Bin ich immer noch nicht über ihn hinweg?

Hallo Beatrice!
Vor gut fünf Monaten habe ich (29) meinen damaligen Freund (jetzt 27) verlassen. Wir hatten eine sehr intensive anderthalbjährige Beziehung. So glücklich wir auch waren, so dramatisch war es dann auch. Wenn wir uns gestritten haben, artete das immer ins Extreme aus. Nicht nur von einer Seite, wir beide waren so aufbrausend, dass so manches kaputt gegangen ist. Abgesehen von ein paar Gegenständen, sind auch Respekt, Vertrauen und Zuneigung daran zugrunde gegangen.
Ich liebte ihn wirklich über alles. Und wäre bereit gewesen, alles für ihn zu tun.
Nun, irgendwann hab ich dann doch endlich eingesehen, dass es nicht mehr ging. Nachdem er sich auch immer mehr zurückzog, hatten wir beide uns nichts mehr zu sagen. Am Telefon habe ich es beendet. Ohne langes Diskutieren, wie wir es sonst immer taten.
Er wirkte sehr überrascht, was mich heute noch stutzig macht.
Ich wusste, dass ich ihn schrecklich vermissen würde, und es kommt immer wieder hoch, aber der starke Schmerz hält meist so 3-4 Wochen an, dann geht’s auch wieder.
Wir haben nie wieder ein Wort gewechselt, ich hab die Orte gemieden, wo wir uns begegnen könnten.
Mit den Männern danach hat’s nie funktioniert. Ich war halt von vorneherein ehrlich und hab immer gesagt, dass mein Ex immer noch der erste Gedanke jeden Morgen ist. Unter anderem hatte ich einen Monat lang was mit einem verheirateten Mann zu laufen. Das war soweit ganz angenehm, ich musste oder durfte mich halt nicht jeden Tag bei ihm melden. Als er sich von seiner Frau trennen wollte (ich habe übrigens nicht die Eheprobleme hervorgerufen), hab ich nein gesagt, er sollte bloss bei ihr bleiben, und hab den Kontakt abgebrochen.
Und wer mich fragte, wo ich bin, war oder hin will, der konnte gleich wieder die „Koffer packen“. Hab eben keinen mehr an mich rangelassen. Wollte aber auch nicht alleine sein.
Meinen Ex will ich auf keinen Fall zurück, dass ist klar! Doch von Partys und One-Night-Stands hab ich langsam genug.
Frage: Was ist das jetzt? Bin ich immer noch nicht über ihn hinweg?
Und wieso bringt mich einer, der zwei Jahr jünger ist, so aus der Fassung?
Anna (29)

Wir können nicht miteinander und nicht ohne einander

Wir haben viel zu viel gestritten, es ging einfach nicht mehr…

Liebe Anna,
Du fragst:
„Bin ich immer noch nicht über ihn hinweg?“
Die Trennung ist ja erst gut 5 Monate her, das ist nicht allzu lang. Es dauert schon seine Zeit, bis man eine Beziehung verarbeitet und “verdaut” hat. Manchmal findet diese Verarbeitung schon innerhalb der noch laufenden Beziehung statt, aber gerade wenn das so eine turbulente Geschichte ist wie bei euch, ist da oft gar kein Raum für „Besinnung“.
Möglicherweise hast du auch nach der Trennung nicht so recht damit angefangen, es zu verarbeiten, sondern hast versucht, es zu verdrängen und dich abzulenken (durch Affären, neue Männer kennenlernen usw.). Hast du dich mal wirklich intensiv damit auseinandergesetzt, was bei euch schiefgelaufen ist? Welche Mechanismen sich da eingeschlichen haben? Welchen Beitrag du dazu getan hast, dass es so oft zum Streit kam und letztendlich den Bach runterging? Was du in der nächsten Beziehung anders machen solltest? usw. Vielleicht magst du es aufschreiben, das ist oft der beste Weg der intensiven Bewältigung.

Du fragst außerdem:
„Wieso bringt mich einer, der zwei Jahr jünger ist, so aus der Fassung?“
Jeder Mensch, für den man starke Gefühle hegt oder hegte, kann einen aus der Fassung bringen, egal ob er 20 Jahre jünger oder älter ist oder weniger attraktiv oder weniger gebildet…
Bei euch hat das viele Hin und Her und das heftige Streiten natürlich noch die Leidenschaft angefacht; das ist zwar viel anstrengender als in einer harmonischen Beziehung, verstärkt aber oft auch das „Liebes-Gefühl“. Denn man muss ja immer wieder all seinen Willen aufbringen, um sich wieder zusammenzuraufen. Und je mehr man sich um etwas bemühen muss, desto „wertvoller“ fühlt es sich an und desto stärker sehnt sich unser Inneres danach, dass endlich “alles gut wird”. Doch diese Illusion von tiefer Leidenschaft ist letztendlich eher emotionale Abhängigkeit als wirkliche Liebe (das wird oft verwechselt!).

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Herzlichst
Beatrice Poschenrieder