Er nimmt unsere Beziehung und mich nicht ernst (Teil 2)

Fortsetzung des Briefes “Er nimmt unsere Beziehung nicht ernst!”

Hallo Beatrice!
Erstmal vielen Dank für Deine Antwort. Ich hab mir die Mail ins Büro geschickt, weil er mir daheim immer über die Schulter sieht. Er misstraut mir im Moment total, hab ich das Gefühl. Er darf stundenlang am PC sitzen und wenn ich dann was sage, dann ist er beleidigt. Und wenn ich das dann mal 2 Stunden mache, was wirklich nicht oft vorkommt, dann kriegt er direkt die Krise.
Ich hab mir viele Gedanken nach Deiner Mail gemacht. Und ich musste mir die eine oder andere Träne verkneifen. Und dann hab ich mir gedacht, dass ich einfach mal ganz ehrlich auf die Fragen antworte und sie Dir zuschicke, da Du mir das angeboten hast.
1) Bin ich überhaupt noch glücklich mit ihm?
Mal ja, mal nein, aber ich denke, dass die negative Seite seit kurzem überwiegt.
2) Was hält mich bei ihm? Meine Bequemlichkeit auf jeden Fall, aber das fällt ja weg, wenn wir jetzt sowieso in 8 Wochen ausziehen müssen.
Auf jeden Fall auch mein eigenes Gewissen. Ich bin schon geschieden und hatte damals auch ziemlich Probleme mit meinem Ex-Mann. Der hat sich verhalten wie ein Weichei, ständig geheult und so. Mein Freund jetzt fällt in die gleiche Rolle, heult auch rum. Und ich falle dann in diese ‚Mutterrolle‘.
3) Fühl ich mich verpflichtet, bei ihm zu bleiben, weil ich ihn aus seiner Ehe losgeeist hab?
Nein, das ist nicht der Grund. Vielmehr, weil ich der Ex den Triumph nicht gönne, dass wir jetzt doch gescheitert sind.
4) Was ärgert mich an unserer Beziehung, an ihm?
Ich leide an einer Angststörung, bin ein schlechter Beifahrer im Auto, fliege nicht gern etc. Kann also nicht gut vertrauen! Und manchmal glaube ich, dass er das nicht ernst nimmt. Fährt dann besonders schnell und besonders nah auf. Und regt sich dann auf, wenn ich nicht mehr mit ihm Auto fahren will!
Dann ärgert mich immer wieder, dass er so schnell beleidigt ist. Man kann mit ihm nicht richtig diskutieren, weil er mich immer stehen lässt wie ein kleines Kind, wenn ihm was nicht passt. Und ich werde dann schnell laut, weil ich sowas hasse!
Ich bin ein Mensch, der wenige Freunde hat, dafür aber gute. Er kennt viele Leute und Bekannte, aber da ist kein richtiger guter Freund dabei. Und er verlangt dann immer, dass ich nicht so schroff zu ’seinen Freunden‘ (z.B. im Schützenverein) sein soll. Ach, ich könnte noch unzählige Sachen aufzählen.
5) Ob in den letzten 1 – 2 Jahren mein Selbstwertgefühl, meine Lebenslust zurückgegangen ist?
Ja, das stimmt. Das hat mir auch vor ein paar Tagen noch meine Freundin bestätigt. Ich sag nur noch zu allem ‚Ja und Amen‘, damit ich meine Ruhe hab. Das kenne ich eigentlich auch nicht von mir, habe wohl schon resigniert!
6) Unterstützt mein Freund mich, ist er da, wenn ich ihn brauch?
Nun ja, momentan nicht so. Ich glaube, dass er viel mit sich selbst beschäftigt ist. So eine Art von Midlife Crisis!
7) Ich weiß nicht genau, ob ich ihn noch liebe, da sind noch Gefühle, aber ob das reicht…?
8) Wie steht’s ums Sexualleben? Ich finde, es ist langweilig geworden. Habe auch nicht mehr viel Lust auf Sex. Vielleicht passiert´s einmal die Woche, aber dann meistens nur, weil ich will, dass er Ruhe gibt. Wie bereits geschrieben, er ist immer schnell beleidigt, und das kann ich nicht haben.
9) Haben wir die selben Vorstellungen von der Zukunft?
Ich denke nicht. Wie soll ich mir mit jemandem was aufbauen, der noch nicht mal Geld für eine Scheidung hat. Ich bin eigentlich diejenige, die ihn so mitdurchzieht.
10) Wie steht’s mit der Zärtlichkeit zueinander?
Och, wir knuddeln eigentlich viel und küssen auch viel. Gehen sehr liebevoll miteinander um. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass das manchmal gespielt ist.

Sicherlich wäre es mal Zeit Konsequenzen zu ziehen, aber ich hab Angst davor.
Ich wollte noch anmerken, dass wir immer schon Probleme wegen der Kinder hatten. Seit er sich von der Mutter getrennt hat, wollen sie nicht mehr viel von ihm wissen. Ich denke, dass er unterbewusst mir die Schuld daran in die Schuhe schiebt.
Es grüßt Dich: Iris (28)

Liebe Iris,
wahrscheinlich ist dir, als du deine Mail an mich nochmal durchgegangen bist, das selbe aufgefallen wie mir: dass kein einziger reeller Grund drinsteht, warum du bei diesem Mann bleiben solltest. Außer vielleicht, dass ihr meist liebevoll miteinander umgeht – das ist schon mal etwas. Andererseits schreibst du selbst, dass in letzter Zeit die negativen Seiten überwiegen (was du in den Punkten 5 – 9 geantwortet hat, ist wahrhaft alamierend!!!).
Und ich habe das Gefühl, dass noch was überwiegt: er, und zwar in eurer Beziehung. Kann es sein, dass er oft wie eine Dampfwalze über dich drüberrollt und gar nicht mitkriegt (nicht mitkriegen will), was in dir vorgeht?!
Er hat das Ruder, das du ihm aus irgendeinem Grund überlassen hast. Überleg dir, warum, und überleg dir Wege, wieder mehr Gleichgewicht herzustellen, falls du diese Beziehung und deinen Seelenfrieden retten willst.
Damit meine ich zum Beispiel:
1) Wenn du in irgendeiner Weise von ihm abhängst, dann sorge dafür, dass du’s nicht mehr bist.
2) Tu was für dein Selbstbewusstsein und hör auf, dich von ihm unterbuttern zu lassen.
3) Lass dir nichts mehr gefallen, aber zerre dann auch nicht an ihm herum, sondern verfolge einfach auf freundliche Weise deinen eigenen Weg.
4) Vergrößere deinen Bekannten- und Freundeskreis, vor allem in männlicher Hinsicht. Mach dir bewusst, dass viele dich als begehrenswert empfinden. Geh aus und flirte, was das Zeug hält.
5) Besinne dich wieder auf deine eigenen Interessen, auf alles, was dir Spaß macht, ohne immer nach ihm zu schielen.
6) Bezieh‘ tatsächlich eine eigene Wohnung – zeig ihm, dass du auch ohne ihn klarkommst. Und so weiter.
Es gibt ein geniales Buch hierzu, wo es ganz genau beschrieben ist, was du alles tun kannst und musst, um in einer Paarbeziehung wieder die Liebe und Achtung des Mannes zu gewinnen und wieder ein Gleichgewicht herzustellen: «Das Geheimnis, wie sich ein Mann wieder in Sie verliebt: Wie Sie ihn wieder an sich binden, wenn er sich von Ihnen emotional entfernt hat».

Außerdem denke ich, du solltest unbedingt was gegen deine Angststörungen tun – denn auch diese verstärken, dass du in einer ’schwächeren‘ Position bist. Du kannst z.B. zum Hausarzt gehen und ihn bitten, dir eine Therapie zu verschreiben.
Und ich möchte dich noch etwas bitten: Schau in deinen Entscheidungen und in der Gestaltung deines Lebens nicht zu sehr auf die anderen. Schließlich ist es deine Zufriedenheit, dein Innenleben, um das es geht. Es liegt an dir, ob du dafür sorgst, dass du ein glücklicher Mensch bist. Eine amerikanische Psychologin sagte mal: „Der einzige Grund, bei einem Mann zu bleiben, ist, wenn er dein Leben bereichert.“
Beatrice Poschenrieder