Ich will erst paar Probemonate mit ihm, bevor ich meinen Freund verlasse

Liebe Beatrice,
vielen Dank für Deine Hilfe. (FORTSETZUNG VON “Hat er Angst vor der eigenen Courage oder will er doch nichts von mir?“)
Es hat wirklich geklappt. Mein Neuer und ich waren zusammen, ganze 4 Tage, es war einfach berauschend. Alles war ganz einfach und selbstverständlich mit ihm, wie ein Seelenverwandter. Das hat er auch gemerkt und dann extra wegen mir seinen Aufenthalt hier in Australien bis Ende des Jahres verlängert.
Er hat – nachdem ich ihm sehr eindeutige Zeichen gegeben habe, dass ich ihn näher kennenlernen will – mich mehrmals abends eingeladen und mich letztendlich auch geküsst, obwohl er wusste, dass ich einen Freund habe.
Nach den vier Tagen fing das Disaster aber dann an: Er versuchte mich unter Druck zu setzen. Er hätte ein Problem damit, dass ich nach dem Australienaufenthalt zu meinem Freund zurückkehren könnte. Ich sagte, dass die Entscheidung, ihn so nahe an mich heranzulassen, auch in gewisser Hinsicht eine Entscheidung gegen meinen Freund gewesen ist, und dass ich durchaus die Möglichkeit sehe, dass wir danach zusammenbleiben, weil ich ihn sehr liebe.
Ich habe weiterhin gemeint, dass diese vier Monate, die uns jetzt noch zusammen bleiben, ein Test sein könnte, ob wir uns verstehen und ob das mit unseren unterschiedlichen Kulturen klappt. Dass wir mit oder ohne meinen Freund auf jeden Fall nach Australien erstmal getrennt wären und Zeit hätten, festzustellen, ob der andere noch in das Leben hineinpasst, das man selbst sich dann vorstellt.
Seine Reaktion: Er hat mir eine Woche gegeben, um mich von meinem Freund zu trennen, worauf ich ihm geantwortet habe, dass ich das nicht so einfach tun werde und mich von ihm nicht unter Druck setzen lasse. Dann wollte er es ummünzen auf Freundschaft, die aber Umarmungen und Küsse (keine Mundküsse) und Händchenhalten beinhalten soll. Das kann und will ich nicht.
Eine Vermutung, warum er so reagiert: In den drei Nächten ist eigentlich nicht viel passiert, eben knutschen und ein wenig Petting. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass ich seine erste richtige Freundin bin und damit die erste Frau war, die er nackt gesehen hat, den ersten Zungenkuss und seinen ersten Orgasmus (als ich ihn hier auf Selbstbefriedungung ansprach, sagte er nur, dass er sowas nicht tun würde) erlebt hat.
An dieser Stelle nochmal der Hinweis: Er ist 25 Jahre alt und zurzeit wirklich durcheinander. Ich denke, dass er im Moment das durchmacht, was ich selbst in der Pubertät durchgestanden habe. Er hat Angst vor Nähe, aber auch Angst vor Distanz. Wenn ich nicht auf ihn reagiere, spricht er mich an, ruft mich an, will etwas mit mir alleine machen… Und er sagt, dass er total durcheinander ist, weil er gerade merkt, wie sehr Frauen einen Mann verwirren können. Auf der anderen Seite sagt er, dass er auf mich warten will, bis ich mich, auch wenn es länger dauert, von meinem Freund getrennt habe. Und dass er mich liebt, auch wenn ich mich gegen ihn entscheide.
Ich glaube, dass er das im Moment wirklich so meint. Ich habe ihm aber auch gesagt, dass da bei ihm zurzeit eine Menge Hormone im Spiel sind und dass wir vielleicht schon nach 2 der uns verbleibenden 4 Monate erkennen, dass es nicht funktioniert. Das sieht er anders. Er sagt: Ich habe mich für Dich entschieden, und ich bin mir ganz sicher mit Dir. Und er sagt, dass er eben ein Mensch sei, der seine Entscheidungen gründlich, dann aber dauerhaft trifft.

Da mich die Entscheidung, ihn in die Beziehung zwischen meinen Freund und mir zu lassen, sehr viel Kraft gekostet hat, leide ich sehr unter der Situation, versuche aber, einen klaren Kopf zu bewahren. Seit nunmehr 3 Tagen sind wir “nur noch” Freunde. Er hat nach einer Woche Bedenkzeit “Nein” gesagt zu den vier Monaten mit mir (ich habe ihn nicht unter Druck gesetzt, was die Entscheidung betraf – kein Ultimatum oder so). Berührungen lasse ich jetzt nicht mehr zu, irgendwelche Aktivitäten werden meinerseits nicht mehr vorgeschlagen, seine Vorschläge werden zumeist abgeblockt.
Er fragte nun, was mit mir los sei. Darauf meinte ich, dass ich jetzt Abstand zu ihm aufbauen muss und es ein paar Wochen dauern kann, bis ich wieder normal mit ihm umgehen kann. Er sagt daraufhin immer, wer weiß, was ich ein paar Wochen ist… Er versucht also immer noch, die Situation in der Schwebe zu halten. Ich antworte daraufhin immer nur: Du hast die Entscheidung gegen uns getroffen, und es gibt keinen Weg mehr zurück.

Ob es wirklich keinen Weg mehr zurück gibt, weiß ich nicht. Liebe ist schließlich eine große Sache. Und wie gesagt: Ich habe diese Leichtigkeit, die ich spüre, wenn ich mit ihm zusammen bin, bei noch keinem anderen Mann vorher gehabt.

Was ich aber weiß, ist, dass ich ihn im Moment sehr feige finde. Eine Testphase ist schließlich eine der einfacheren Übungen einer Multikulti-Beziehung. Und wenn er darauf eingegangen wäre und wir hätten die vier Monate überlebt, hätte ich mich ziemlich sicher für ihn von meinem Freund getrennt.
Ich denke einfach: Bei ihm steht nur Liebeskummer auf dem Spiel (wenn überhaupt), wenn ich mich gegen ihn entscheide. Wenn ich mich für ihn entscheide, habe ich Liebekummer wegen meines Dann-Ex-Freundes, ich muss meine Familie, Freunde und meinen Job aufgeben und ein neues Land kennenlernen.
Findest Du mich jetzt egoistisch? Was soll ich nun mit ihm tun, wenn ich überhaupt noch etwas tun soll?
Luisa (27)

DREI TAGE SPÄTER:

Hi Beatrice,
ein Nachtrag: Er hat den Abstand, den ich zu ihm hergestellt habe, nur 2 Tage zugelassen und sich dann ziemlich langsam und vorsichtig wieder an mich rangetastet und mich besucht, mich in den Arm genommen… Soweit, so gut.
Was mir aber wieder vermehrt auffiel: dass er wohl total Angst hat, dass man ihn so kennenlernt, wie er wirklich ist. Er sagt dann immer: Du kennst mich so gut, das macht mir Angst! Ich beruhige ihn daraufhin immer und meine, dass der Mensch, den ich jetzt kennenlerne, mir viel besser gefällt, als der Mensch, den er nach außen hin darstellt. Er meint daraufhin aber nur, dass ihn keiner so kennen soll, wie ich ihn schon kenne, nicht mal seine besten Freunde und Familie.

Auch wenn er irgendwie besorgt oder nachdenklich aussieht und ich ihn frage, was denn los sei, sagt er immer nur: Alles in Ordnung! Dabei weiß ich, dass gar nichts in Ordnung ist. Aber er sagt dann nichts.

Ich habe daraufhin (mal wieder) ein Gespräch mit ihm gehabt – gestern Abend: dass mir unsere Beziehung sehr viel bedeutet, ich es sehr traurig finde, dass er mir nicht ein wenig Vertrauen entgegenbringt bezüglich der Möglichkeit, ihn einfach ein wenig besser kennenzulernen, um eben herauszufinden, ob er der Mann meines Lebens ist.
Er fing dann gleich wieder mit meinem Freund an.
Ich war dann so in Aktion, dass ich ihm nochmal ganz genau gesagt habe, dass ich vier Monate innerlich viele Konflikte ausgestanden habe, bis ich es zugelassen habe, dass er sich zwischen meinen Freund und mich drängen durfte, und dass das eine Entscheidung für ihn war. Und dass er immer nur seine Sicht der Dinge sieht, seine Zukunft und seine Gefühle, aber gar nicht darauf achtet, dass ich ja auch nachdenke und durcheinander bin. Weiterhin habe ich nochmal sehr deutlich gemacht, dass wenn die Zeit hier vorbei ist und wir wieder zuhause sind, es immer eine Möglichkeit gibt, zusammen zu sein.
Ich glaube, jetzt hat er es endlich verstanden. (Der Schocker dabei war, bisher hat er wohl gedacht, ich will ein wenig Spaß mit ihm haben und das war’s dann. Dabei habe ich gestern gar nicht viel andere Worte gebraucht als vorher. Sind Männer wirklich so beschränkt?) Er hat sich ganz doll bei mir entschuldigt, dass er mir so wehgetan hat. Er wollte dann wissen, wie es nun weitergeht, ich sagte: Dass ich das jetzt noch nicht weiß.
Jetzt, nachdem alles gesagt ist, fehlt irgendwie mein Vertrauen in ihn und auch meine Gefühle sind unter diesem riesigen Chaos-Wust einfach etwas begraben.
Auf der anderen Seite ist da noch mein Freund, der mich unter seiner ganzen Arbeits- und Hobbylast fast vollständig vergessen hat. Trotzdem ist da natürlich noch eine Grundliebe, einfach weil wir schon so lange zusammen sind. Aber vielleicht ist es auch einfach nur Bequemlichkeit und Angst, mich von ihm zu trennen?! Er ist schließlich meine erste und bisher einzige Liebe.
Nachdem wir am Anfang 5-7x/Woche telefoniert haben, meldet er sich nur noch maximal 1x die Woche hier in Australien und redet nur über seine Probleme. Was ich mache, was mich beschäftigt, interessiert ihn nicht. Das geht jetzt schon seit 4 Monaten so. Ich glaube auch, dass es nur deshalb möglich war, dass ich mich in “meinen” Inder verliebt habe.

Mit meinem Freund habe ich auch gesprochen, ihm gesagt (schon zum vierten Mal!!!), dass er mit seinem Verhalten unsere Beziehung aufs Spiel setzt, dass es nicht sein kann, dass er nur Zeit für seine Arbeit/Hobbies findet, aber keine Minute frei hat, um mir mal kurz eine E-Mail zu schreiben, dass er an mich denkt o.ä. Die letzten drei Male, die ich mit ihm darüber gesprochen habe, kam dann 2 Wochen etwas mehr Aktion von ihm, die dann aber wieder abgeflaut ist. Zudem kam das alles dann sehr gekünstelt rüber.
Ich interessiere ihn einfach gar nicht mehr, auch wenn er das Gegenteil behauptet. Ich bin jetzt schon 6 Monate hier in Australien und ich habe noch keine einzige E-Mail von ihm erhalten, keinen persönlichen Brief, keine SMS… Nur eben ab und zu noch ein Anruf, mehr ist nicht drin.
Kurz:
Ich habe zurzeit einen Mann in Australien, der seine Gefühle nicht zeigen kann, total durcheinander ist, aber der sich um mich bemüht und für den ich auch Gefühle habe. Und ich habe einen Mann in Deutschland, den ich sehr gut kenne, der aber auch keine Gefühle zeigen kann und für den von meiner Seite her fast nichts mehr an Gefühlen da ist.
Und jetzt möchte ich wirklich mal wissen, was Du von alledem hältst. :o)
Luisa

Liebe Luisa,
du mutmaßt: “Vielleicht ist es auch einfach nur Bequemlichkeit und Angst, mich von ihm zu trennen?! Er ist schließlich meine erste und bisher einzige Liebe.”
Ja, genau das denke ich. Es ist ein Festhalten aus Gewöhnung, auch ein “Mögen”, ferner Angst, dass du zurückkommst und allein dastehen könntest – aber keine Liebe mehr. Und von seiner Seite sieht es genauso aus.
Ich weiß nicht, wieso du dich so sträubst, für diesen wunderbar sensiblen neuen Mann diesen Freund da abzugeben, dem seine Hobbies wichtiger sind als du.
Ja, der Neue ist sehr sensibel, in jeder Hinsicht. Ich weiß nicht, warum du jetzt weniger Vertrauen in ihn hast – ich sehe da gar keinen Anlass dazu. Alles für dich Irritierende, was er tut, tut er doch nur, um sich vor Verletzung zu schützen, und dich zum Teil auch. Er ist ein sehr verletzlicher Mensch, der die Liebe sehr ernst nimmt, deswegen geht er damit so vorsichtig um. Wenn er liebt, dann mit ganzem Herzen, deswegen tut es ihm auch so weh, wenn du zweigleisig fährst und ihn sozusagen zum Testobjekt machst: So, jetzt teste ich ihn mal ein paar Monate, und wenn er den Test nicht besteht, hab ich ja noch meinen alten Freund in Reserve…
Er hingegen, obwohl er eine Höllenangst hat, weil das alles neu für ihn ist, möchte sich mit ganzem Herzen, mit Leib und Seele in diese Liebe begeben, und das erwartet er auch von dir, schon weil dann das Risiko einer Verletzung nicht so hoch ist. Ich finde das ganz legitim von ihm. Und ich denke auch, dass du ein wenig ungeduldig bist; du hast gewisse Erwartungen an ihn, z.B. was das “Sich-Öffnen” betrifft, aber das geht nicht so schnell, zumal auch das für ihn Neuland ist. Er wird sich dir öffnen, Schritt für Schritt, aber nur, wenn du dich genauso ihm hingibst – was bedeutet, dass du dich ganz zu ihm bekennst, egal ob du ihn nun schon “getestet” hast oder nicht. Dein Herz sagt dir doch bereits, dass dieser Mann etwas ganz Besonderes ist.
Außerdem hat der Neue schon einen gewaltigen Schritt auf dich zu getan, indem er seinen Aufenthalt verlängert hat. Ein adäquater Schritt von deiner Seite wäre die Trennung von einem Mann, der Tausende Kilometer weit weg ist und dem du nicht mal eine Email oder SMS wert bist.
Trau dich! Wahre Liebe ist kein Pro-und-Contra-Abwägen, sondern ein (fast) bedingungsloses Sich-Hineinbegeben. Wahre Liebe ist Akzeptanz, Hingabe, Vertrauen. Wenn du mit Sicherheitsnetz und doppeltem Boden arbeitest, ist es nicht wirklich Liebe, sondern eher eine Art Geschäft.
Ich wünsche dir noch wunderbare Tage da unten…
Beatrice Poschenrieder