Frag Beatrice

Große Liebe gefunden, nun quälen mich Verlustängste, Eifersucht, Depressionen!

Liebe Beatrice,
ich bin sehr froh, dass ich deine Seite gefunden habe, denn seit einiger Zeit habe ich einen unglaublichen Kampf mit mir selber und weiß nicht, mit wem ich reden soll.
Ich (25) bin seit neun Monaten mit meinem 8 Jahre älteren Freund zusammen und eigentlich ist auch alles toll. Ich bin vor sieben Monaten bei ihm eingezogen und wir teilen alles miteinander. Ich liebe diesen Menschen über alles und genau das ist das Problem, ich liebe ihn so sehr, dass es schon weh tut. Ist er mal nicht da, d.h. ist er nur bei der Arbeit, bin ich todunglücklich und so traurig, dass ich zuhause sitze und weinen muss. Ich hatte dieses Gefühl noch nie so extrem, und so langsam habe ich Bedenken, dass ich zur Heulsuse mutiere. Ich habe so eine Verlustangst in mir, dass ich antriebslos geworden bin und total neben mir stehe. Mir ist das Lachen vergangen und ich kann mich über fast nichts mehr freuen.
Ich male mir manchmal aus, dass er mich von heut auf morgen verlassen könnte, und bei dem Gedanken daran fange ich schon wieder an zu zittern und muss mir die Tränen verkneifen.

Bevor ich ihn kennen gelernt habe, war ich so selbstbewusst und mich konnte nichts umschmeißen, ich war immer so locker. Wenn einer meiner Exfreunde ausging, fand ich das überhaupt nicht schlimm, im Gegenteil, ich hatte dann Zeit für mich und bin mit meinen Mädels auf Piste gegangen (und war auch leider nicht immer brav). Und jetzt?
Ich erkenne mich selber nicht wieder und denke, dass ich einen an der Klatsche habe, ich bin so eifersüchtig geworden, dass ich jede Frau, die meinen Freund gefällt (das sehe ich sofort) abgrundtief hasse. Ich muss dazu sagen, dass er es auch sehr genießt, im Mittelpunkt zu stehen, und mit Frauen gerne flirtet, auch weiß ich, dass er früher nicht immer treu war. Er sagt zwar, wenn er eine Frau liebt, würde er sie niemals betrügen, und dass ich mir keine Sorgen machen brauche. Er kümmert sich um mich und passt auf mich auf und sagt, dass er mich noch so liebt wie am ersten Tag. Ich merke es ihm aber einfach an, dass er nicht mehr so verrückt nach mir ist, und das bringt mich fast um, weil ich am liebsten jede Minute meines Lebens mit ihm verbringen möchte, ich brauche ihn wie die Luft zu atmen, und kommt er mal später nach Hause, mache ich mir solche Sorgen. Ich denke dann, dass was passiert ist oder dass er bei einer anderen ist. Ich weiß, dass dieses Misstrauen ihm gegenüber unfair ist, aber diese Gedanken kommen immer wieder.
Ich hatte schon den Gedanken mich zu trennen, damit dieser Alptraum entlich aufhört, aber ich kann es nicht (er ist mein Deckel). Ich versuche mir immer zu sagen, bleib locker, lass ihm seinen Freiraum. Ich habe auch Regeln aufgestellt, die ich versuche einzuhalten, z.B rufe ich ihn im Geschäft nie an, ich warte immer, bis er nach Hause kommt….Ich versuche halt ihn nicht einzuengen und mich in seine Lage zu versetzen, außerderdem ist er geschäftlich sehr eingespannt und hat von daher fast keine Lust mehr auf Sex.
Das belastet mich total! Ich bin ein Mensch, der das dringend braucht, bekomme ich es nicht, fühle ich mich hässlich und ungeliebt. Er meint, es liege am Arbeiten und es nervt ihn selber, dass er einfach keine Lust hat. Er hat schon gefragt ob er sich Viagra einschmeißen soll…
Hallo? Braucht er etwa ein Pillchen, um Lust auf mich zu bekommen und das schon nach neun Monaten? Ich meine, er ist in der Blüte seines Lebens!!! Ich verstehe es einfach nicht, ich suche dann den Fehler immer bei mir, denke, dass ich ihn nicht mehr reize. Wir haben auch schon mehrmals darüber geredet, und er sagt immer, dass ich sein absoluter Hotbody bin und dass ich mir wie immer keine Gedanken machen brauch…
Blödsinn, ich bin 25 jahre alt, ich will nicht nur einmal im Monat Sex haben. Aber sagen darf ich ja jetzt nichts mehr, weil das ihn ja unter Druck setzen könnte.
Keine Ahnung, was ich tun soll… so geht´s aber nicht weiter mit mir, bitte schreibe zurück!!!
Theresa (25)

Liebe Theresa,
du schreibst: “Ich liebe ihn so sehr, dass es schon weh tut.”
Genaugenommen fühlt sich diese Liebe so stark an, weil sie mit einer extremen Abhängigkeit vermischt ist.
Du erläuterst dieses Weh-Tun:
“Ist er mal nicht da, d.h. ist er nur bei der Arbeit, bin ich todunglücklich und so traurig, dass ich zuhause sitze und weinen muss. Ich hatte dieses Gefühl noch nie so extrem, und so langsam habe ich Bedenken, dass ich zur Heulsuse mutiere. Ich habe so eine Verlustangst in mir, dass ich antriebslos geworden bin und total neben mir stehe. Mir ist das Lachen vergangen und ich kann mich über fast nichts mehr freuen.
Ich male mir manchmal aus, dass er mich von heut auf morgen verlassen könnte, und bei dem Gedanken daran fange ich schon wieder an zu zittern und muss mir die Tränen verkneifen.”
Du bist innerhalb der Beziehung mit ihm in eine Gefühlslage geraten, die eigentlich zu einem kleinen Kind gehört, was mit sich allein nichts anfangen kann und das meint, nicht überleben zu können, wenn die Bezugsperson nicht da ist. Das heißt, er ist jetzt in einer Elternrolle und du in einer Kindrolle.

Es ist bezeichnend, dass du ihn deinen „Deckel“ nennst… Denn es gibt einen Vergleich, den ich als Therapeutin gern anwende, und zwar: Je mehr wir uns gefühlsmäßig einem Menschen öffnen, desto mehr geht auch der Deckel unseres „inneren Mülleimers“ auf – dort, wo all unsere alten unbearbeiteten Wunden, Verletzungen und Ängste gesammelt sind. Das Blöde ist also, dass gerade in unser wichtigsten, tiefsten Beziehung am schlimmsten die Altlasten und Ängste rauskommen, die dann die Beziehung stören (und leider oft „zer-stören“!). Diese Ängste wirken so zerstörerisch, weil sie oft wenig oder nichts mit der aktuellen Beziehung zu tun haben, sondern mit Vergangenem. Daher ist es nötig, dass wir uns intensiv mit der Vergangenheit auseinandersetzen, die unbearbeiteten Verletzungen und unschönen Erlebnisse bearbeiten und die alten Wunden heilen. Allerdings ist es sehr schwierig, dies allein zu schaffen. Es geht besser und schneller mit fachlicher Hilfe, z.B. einer einfühlsamen Therapeutin.
Ich hoffe, das erschreckt dich nicht, aber ich denke, dass dies nötig wäre, um diese wunderbare Beziehung zu erhalten. Denn es zeigen sich ja jetzt schon deutliche Anzeichen, dass deine Ängste auch deinen Freund belasten: beim Sex. Ich glaube nicht, dass es wirklich der Stress ist, der ihm auf die Lust drückt, sondern er spürt ganz genau deine Abhängigkeit und deine innere Anspannung, und das setzt indirekt auch ihn unter Druck. Du „brauchst ihn wie die Luft zu atmen“ und das nimmt ihm allmählich die Luft zum Atmen – denn es ist einfach zu viel des Guten! Zudem spürt er unbewusst auch die neue Rollenverteilung: er Elternteil, du Kind, auch das mindert natürlich das Begehren sehr!

Denk jetzt nicht, dass ich dir irgendwelche Schuld daran geben will. Du kannst ja nichts dafür. Aber ich sage dir das, um dir zu verdeutlichen, dass du dringend was unternehmen musst, bevor das Ganze noch mehr kippt.
Herzlichst, Beatrice Poschenrieder

Große Liebe gefunden, nun quälen mich Verlustängste, Eifersucht, Depressionen!
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