Grade jetzt, wo ich meine Fehler einsehe, löst er unsere Verlobung… Ist es zu spät?

Hallo Beatrice,
ich bin verzweifelt. Mein Freund (28), mit dem ich über 2 Jahre zusammen war, hat vor einer Woche mit mir Schluss gemacht.
Seit ich Anfang Juni nach einem Auslandssemester zurückkam (wo er mich zweimal besucht hat und ich ihn einmal, währenddessen wir uns auch verlobt hatten im März), hatte ich irgendwie schon so ein komisches Gefühl, als ob er sich nicht richtig freuen würde, mich wiederzusehen. Und dann ist unsere Beziehung irgendwie auseinandergedriftet, wir sahen uns wenig und hatten auch immer weniger Sex.
In letzter Zeit hatte ich mir nun viele Gedanken um die Beziehung und mein Verhalten gemacht. Ich schrieb einen 8-seitigen Brief, was mir alles leidtut und warum:
Ich war sehr oft ungerecht zu ihm; quasi jedesmal wenn er Überstunden machen musste, habe ich einen Riesenaufstand geschoben. Wenn er mal etwas machen wollte, was mir warum-auch-immer nicht in den Kram gepasst hat, hab ich jedesmal einen Riesenstreit provoziert. Schon wegen Kleinigkeiten habe ich ihm mit Trennung gedroht, und wenn der Streit dann so richtig schön im Gange war, habe ich meistens geblockt und nichts mehr gesagt. Und das im Prinzip alles, weil ich mit mir selbst nicht klarkam.
Letzten Sonntag wollte ich ihn überraschen. Ich kam an, und er hat sich erst einmal tierisch gefreut. Dann hat er mich gefragt, warum ich das nicht schon viel früher getan habe.
Nach so etwa einer halben Stunde normaler Unterhaltung habe ich ihm dann den Brief gegeben. Er hat ihn gelesen und die ganze Zeit nur geheult. Dann hat er gesagt, dass es ihm unendlich leid tue, aber das ganze Körperliche könne er sich mit mir nicht mehr vorstellen (Sex oder Küssen lief schon seit Mitte Juni nicht mehr, seit April habe er sich selbst nur noch dazu gedrängt), er wisse auch nicht, ob es jemals wiederkommt.
Er liebe mich als Mensch noch unwahrscheinlich, er fände es toll, mit mir zu reden, Fernzusehen, Schwimmen zu gehen etc, und ich sei in seinem Leben nach seiner Familie der wichtigste Mensch. Er hat gesagt, es gäbe “auf jeden Fall” noch eine Chance, und die Hoffnung würde immer zuletzt sterben. Allerdings hatte er mir 2 Wochen zuvor noch gesagt, dass er mich auch liebe und ich alle Chancen der Welt hätte, es besser zwischen uns zu machen, deshalb weiß ich nicht, inwieweit ich das glauben kann.
Ich habe dann noch bei ihm übernachtet (wir wohnen etwas weiter auseinander), “musste” ihm noch eine Sms schicken, dass ich gut zu Hause angekommen bin, und seitdem war eine Woche Funkstille.
Nun hat er mich heute endlich angerufen, und wir haben ne 3/4 Stunde hauptsächlich über belangloses Zeug gequatscht. Als ich erwähnt habe, dass ich nur noch am Heulen bin, hat er gesagt, er habe auch sehr viel geweint.

Ich bin mir nicht sicher, ob es das nun endgültig war oder ob er einfach nur Zeit braucht und vielleicht überfordert war und deshalb direkt Schluss gemacht hat, und je mehr ich hin und her überlege, desto größer wird das Chaos in meinem Kopf.
Ich muss dazu sagen, ich liebe diesen Mann über alles, und ich bin fertig mit der Welt. Vor 4 Monaten wollten wir noch zusammen alt werden!
Deshalb würde ich so gerne wissen, was Du davon hältst. Ich weiß, du bist ehrlich, auch wenn es wehtut, und ich brauche entweder eine Hoffnung, an die ich mich klammern kann (denn das Risiko würde ich auf jeden Fall eingehen, ich würde alles für ihn tun, nachdem ich auch eingesehen habe, welchen Murks ich gebaut hab) oder eine harte Aussage, damit ich damit abschließen kann.
Ich will ihm im Moment nicht die Pistole auf die Brust setzen, weil ich glaube, dass es mehr schaden als nützen würde, wenn noch Hoffnung besteht, aber ich glaube ganz ehrlich, dass ich den Kontakt zu ihm abbrechen würde, wenn ich jetzt schon weiß, dass es keinerlei Hoffnung mehr gibt. Es würde mir einfach viel zu weh tun. Ich bin jetzt schon nur noch am Heulen, und ihn irgendwann mit einer anderen Frau zu sehen, die alles von ihm bekommt, was ich mir verbockt habe, könnte ich nie ertragen, weshalb das sowieso das Ende der Freundschaft wäre.
Danke, Nana (25)

Er hat sich getrennt, weil ich so fies und ungerecht zu ihm war

Ich war ein echter Kotzbrocken, ein kleines Monster mit spitzer Zunge und scharfen Zähnen!

Liebe Nana,
nachdem ich deinen Brief dreimal durchgelesen habe, um zu verstehen, was da zwischen euch abging, komme ich zu folgenden Vermutungen:
Eigentlich gab´s bei euch schon im ersten Jahr Probleme, und zwar vor allem dadurch, dass du mit dir selbst nicht klarkamst und das oft an ihm ausgelassen hast. Deinem Brief nach musst du ein ganz schön zickiges Biest gewesen sein und manchmal auch richtig gemein zu ihm. Dann warst du ein Jahr im Ausland; da ihr euch in diesem Jahr nur dreimal gesehen habt, waren die Treffen immer sehr schön und intensiv, besonders das im März, wo ihr (aufgrund des Abstands) euch so gut verstanden habt, dass ihr euch spontan verlobt habt.
Danach, als du wieder weg warst, kam aber dein Freund ins Grübeln: Hm, jetzt bin ich verlobt, das heißt, ich werde diese Frau bald heiraten und dann sehr lange mit ihr zusammen sein… Und dann fielen ihm nach und nach die vielen üblen Sachen aus dem ersten Jahr ein, die vielen Verletzungen und Missstimmungen, die vielen Stunden, wo du ihm das Leben zur Hölle gemacht, ihn verletzt, ihn irritiert, ihn gestresst hast. Und er fragte sich: Soll ich diese Frau wirklich heiraten?
Vermutlich hat er sich jemandem anvertraut; jemand, der schon vorher mitgekriegt hat, dass du teilweise eine schwierige und unausgeglichene Frau bist. Dein Freund fragte: “Meinst du, sie hat sich geändert? Meinst du, das hält an?” Und dieser jemand erwiderte: “So schnell ändert man sich nicht. Es war jetzt leicht für sie, sich anders zu verhalten, weil ihr keinen Alltag mehr zusammen hattet und euch so selten gesehen habt. Aber ich wette, sie würde sich bald wieder so verhalten wie früher, wenn ihr erst mal ne Weile wieder normal zusammen seid.”
Und damit hätte dieser jemand wahrscheinlich recht. Es ist zwar gut, dass du deine Fehler erkannt hast, aber das heißt noch lange nicht, dass sie deswegen verschwunden sind. Vermutlich kämen sie, wenn ihr euch wieder so nah wäret wie früher, in fast demselben Ausmaß wieder. Selbst wenn sie weniger geworden sind, ist das immer noch zu viel für eine Beziehung.
Wie auch immer: Dein Freund bekam immer mehr Zweifel und ging innerlich auf Abstand. Er traute sich noch nicht gleich, es zu zeigen, aber wenn ich das richtig verstanden hab, habt ihr euch im April nochmal gesehen, wo er sich schon zum Küssen und zum Sex drängen musste, und ab Juni ging es dann gar nicht mehr. Sein Körper drückte das aus, was sein Mund sich nicht zu sagen traute: Dass er dir nicht mehr so nah sein will; dass er innerlich eigentlich schon ganz schön weit weg ist. Du hast das auch an anderen Dingen gespürt. Deshalb fingst du an, nach den Gründen zu suchen, warum er so abgekühlt ist, und kamst – sicherlich zu Recht – auf deine verletzenden und beziehungsschädigenden Verhaltensweisen. Damit hast du auch mitten ins Schwarze getroffen, wie man an seiner Reaktion sah: Er weinte die ganze Zeit, während er den Brief las. Zum Teil weinte er sicherlich auch, weil er dachte: Jetzt, wo sie einsieht, was falsch gelaufen ist, ist es fast schon zu spät… Obwohl er dich irgendwie noch liebt, hat er sich aus Selbstschutz schon sehr weit von der Beziehung entfernt, was sich bei ihm stark auf körperlicher Ebene ausdrückt – eine Ebene, die viel mit dem Unterbewusstsein korrespondiert und wo man mit Willensanstrengungen nicht viel ausrichten kann.

Habt ihr noch eine Chance? Vielleicht. Aber wie groß die ist, hängt sehr von dir ab. Du solltest so bald wie möglich anfangen, an deinen wunden Punkten zu arbeiten, die diese Beziehungsschäden verursachten. Und zwar mit fachlicher Hilfe, denn ich denke, allein schaffst du das nicht. Eine Therapie wird nicht nur deiner Beziehung, sondern auch dir selbst sehr nutzen (wenn es eine ist, die gut zu dir passt).
Ich kann mir vorstellen, dass sich dein Freund, wenn er sieht, dass du ernst machst mit deiner Veränderung, sich auch wieder allmählich wieder auf dich zu bewegt.
Alles Gute, Beatrice

Hallo Beatrice,
zu meinem Ex: Wir haben seitdem nochmal telefoniert, hauptsächlich über Blabla-Themen wie Arbeit oder was wir so gemacht haben. Ob da nochmal eine Annäherung möglich ist, ich hab echt keine Ahnung. Ich habe erstmal für mich beschlossen, meine Hoffnung, dass er wiederkommt, so weit wie möglich von mir wegzuschieben, damit ich wieder essen und schlafen kann, was seit 2 Tagen auch ganz gut klappt. Das habe ich ihm auch gesagt, allerdings auch, dass ich immer noch dieselben Gefühle für ihn habe und auch weiterhin Kontakt mit ihm haben möchte. Ich hoffe, das war kein Eigentor…

Er hat mir jedenfalls gesagt, dass er immer noch nicht zur Ruhe gekommen ist, um über alles richtig nachzudenken und das im Moment auch nicht richtig will. Und dass er, solange nicht zu mir zurück könnte und wollte, solange er nicht 100% hinter der Sache stehen würde, vielleicht in 1 oder 2 Monaten wieder am selben Punkt angelangt wäre.

Ich möchte Dir sagen, dass mir Deine Antwort wirklich geholfen hat, ich kann die Dinge jetzt irgendwie klarer sehen.
Über das Thema “Therapie” habe ich mir über die Jahre schon öfter meine Gedanken gemacht, es aber nach ner schlechten Erfahrung vor ca. 5 Jahren (der Mann war zwar sehr nett, aber schon 3 Tage vor dem nächsten Termin bekam ich nur beim Gedanken daran Magenkrämpfe, und es hat mich viel mehr belastet als es mir geholfen hat) habe ich das immer wieder von mir weggeschoben.
Es ist nicht so, dass ich noch “Ursachenforschung” betreiben müßte, warum ich das tue und woher das eigentlich kommt, das ist mir mittlerweile so ziemlich klar; nachdem Alkoholismus bei mir in der Familie ein Riesenproblem war, ich 5 Jahre (von 11 bis 15) magersüchtig war und ein paar weniger nette Erfahrungen mit Männern hatte, habe ich mich mit vielem auseinandersetzen müssen und wollen, einfach nur um weitermachen zu können.
Ich glaube, ich bräuchte jemanden, der mir hilft, mein Verhalten und meine Reaktionen zu ändern, denn das ist für mich im Moment das Problem:
Ich kann nicht oder extrem schwer meinen Verstand einschalten, wenn irgendwas passiert, was mich stört, und ich habe dann so eine Art “Theorie” im Kopf, die mich nur noch schwarz-weiß sehen läßt, und irgendwann platzt alles aus mir heraus. Deswegen glaube ich, dass ich jemanden brauche, der mir hilft, den Film, der dann jedesmal in meinem Kopf abläuft und oft meilenweit von der Realität weg ist, anzuhalten.
Meine Frage ist, wie ich jemanden finde, der genau das mit mir machen kann, ob es da eine spezielle Bezeichnung außer “Verhaltenstherapie” gibt und worauf ich da achten sollte.
Liebe Grüße, Nana

Liebe Nana,
danke für deine Rückmeldung – so etwas ist mir immer sehr wertvoll.
Eine Therapie wäre gut, denn da gibt es ja einiges aufzuarbeiten.
Ob es da eine spezielle Bezeichnung außer “Verhaltenstherapie” gibt? Das weiß ich nicht genau. Verhaltenstherapie wäre sicherlich ganz gut.

Vermutlich hat der Therapeut vor 5 Jahren nichts Gutes bei dir bewirkt, weil er einfach nicht zu dir gepasst hat oder weil du noch nicht so weit warst. Ich würde dir sowieso erst mal raten, eine Therapeutin zu suchen, denn viele Frauen kommen damit besser klar. Mach Termine bei ein bis drei Therapeutinnen für ein Erstgespräch; das reicht in der Regel, dass du aus dem Bauch raus entscheiden kannst, ob du bei dieser Person ein gutes Gefühl hast (fachlich und menschlich). Wenn die erste nicht passt, such eine andere – solange, bis du jemand gefunden hast, wo´s passt.
Bitte lies dazu unbedingt:
«Woran man echte Narzissten erkennt: 10 Kennzeichen für Narzissmus»
«In jeder Beziehung inszeniere ich Dramen – warum?»
Hat sie durch ihre Zickerei die Trennung provoziert?
Werde ich ihn wieder durch meine Zicken verlieren?
Alles Gute
Beatrice Poschenrieder