Ich hab viele Psycho-Probleme, doch mein Freund hat noch mehr und tut nichts!

Sie steht sich selbst im Weg und ist depressiv. Ihr Freund hat eine Angststörung und eine Sex-Blockade. Sie arbeitet an sich, er nicht

Ich kann mich selbst nicht leiden, doch mein Freund ist noch ein größerer Psycho!

Hallo liebe Beatrice,
ich habe mich sehr über Deine lange Antwort-Mail gefreut (Brief «Hab ich wirklich eine versteckte Depression?»). Mit dem, was Du mir da über eine versteckte Depression geschrieben hast, kann ich viel anfangen. Ich glaube, dass ich mir tatsächlich oft selbst im Weg stehe und Dinge tue, die mir direkt oder indirekt schaden. Und das alles, weil ich wahrscheinlich immer noch tief in mir davon überzeugt bin, dass ich es nicht verdient habe, dass es mir gut geht. Obwohl ich es doch jetzt “geschafft“ habe: endlich einen Job und eine eigene Wohnung gefunden habe. Wer hätte es gedacht. Meine Mutter (jaja, die liebe Mutter!) gar nicht.
Naja und jetzt dreh ich mir selbst den Saft ab. Ich weiß oft wirklich nicht, was mich froh machen könnte. Dabei rede ich noch nicht mal von “glücklich“, nur vom Frohsein. Zufrieden. In einem kurzen Moment, mit einer Kleinigkeit. Das finde ich sehr traurig, weil ich mich richtiggehend dazu zwingen muss, mir was für mich zu überlegen. Aber ich werde dran arbeiten.
Ich habe einen guten Job – genau auf mich zugeschnitten – bei einem großen Unternehmen gefunden, im Controlling. Ich habe gewissermaßen meine Kontrollsucht zum Beruf gemacht.
Aber mich belastet noch etwas. Mein neuer Freund hat diese Angststörung (das hat ihm eine Neurologin attestiert), lässt sich aber nicht behandeln – wohl aus finanziellen Gründen (er müsste zu einer Therapie etwas dazubezahlen), ich glaube aber auch, dass er das generell vermeiden will. So nach dem Motto: Ich gehe tief in mich, lese viele Bücher über Selbstheilung durch Fabeln und dann klappt das schon. Ich meine das nicht böse. Bin überzeugt, dass er wirklich in sich geht. Er selbst sagt, dass sich seine Angst zum Beispiel darin zeigt, dass er nicht bei anderen anecken, keine Fehler machen will und ansonsten Dinge eher aufschiebt, als sie zu erledigen.
Seitdem er seine Antidepressiva abgesetzt hat und es ihm etwas besser geht, haben wir darüber nicht mehr gesprochen, aber ich merke, dass ich teils unzufrieden damit bin, dass er nichts tut, teils Angst habe, dass latente Depressionen bei beiden Partnern nicht gut für eine Beziehung sind. Manchmal, wenn er sich nur wegen einem Geräusch erschrickt, begründet er das mit der Angststörung. Dabei steht er damit ja weiß Gott nicht allein.
In vielen Dingen ist er mir gegenüber verhalten. Einerseits sagte er mir vor Wochen, dass es so leicht sei, sich mir mitzuteilen, andererseits tut er das aber gar nicht. (Oder eben nur in dem Maße, wie es ihm richtig erscheint.) Er sagt mir sehr wohl, dass er mich schön, süß, was weiß ich was findet, damit hat er kein Problem. Ich habe trotzdem immer öfter das Gefühl, dass es eine Kluft zwischen uns gibt, weil wir nicht “richtig” miteinander reden. (Das war die ersten beiden Monate nicht so). Mir fehlt die Berührung. Weißt Du, was ich meine? Ich habe das Gefühl, er traut sich nicht, sich mir gegenüber gehen zu lassen. Das wiederum blockiert mich.
Es ist gerade ziemlich unleidenschaftlich zwischen uns. Nicht nur in sexueller Hinsicht. Er sagt mir z.B. nicht, dass er Lust auf mich hat (obwohl er sie hat). Ich aber auch nicht!
Die Berührungslosigkeit im Alltag spiegelt sich im Bett wider. Andererseits kann ich ihm keinen Vorwurf machen, denn ich bin auch nicht diejenige, die versucht, diese Kluft zu schließen. Sexuell bin ich reichlich unbefriedigt und sage ihm nicht, was er besser machen könnte. Zum großen Teil, weil ich es selbst nicht weiß und Angst davor habe, gemeinsam mit ihm vor dem “Nichts“ zu stehen, weil es nicht so klappt wie gewünscht oder weil ich enttäuscht darüber bin, dass er nicht von selbst drauf kommt. Dabei ist er wiederum enttäuscht darüber, dass er mich nicht so befriedigen kann, wie das umgekehrt vielleicht der Fall ist. Auf jeden Fall merke ich, wie ich langsam genervt davon bin, dass er so sehr mit sich selbst bzw. seinen Körpersignalen beschäftigt ist, ohne wirklich etwas dagegen zu tun (er ist eben wirklich sehr ängstlich). Dass er sagt, er wolle mich nichts über meine Vergangenheit und mein jetziges Leben fragen, sondern lieber abwarten, dass ich etwas von mir erzähle (Desinteresse? Nein, nicht wirklich. Faulheit? Vielleicht. Angst, zu aufdringlich zu sein? Er weiß, dass ich es mag, wenn man mich fragt).
Vielleicht wollen wir beide an der Hand genommen und aus dem Tal der Tränen gezogen werden.
Ach, ich weiß auch nicht. Er ist fürsorglich, nett, zärtlich, intelligent, etwas tollpatschig – aber das finde ich eigentlich reizend -, schweigsam – auch das ist grundsätzlich kein Problem. Ich finde ihn körperlich anziehend. Er hat Stil und Persönlichkeit, ist aber eben oft nicht “da“. Ich will nicht genervt von ihm sein.
Wie kann ich ihm etwas von diesen Gedanken vermitteln? Darf ich das überhaupt? Nach 3 Monaten?
Ich hätte gerne einen präsenteren Mann, einen, der auch für mich stark sein kann.

Schönes Wochenende!
Paola (40)

Liebe Paola,
Du fragst: „Wie kann ich ihm etwas von diesen Gedanken vermitteln? Darf ich das überhaupt? Nach 3 Monaten?“ Ja, unbedingt. Rede endlich Klartext mit ihm. Ich denke, du tust es nicht, weil du unterbewusst Angst hast, dass er dir davonlaufen könnte, wenn du ihm zu viele unbequeme Sachen sagst. Aber das wird er nicht. Er hat dich genauso gern wie du ihn, und ihm ist es genauso wichtig, mit dir zusammenzubleiben, wie dir. Du musst halt freundliche und respektvolle Worte für den Klartext finden, aber das dürfte für dich kein Problem sein. Du beklagst viele Dinge an ihm. Aber genau die selben Dinge liegen auch bei dir im Argen. Du fragst mich, wie du es machen könntest, dass er z.B.
– Therapie macht
– sich dir mehr öffnet
– zärtlicher ist
– mehr Berührung zwischen euch schafft
– mehr redet
– beim Sex mehr macht und mehr auf dich eingeht
– mutiger ist usw.
Nun, die Antwort ist ganz einfach: TU DU ES! Mach DU den Anfang! Auch mit der Therapie (du musst eine finden, die dir wirklich hilft!). Er wird in allem nachziehen. Vielleicht nicht sofort, aber er wird.
Alles Gute
Beatrice Poschenrieder