Bis jetzt war ich kalt und narzisstisch, liebt meine Freundin mich vor allem dafür?

Liebe Beatrice,
erst einmal muss ich dir sagen, dass deine Seite recht famos ist und du wirklich jede Frage zum Thema Beziehung kompetent beantworten kannst!
Nun aber zu meinem Problem. Früher war ich ein “Mister Aussichtslos” wie aus deinem Buch, heute bin ich ein Mensch mit Aussichten, der vor seiner Vergangenheit steht.

Narzisst mit Spiegelbrille, junger Mann

Bisher fand ich immer, ich bin der Tollste, aber mein narzisstisches Selbstbild bröckelt…

Ich führe eine Beziehung mit einem 19jährigen Mädchen, welches ich vor anderthalb Jahren kennen lernte und mit dem ich zusammen kam, weil es sich in mich verliebte. Damals war ich zu keiner Liebe fähig, weil ich ein egozentrischer Narzisst war, der Menschen wie Objekte behandelte und nur sich selber als etwas Tolles empfand. Dementsprechend nutzte ich sie aus und ging einfach die Beziehung mit ihr ein. Es folgten anderthalb Jahre, in denen ich eine gute Zeit hatte, weil sie mit mir umgehen konnte, so wie ich war, nämlich sehr oft sachlich statt einfühlsam.
Als ich dann aber vor sechs Tagen einen Gedankengang hatte, der mir half, die Ursache meines Daseins als Narzisst langsam zu entdecken, zu erkennen und somit auch zu beseitigen, bekam ich direkt Magenschmerzen, als ich mit ihr telefonierte, weil ich fühlte, dass ich damals gelogen hatte, als ich ihr sagte, dass ich in sie verliebt war, ohne dieses Gefühl empfinden zu können.
Seitdem geht es in meinem Leben so steil bergauf, dass ich mich zum ersten Mal wirklich wie ein Mensch fühle und auch jeden so sehen kann. Das Problem ist eben nur, dass ich jetzt oft mit meiner Vergangenheit konfrontiert bin, die ja immerhin 20 Jahre so war, wie sie ist, und ich bei jedem Rückblick ein wenig Schmerz empfinde, weil ich jetzt erst merke, wie gefühlskalt ich damals mit Menschen umgegangen bin und was das in ihnen auslöste.
Und ich weiß jetzt auch, wie schlecht sich oft Menschen gerade wegen mir gefühlt haben müssen. Und damit wären wir wieder bei meiner Freundin.
Denn in den anderthalb Jahren habe ich sie durch mein Verhalten zu einer devoten Person erzogen, die auch jetzt bei Konfrontationen am Telefon immer noch ein wenig die Erniedrigung sucht in dem, was ich sage, weil sie es eben von mir gewohnt ist, so behandelt zu werden, als würde sie unter mir stehen – eben devot. Wir haben diese Begegnungen momentan nur am Telefon, weil ich eine Fernbeziehung mit ihr führe, denn sie wohnt in XX, während ich in YY lebe.
Als ich ihr gestand, dass ich sie niemals lieben konnte, war sie so verletzt, dass sie momentan einen Schutzwall um ihre Seele errichtet hat, den ich so vorsichtig wie möglich schrittweise abbaue. Aber es bleibt eben dieses Grundproblem, dass dieses devote Denken in ihrem Kopf verankert ist, und ich habe die Befürchtung, dass sie sich davon nur befreien kann, wenn sie sich mit ihrer Kindheit auseinandersetzt. Denn das, was sie in mir damals sah, diese kühle Sachlichkeit, ist auch eine Eigenschaft ihres Vaters, der ein erfolgreicher Naturwissenschaftler ist und eben auf seine Mitmenschen auch nicht immer gefühlvoll eingeht, sondern die Sachlichkeit vorzieht. Ich denke nun, dass er der Auslöser dafür ist, dass sie jemals für mich etwas empfinden konnte, weil ich eben etwas widerspiegelte, was sie von ihrem Vater kannte. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sie sich auch von diesen Dämonen ihrer Seele lösen kann und einfach so frei in ihrem Denken ist, dass sie alles, was die Natur hervorbringt, so schätzen kann wie ich es jetzt sehe: Nämlich so, dass jedes Spiel der Natur eine Kraft und Ästhetik in sich trägt, jeder einzelne Mensch, jedes Wesen.

Ich merke jetzt oft, dass sie noch dieses Grundgefühl, diese Begeisterung für mich in sich trägt und eben oft nicht zeigt, weil sie so brutal von mir verletzt wurde, als ich ihr gestand, früher einfach keine Liebe empfinden zu können. Und deswegen glaube ich, dass sie diesen Schutzwall ihrer Seele komplett einreißen kann, um mich zu sehen, so wie ich jetzt bin, und mich auch so lieben zu können. Ich habe mich mit diesem Brief selber ein Stück weit befreit, und vielleicht magst du trotzdem sagen, was du darüber denkst. Vielleicht kannst du mir einen Tipp geben, wie ich besser umgehen kann mit dem, was ich früher war, weil ich einen Schrecken vor mir selbst bekomme mit dem, was ich früher angerichtet habe.
Alles Liebe, Paul (21)

Lieber Paul,
du sagst:
“Vielleicht kannst du mir einen Tipp geben, wie ich besser umgehen kann mit dem, … was ich früher angerichtet habe.”
Fang damit an, dass du dich bei den Menschen um dich herum, die du verletzt oder vor den Kopf gestoßen hast, entschuldigst. Tu dies auch bei deiner Freundin. Ihr solltest du ganz genau erklären, was derzeit in dir vorgeht, deinen inneren Wandel, deine Reue usw., und sie fragen, was sie darüber denkt und wie sie das empfindet. Frag sie auch direkt, ob sie dem “neuen Paul” noch genauso viel Gefühle entgegenbringt. Erwarte die Antwort nicht sofort, gib ihr Zeit zum Nachdenken und Nachspüren.
Ferner denke ich, dass du die Vergangenheit ja nicht ungeschehen machen kannst, sondern dein Augenmerk darauf richten solltest, es in Zukunft anders zu machen. Das wird schon Gedanken und Mühe genug kosten, denn es ist nicht einfach, sein jahrelang antrainiertes Verhalten von einem Tag auf den anderen zu ändern. Man muss immer achtsam bleiben und versuchen, sich in andere Menschen hineinzufühlen.
Im Zusammenhang damit noch folgender wichtiger Hinweis: Du schreibst, «Als ich vor sechs Tagen einen Gedankengang hatte, der mir half, die Ursache meines Daseins als Narzisst langsam zu entdecken, zu erkennen und somit auch zu beseitigen…»
Ein paar Erkenntnisse reichen niemals aus, um die Ursachen von Narzissmus (in Sinne einer Persönlichkeitsstörung, wie sie vermutlich bei dir vorliegt) zu beseitigen. Das ist ausgeschlossen! und möglicherweise auch ein etwas narzisstischer Gedanke von dir. Es gibt jeden Menge Narzissten, die – zumindest zeitweilig – durchaus fühlen und sich einfühlen können, aber trotzdem noch Narzissten sind. Viele von ihnen (vielleicht sogar die Mehrzahl) schaffen es nie, diese Persönlichkeitsstörung loszuwerden. Wenn du es loswerden willst, ist das eine lange Arbeit, die stetes Dranbleiben erfordert.

Wenn ich dich richtig verstanden habe, besteht dein Hauptproblem in Bezug auf deine Freundin vor allem darin, dass du befürchtest, sie könnte aufhören, dich zu lieben (oder dich weniger lieben), wenn du jetzt nicht mehr der sachliche, überhebliche Paul bist. Deshalb möchtest du, dass sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt, damit sie diese Art von Lieben überwinden kann. Aber: sie dazu zu drängen, wäre wiederum ein eher narzisstisches Anliegen, hinter dem steht, dass du weiterhin von ihr geliebt werden willst. Von daher tust du erst einmal recht daran, so vorsichtig wie möglich mit ihr umzugehen.
Die große Frage ist: Liebst du sie denn nun? Oder geht es in erster Linie darum, dass du weiterhin von ihr geliebt werden willst?

Vielleicht trägt sie ja auch eine Sehnsucht in sich, nicht nur angenommen zu werden, wenn sie sich unterordnet, sondern sie selbst ist.
Aber weißt du denn ganz genau, wer sie wirklich ist? Frag sie. Fang an, dich für sie zu interessieren, für ihre Sehnsüchte, Wünsche, Gedanken; nimm sie als Person ernst und versuche nicht, ihr Lehrer zu sein, sondern ein Lernender. Das heißt: nicht bohren, nicht drängen, nicht versuchen, ihr deine neue Sichtweise einzuflößen, sondern sehr viel Geduld, Respekt, Akzeptanz, Wohlwollen und eine Beweglichkeit des Geistes aufbringen – und: WÄRME! Dann bestehen gute Chancen, dass sie sich im Laufe der Zeit zu einer eigenständigen Person entwickelt, die dich nicht dafür liebt, dass du sie dominierst, sondern dafür, dass du ihr So-Sein unterstützst und gutheißt.

Hier noch zwei sehr hilfreiche Buchtipps für dich:
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Liebe Grüße
Beatrice Poschenrieder