Meine Frau ist mit einem anderen durchgebrannt

Hallo Beatrice,
ich bin seit 20 Jahren verheiratet. Wir hatten Höhen und Tiefen, aber in den letzten 12 Jahren war es wirklich die große Liebe für uns beide (zwei Kinder, 18 + 16). Vor zwei Monaten schlich sich plötzlich ein Nachbar in unser Leben, 14 Jahre jünger als meine Frau; alle Bekannten, die ihn kennenlernten, halten ihn für einen Angeber, Spinner und Versager.
Ich hatte gerade berufliche und finanzielle Probleme und habe meine Frau etwas vernachlässigt. Während ich beschäftigt war, waren die beiden stundenlang am Reden und haben Unmengen von Alkohol dabei vertilgt. Nach und nach wurde ich misstrauisch und bekam heraus, dass die beiden sich ineinander verliebt hatten. Es kam zu einem Riesenknatsch, ich drohte ihm Prügel und einiges mehr an.
Meine Frau war erst gar nicht bereit darüber zu sprechen, dann bat sie mich um ein paar Tage Bedenkzeit, um sich für einen von uns zu entscheiden. Die Frau des anderen hatte ihn inzwischen herausgeworfen. Die beiden trafen sich heimlich weiter. Nach ein paar Tagen sagte meine Frau, sie liebe mich sehr, aber sich möchte noch ein paar Tage mit André (ihrem Lover) zusammenbleiben. Angeblich hätten sie sexuell nichts miteinander, sie würden sich auf eine andere Art lieben.
Ich setzte sie ständig unter Druck, beleidigte sie und sagte dann am Sonntag zu ihr, ich würde ihr keine Chance mehr geben zu mir zurückzukommen.
Am Montag hat sie heimlich ihren Job, der ihr viel bedeutete, gekündigt und sich am Dienstag mit wenig Kleidung und 2000 Eu von unserem Konto davongeschlichen. In ihrem Brief schrieb sie, sie würde allein weggehen, um Ruhe zu finden. Ich war natürlich völlig geschockt, denn als ich am Dienstag nach Hause kam, hatte ich ein Geschenk und wollte mich mit ihr versöhnen.
Am Abend meldete sie sich telefonisch, um mir zu sagen, dass es ihr gutgehe. Ich habe daraufhin ständig auf Andrés Handy angerufen, aber er stritt ab, bei ihr zu sein.
Am Donnerstag bekam ich durch Bluff und gezielte Fragen bei André heraus, dass sie zusammen waren. Ich sagte, ich würde mich sofort auf den Weg machen, um sie abzuholen. Kurz darauf rief sie mich an und sagte, ich solle sie bitte zur Ruhe kommen lassen. Ich begann, sie anzuflehen zurückzukommen, egal zu welchen Bedingungen, weinte und bettelte. Dann hatte ich André am Hörer und der sagte, es wäre ihnen mit mir zu gefährlich, sie würden jetzt erstmal zwei Wochen wegfliegen. Angeblich wären sie auf dem Frankfurter Flughafen.
Seit diesem Gespräch habe ich nichts mehr von den beiden gesehen oder gehört. Das Handy schaltet sofort auf Mailbox, ich spreche täglich darauf und bitte um Rückruf. Ich bin schon Hunderte von Kilometern mit meiner Tochter (die übrigens genauso verzweifelt ist wie ich) umhergefahren, um etwas über ihren Verbleib zu erfahren.
Andrés Frau sagt, er wäre die größte Niete im Bett, der sie je begegnet wäre, sie hätte sich eh bald scheiden lassen und ist froh, dass er weg ist.
Bis auf das Geld meiner Frau haben sie nur noch zwei Kreditkarten mit, die seine Frau heute sperren ließ. Ansonsten besitzt André nur ein überzogenes Konto. Er hat seinen Job ebenfalls gekündigt.
Ich bin über die vielen Lügen, die mir die beiden aufgetischt haben, sehr gekränkt. Wie kann ich mit meinem Schmerz fertigwerden? Ich vermisse sie so sehr. Ob sie eventuell zu uns zurückkommt? Und soll ich sie dann noch aufnehmen? Oder sollte ich die Scheidung einreichen? Über einige helfende Ratschläge würde ich mich sehr freuen.
Viele Grüße, Walter (52)

Lieber Walter,
ich hoffe von Herzen, dass Sie die Scheidung noch nicht eingereicht haben! Ich denke, es ist noch lang nicht alles verloren. Ihre Frau wird bestimmt bald merken, dass die langen und guten Ehejahre sie stärker binden als dieser junge Kerl. Sie hat momentan eine Phase der Neuorientierung, sie braucht etwas Abstand zu Ihnen, um sich ihrer Gefühle und ihrer Lebenssituation klar zu werden. Bitte geraten Sie nicht so in Panik! Die Wahrscheinlichkeit, dass sie zurückkommt, ist sehr hoch.
Leider muss ich sagen, dass Sie mit Ihrem Verhalten sehr dazu beigetragen haben, dass sie fortgegangen ist und sich versteckt, statt sich zu melden. “…ich drohte ihm Prügel und einiges mehr an… Ich setzte sie ständig unter Druck, beleidigte sie und sagte dann am Sonntag zu ihr, ich würde ihr keine Chance mehr geben, zu mir zurückzukommen.”
Ach du meine Güte! Natürlich waren Sie gekränkt, aber Sie haben im nachhinein sicher selber gemerkt, dass das Ihre Frau buchstäblich wegtreiben musste. Hier mein Rat: Falls Sie sich noch nicht für dieses Verhalten entschuldigt haben, so tun Sie es jetzt. Und zwar mit dem hochheiligen Versprechen, dass Sie nie wieder so reagieren werden. (Denn wenn Ihre Frau befürchten muss, dass der Terror weitergeht, sobald sie nach Hause kommt, wird sie nicht zurückkommen.)
Respektieren Sie, dass Ihre Frau Zeit haben möchte. Sie muss von sich aus das Bedürfnis haben, wieder auf Sie zuzugehen. Solange Sie ihr so zusetzen wie jetzt, wird dieses Bedürfnis nicht aufkommen. Lassen Sie sie eine Weile in Ruhe – komplett! Vielleicht zehn Tage. Und dann versuchen Sie, ihr zu übermitteln, dass Sie inzwischen über alles nachgedacht haben und eingesehen haben, dass vieles schiefgelaufen ist, woran Sie nicht ganz unschuldig waren, und dass Sie in aller Ruhe mit ihr darüber reden möchten. Bitten Sie sie höflich um ein Gespräch; die Bedingungen (Zeit, Ort, Dauer) bestimmt sie. Sagen Sie ihr, dass Sie sie schrecklich vermissen und alles tun werden, damit sie zurückkommt – und seien Sie bereit, das auch umzusetzen.
Denn es geht jetzt nicht um Ihre gekränkte Mannesehre – den Punkt können Sie später behandeln, wenn Sie sicher sein können, dass Ihre Frau wieder da ist und auch dableibt. Nutzen Sie die Zwischenzeit, um tatsächlich darüber nachzudenken, wie es dazu kommen konnte, dass sie sich in einen anderen verlieben konnte. Eine Frau, die eine an sich gute Ehe führt (und das seit 20 Jahren!), verknallt sich ja selten aus Jux und Dollerei in einen anderen und haut mit ihm ab. Meistens fehlt diesen Frauen schon länger etwas, in der Regel ist es Zuwendung, Respekt, Wertschätzung, jemand, der ihnen zuhört und zeigt, dass sie liebenswert sind. Sie sagen ja selber: “Ich hatte gerade berufliche und finanzielle Probleme und habe meine Frau etwas vernachlässigt. Während ich beschäftigt war, waren die beiden stundenlang am Reden…”
Die Aussage “Angeblich hätten sie sexuell nichts miteinander, sie würden sich auf eine andere Art lieben” lässt mich vermuten, dass dieser junge Mann Seiten in Ihrer Frau anspricht, die sie bei Ihnen nicht ausleben konnte. Wenn Ihnen wirklich viel an Ihrer Frau liegt, dann sollten Sie ihr signalisieren, dass Sie bereit sind, ihr auch das zu geben, was sie bisher vermisst hat. Ich weiß, das sind viele Zugeständnisse, aber man muss hier immer das Ziel im Auge haben: dass sie zurückkommt. Alles andere, Ressentiments, Wut, Rachegefühle, Ungeduld etc. muss dahinter zurückstehen.
Ich wünsche Ihnen, dass alles wieder ins Lot kommt.
Beatrice Poschenrieder