Sie liebt mich, will aber wieder getrennte Wohnungen, ist das der Anfang vom Ende?

Sie will nicht mehr mit mir zusammenleben. Soll ich wirklich aus unserer Wohnung ausziehen? Ist das nicht schon der erste Schritt zur Trennung?

Liebe Beatrice,
ich bin schon sechs Jahre mit meiner Freundin zusammen, fünf davon wohnen wir zusammen. Bis vor kurzem war irgendwie alles perfekt, das sagt auch sie. Wir arbeiten beide sehr viel und sehen uns nur abends. Vor kurzem hab ich sie gefragt, ob sie ein Problem hat, weil ich so ein komisches Gefühl hatte. Sie ist mir gegenüber ziemlich auf Distanz gegangen und ich komm nicht mehr so richtig an sie ran. Sie sagte mir, sie weiß es nicht.
Wir haben früher wenig über Gefühle und Probleme gesprochen, die letzte Zeit aber mehr. Aus den Gesprächen ging hervor, dass sie mich lieb hat und ich ihr nicht egal bin, ich aber liebe sie über alles, und dieser Gedanke, sie zu verlieren, der frisst mich auf. Sie sagte zu mir, ich würde sie erdrücken und sie hätte gern mehr Zeit und Raum für sich.
Wir haben für uns gemerkt, dass wir uns so, wie es momentan ist, gegenseitig kaputt machen und wir uns jetzt räumlich trennen, aber nur räumlich, darüber sind wir uns einig. Wahrscheinlich würde eher ich ausziehen, weil die gemeinsame Wohnung auf meine Freundin läuft. Das war ein schwerer Schritt für mich und ich glaube, auch ihr ist es nicht einfach gefallen. Jetzt frag ich dich, was du davon hältst – ist das der Anfang vom Ende?
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Marc (30)

Aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen, ist das nicht der Anfang vom Ende?

Hi Marc,
ist das der Anfang vom Ende?
Nein, ich denke eher, es ist eure einzige Chance, die Beziehung zu retten – und es ist eine Chance für dich, etwas an dir zu ändern, was nicht gut für eine Beziehung ist:
„Dieser Gedanke, sie zu verlieren, frisst mich auf. Sie sagte zu mir, ich würde sie erdrücken…“
Was du lernen musst, ist: Wenn es dich auffrisst und sie sich erdrückt fühlt, ist es nicht Liebe – sondern eine emotionale Abhängigkeit von deiner Seite her. Wenn dein seelisches Gleichgewicht davon abhängt, wie deine Freundin sich verhält, ist das auch nicht Liebe, sondern Abhängigkeit. Und das spürt deine Freundin. Es belastet sie, denn du übergibst ihr so ein Stück weit die Verantwortung für deine Seelenlage. Sie hat nicht nur das Gefühl, dass sie ständig bei dir sein soll, sondern dass sie sich irgendwie auch dauernd kümmern (bzw. mit dir befassen) soll. Aber das ist nicht Sinn und Zweck einer Partnerschaft. So etwas erdrückt jeden irgendwann.

Starke, dauerhafte Liebe zwischen erwachsenen Menschen bedeutet: Du bist in dir selbst gefestigt und stark genug, um es auszuhalten, dass deine Freundin nicht immer das gleiche will wie du – und sie trotzdem noch zu lieben und dich ganz okay zu fühlen. (Sehr gut und ausführlich beschrieben ist das in dem Buch „Die Psychologie sexueller Leidenschaft“ von David Schnarch.)

Wenn ihr beide wieder auseinanderzieht, ist das die Chance für dich, zu lernen, mit dir selbst gut klarzukommen. Wenn du das schaffst und mit dir im Reinen bist – „in dir ruhst“, wie man so schön sagt – dann können dich Beziehungsprobleme weder aus der Bahn werfen noch auffressen. Und dann kannst du deiner Freundin auch jederzeit die Freiheit geben, die sie braucht, und du fühlst dich wohl und sie fühlt sich wohl. Das ist einfach superwichtig für eine gute Beziehung!
Also: Such dir eine Wohnung, rette deine Liebe und tu was für dein eigenes, von ihr unabhängiges Selbstwertgefühl. Auch hier sind Bücher zu Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl usw. sehr hilfreich.
Herzlichst
Beatrice Poschenrieder