Muss ich in einer festen Beziehung eigene Freundschaften und Hobbies ggf aufgeben?

Liebe Beatrice,
mein Freund (27) und ich sind erst seit 6 Monaten zusammen, aber ich habe ihn vor ca. 4 Monaten auf Zeit bei mir einziehen lassen, weil wir uns sonst nur am Wochenende gesehen hätten. So ist jetzt schon eine intensive Beziehung entstanden. Er hatte vor mir eine 6-jährige Beziehung, wusste aber gegen Ende, dass dies nicht von Dauer ist und zweifelte stark daran, ob er je eine Frau finden wird, die zu ihm passt. Das hängt mit seinem Charakter zusammen – er erwartet viel, ist intelligent, gebildet, reflektiert über sich selbst und hat eine sehr gute Beobachtungsgabe, was das Wesen anderer angeht. Ein toller Mann also. Allerdings auch mit Ecken und Kanten, dazu später. Jedenfalls hat er mich kennengelernt und sich unheimlich in mich verliebt. Ich sei intelligent, suche ähnlich wie er eine feste Bindung, er unterhält sich gerne stundelang mit mir. Er will jeden Tag mit mir zusammen sein, sagt, er liebt mich über alles, tut viel für mich – so wie man es sich eben nur wünschen kann.
Die zweite Person in meinem Leben ist meine Freundin, die ich seit Grundschulzeiten kenne. Wir haben früher alles gemeinsam gemacht, jetzt studiert sie in einer anderen Stadt und wir sehen uns natürlich seltener, aber trotzdem regelmäßig.

Das grundsätzliche Problem: Sie findet meinen Freund nicht allzu sympathisch. Sie kann mit seiner Art nicht umgehen, denn er provoziert oft und kann verbal (auch mir gegenüber) sehr ruppig werden – ich glaube, das ist sein Mittel, um einem Gespräch eine Wendung zu geben, um sich nicht all zu sehr zu langweilen (denn das tut er mit fast allen meinen Freunden). Meine Freundin ist ihm zu “Mädchenhaft”, ich kann verstehen, was er meint, leide aber trotzdem unter dieser Situation.
Zum Eklat kam es gestern. Meine Freundin hat mir vor 2 Jahren einen Gutschein zum Essen geschenkt – wir beide in einem teuren Restaurant. Ich habe schon Ärger vorausgesehen, als ich ihm gesagt habe, sie würde sich lieber zu zweit mit mir zu diesem Essen treffen, weil die Abende mit ihm (es waren neun) immer mäßig bis unangenehm waren. Wir haben uns heftigst gestritten, er wirft er ihr vor, sie wäre besitzergreifend und würde mich nicht los lassen wollen und ich wäre nicht reif für eine feste Beziehung.
Ihn stört der Ausschluss, dass er nicht mit DARF (ob er will, ist ja eine andere Frage) – er sagt, mit jedem Treffen ohne ihn entscheide ich mich GEGEN ihn, und das kann er nicht akzeptieren. Seine Prinzipien sind: gemeinsam überall sein zu KÖNNEN. Ganz nach der Fasson “Ein Mann, der nicht mindestens seine Freizeit mit seiner Familie verbringt, ist kein Mann”.
Ich wiederum bewerte das nicht so stark und habe ihn gebeten, ein paar Mal im Jahr von diesen Prinzipien abzuweichen; Antwort: nein. Habe ihm gesagt, ob er wirklich unsere Beziehung/gute Stimmung dafür aufs Spiel setzen möchte und mich letztendlich auch unglücklich macht, weil ich das Gefühl habe, mich zu verbiegen. Nein – Ich solle mich entscheiden. Will ich mein Leben lang mit meiner Freundin zusammen bleiben? So jedenfalls könne man keine Beziehung und später vielleicht sogar Familie haben.

Ich kann ihn ja auch verstehen. Ich finde es schön, dass er mich immer gern um sich haben würde. Nie würde er mir verbieten, irgendwo nicht mit zu dürfen. Obwohl ich es sogar akzeptieren würde… da sind unsere Konzepte einfach verschieden. Und er hätte es mir auch leichter machen können. Ich halte ihm vor, dass er sich in den Treffen mit ihr mehr bemühen hätte können. Dann hätte ich ein Treffen zu dritt vorgeschlagen, wahrscheinlich hätte meine Freundin trotzdem lieber mich für sich allein, aber wenigstens könnte sie sich nicht zu Recht darauf berufen, wie schlecht die Abende mit ihm sind.

Also, um zum Punkt zu kommen: Die Schwüre, die meine beste Freundin und ich uns von klein auf gegeben haben “Nie darf uns ein Mann auseinanderbringen!” werden jetzt wohl auf die Probe gestellt. Was soll ich tun?? Er sagt mir, ich sei egomanisch und brauche keine Beziehung, ganz im Stile der heutigen Zeit. Ich sähe alles aus meiner Perspektive und tue nichts, was unangenehm sein könnte, aber nähme alles, was ich kriege.
Hier jedenfalls habe ich zurückgesteckt und bin nicht zum Essen gegangen. Der Abend endete nach dramatischer Heulerei mit einer Versöhnung. Aber heute morgen kamen wieder diese Zweifel – verbiege ich mich? Ist er zu besitzergreifend? Will ich für ein paar Treffen im Jahr meine Beziehung aufs Spiel setzen? Mit einem Mann, der interessant, liebevoll, intelligent und attraktiv ist? Oder gerate ich da geradewegs in etwas hinein, was ich in ein paar Jahren bereue? (Übrigens bin ich, seit er und ich zusammen sind, auch meinem Hobby Salsa-Tanzen nicht mehr nachgegangen, weil er das weder teilt noch mag und mir signalisiert hat, dass es ihm missfällt, wenn ich mit anderen Männern tanze, aber das finde ich nicht so schlimm.)

Ich bin völlig ratlos! Ich würde mir wünschen, Sie sagen mir, ich solle doch mal erwachsen werden und nicht auf lächerlichen Freundinnen-Ritualen herumreiten. Zumindest hat er mir versprochen, sich bei den nächsten gemeinsame Treffen mit ihr mehr zu bemühen.
Kann ich zufrieden sein?
Meike (25)

Liebe Meike,
nein, ich werde Ihnen auf keinen Fall raten, “erwachsen zu werden und nicht auf lächerlichen Freundinnen-Ritualen herumzureiten”!
Im Gegenteil sind Freundschaften, die man neben einer Beziehung führt, extrem wichtig, und wenn der Partner das unterbindet, hat er das Wesen von “Liebe” nicht wirklich begriffen und auch nicht, wie eine gute Paarbeziehung geht.
Liebe bedeutet Akzeptanz, Großzügigkeit und dem anderen das zu lassen, was ihm wichtig ist – ja ihn sogar darin zu unterstützen.
Ein einzelner Mensch kann uns nicht die ganze Welt sein – und sollte es auch nicht!

Vor allem so eine lange Frauenfreundschaft dürfen Sie nicht zerbrechen lassen, nur weil Ihr Freund besitzergreifend, egozentrisch und arrogant ist. Jawohl, sorry, das ist er! Er ist arrogant und menschenverachtend, hält sich für etwas Besseres und erlaubt es sich obendrein, auf etwas herumzutrampeln, was Ihnen so wichtig ist.
Ich bin ziemlich bestürzt über so viel Egozentrik.
Und ich wette, diese Wesenszüge an ihm werden Ihnen in Zukunft noch sehr oft zu schaffen machen, falls die Beziehung von Dauer sein sollte.

Selbst wenn er Ihre Freundin nicht leiden kann, ist es in einer guten Beziehung selbstverständlich, dass er es ohne Wenn und Aber akzeptiert, dass Sie regelmäßigen Kontakt halten. Wobei dieser Kontakt ja sogar schon auf ein Minimum zurückgesetzt ist!
Das Gleiche betrifft Unternehmungen ohne ihn. Selbst wenn er Sie überall hin mitnehmen würde, heißt das noch lange nicht, dass Sie mit ihm zusammenkleben müssen wie siamesische Zwillinge. Im Gegenteil betrachtet jeder Partnerschaftsexperte das sogar für gefährlich. Die meisten Beziehungen bleiben nur dann auf Dauer lebendig und interessant, wenn jeder auch seine eigenen Bereiche und Freundschaften haben und pflegen kann.

Ich sage Ihnen jetzt, was normal und wünschenswert für eine gute Beziehung ist:
– Dass jeder mindestens zwei eigene Freunde hat, die er regelmäßig sieht
– Dass jeder einmal pro Woche etwas eigenes unternimmt, an dem der Partner nicht beteiligt ist
– Dass jeder mindestens ein Hobby pflegt, was der Partner nicht teilt.
Und das ist bestimmt nicht ein beziehungsfeindlicher Anspruch “ganz im Stile der heutigen Zeit”. In allen guten langen Paarbeziehungen (20, 30, teils sogar 40 Jahre und länger zusammen), die ich kenne, wird es genau so gehalten.

Er wirft Ihnen vor, Sie seien egomanisch und bräuchten eigentlich gar keine Beziehung, “ganz im Stile der heutigen Zeit. Ich sähe alles aus meiner Perspektive und tue nichts, was unangenehm sein könnte, aber nähme alles, was ich kriege.”
Das ist unverschämt und beleidigend – ich persönlich würde meinem Partner dann sagen, “du verurteilst mich so scharf, nur weil ich meiner Freundin gegenüber loyal bin? Da ist die Tür!”
Ich denke, genau das, was er Ihnen vorwirft, trifft AUF IHN zu. Immerhin haben Sie ihn sehr schnell bei sich einziehen lassen, haben ihm in Ihrer Wohnung und Ihrem Leben sehr viel Platz eingeräumt, und Sie entwickeln sehr viel Akzeptanz und Toleranz für seine “Kanten”, Sie versuchen, auch seine Sichtweise in Ihre Überlegungen einzubeziehen – sehr sehr viele Frauen würden das alles nicht tun.
Nicht Sie sind unpartnerschaftlich, ER ist es.
Leider “belohnen” Sie Ihren Freund auch noch dafür – nämlich indem Sie nachgeben und zurückstecken. Aber solange Sie ihn belohnen, wird er sein intolerantes Verhalten und seine fürchterliche Einstellung nicht ändern.
Was rate ich Ihnen also? Beharren Sie auf den Dingen, die Ihnen wichtig sind. Holen Sie dieses Abendessen mit der Freundin so bald wie möglich nach, nehmen Sie ihn nicht mit. Fangen Sie wieder an, die Bereiche zu pflegen, die Sie seinetwegen vernachlässigt haben, gehen Sie Salsatanzen!
Natürlich riskieren Sie erst mal Zoff und Ärger. Seien Sie bereit, das zu riskieren. Wenn er Sie wirklich so liebt, wie er behauptet, wird er sich bald damit abfinden. Und wenn nicht: dann liebt er Sie nicht.
So einfach ist das.

Hören Sie auf, sich für ihn zu verbiegen. Ein Partner, für den wir uns verbiegen müssen, ist nicht der Richtige für uns!!!
Herzlichst
Beatrice Poschenrieder

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