gerissen, es gab in den ganzen 5 Wochen keine einzige Nacht, in der ich nicht von ihr geträumt habe. Natürlich sind das meistens Alpträume. Die ganze Situation lässt mich nicht los, ich mache die Augen zu und träum von ihr, wache auf und die Realität ist genauso furchtbar wie meine Träume. Ich wünschte, ich könnte endlich aus diesem Alptraum aufwachen. Ich hab langsam nicht mehr die Kraft dauernd wieder aufzustehen und nach vorne zu schauen, nach dem Motto, es kommen auch wieder bessere Zeiten. Muss ich realisieren, dass es vorbei ist, oder lebt trotz allem etwas in unseren Herzen, was sie vielleicht einfach zur Zeit nicht mehr sehen kann oder will?
Manuel (28)

Lieber Manuel,
Du fragst: “Muss ich realisieren, dass es vorbei ist, oder lebt trotz allem etwas in unseren Herzen, was sie vielleicht einfach zur Zeit nicht mehr sehen kann oder will?”
Schwer zu sagen. Ich denke, was der Wahrheit nahe kommt, ist das, was du zu Anfang geschrieben hast: “Ich bin gerade an einem Wendepunkt in meinem Leben.”
Dieser Wendepunkt ist sehr wichtig für deine und ihre Entwicklung.
Du warst 19, als du mit ihr zusammenkamst, also noch sehr jung und “unfertig”, und das bist du zum Teil immer noch, weil du nie auf dich allein gestellt warst, sondern immer auf sie bezogen (und davor vermutlich auf deine Familie). Obschon du sie gestützt hast, hat sie gewissermaßen auch dich gestützt: du musstest nie allein sein, musstest nie auf ganz eigenen Beinen stehen. Dementsprechend zieht es dir jetzt den Boden unter den Füßen weg. Weil du in dir noch lang nicht genug Stabilität entwickelt hast, um wirklich eine Familie zu gründen. Dazu ist nämlich tatsächlich nötig, dass man in seinem Lebensgefühl und in seiner Seelenlage nicht vom Partner abhängt, sondern auch unabhängig von ihm gut existieren kann und stabil ist.

Du sagst: “Ich habe meinen Weg im Leben noch nicht gefunden.”
Wie solltest du auch, wenn du immer auf sie bezogen warst und dich mit ihren Problemen beschäftigt hast statt damit, ein erwachsener Mann zu werden, der im Leben gut klar kommt, sich und eventuell eine kleine Familie ernähren kann.

Du sagst: “Ich bin in dieser Beziehung völlig aufgegegangen, sie war mein Leben, ich habe sie näher an mich rangelassen, als irgendeinen anderen Menschen zuvor. Sie ist ein Teil meiner Seele geworden, hat gefüllt, was ich nicht selbst bin, und mir die Kraft gegeben das Leben zu meistern.”
Es ist schön, dass du in der Beziehung aufgingst, sie so nah an dich ranließest, aber es darf nicht sein, dass man vom Partner so abhängig ist, dass er einem die Kraft zum Leben gibt. Diese Kraft musst du aus dir selbst ziehen, nur dann bist du so stark, auch eine langfristige Beziehung und eine Familie tragen zu können.
Das Ziel ist, dahin zu kommen, dass man dem Partner sehr nah ist, ohne sein Leben und seine Seele auf ihn zu stützen. Auf ihn einrichten, ja. Auf ihn stützen, nein.

“Wir verlieren beide alles, was unserem Leben Stablilität verliehen hat.”
Ja, und das ist auch gut so. Denn das, was ihr beide bisher hattet, nennt man – sorry! – “Co-Abhängigkeit”. Deshalb fällt es euch jetzt so schwer, loszulassen, und deshalb fühlst du dich so entwurzelt und depressiv. Aber Abhängigkeit ist eine schlechte Basis für eine gute lange Beziehung, aus der heraus man dann auch bald Verantwortung für neues Leben übernimmt.
Ich denke nicht, dass bei euch gar alles vorbei ist. Ich denke, dieser Schnitt stellt die Aufgabe an dich, die schon längst ansteht: Erwachsen werden, einen Beruf finden, der dich gut ernährt, mit dir allein zurechtkommen, eine eigene Wohnung und ein “vollwertiges” Leben kriegen. Und genau das gleiche gilt für sie. Wenn ihr das gänzlich geschafft habt, besteht eine sehr gute Chance, dass ihr eines Tages wieder zusammmenfindet, auf einer neuen, viel stabileren Basis.
Liebe Grüße
Beatrice Poschenrieder