Ich bin so besessen von seiner Ex, dass es unsere Liebe zerstören könnte

Liebe Beatrice,
ich (23) habe ein seelisches Problem und habe ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, in Psychotherapie zu gehen. Ich muss es aber dringendst loswerden, es belastet mich stark, und somit auch meine Beziehung.
Mein Freund (25) und ich sind seit einem knappen halben Jahr zusammen. Unsere Geschichte ist traumhaft, ich habe so etwas noch nie erlebt. Er ist endlich jemand, der mich schätzt, mir seine Liebe zeigt und einfach ein wundervoller Mensch ist. Er ist der reinste, wunderbarste Mensch, der mir je begegnet ist. Wir sind beide davon überzeugt, dass das was ganz Großes ist…
Ich kenne sehr viele Männertypen. Ich hatte einige Beziehungen, die ich jetzt gar nicht mehr als Beziehung bezeichnen würde. Ich hatte auch ein paar One Night Stands. Und viele Fehler habe ich auch gemacht. Habe Dinge mit mir machen lassen, Probleme in mich reingefressen und viele negative Erfahrungen machen müssen, weil ich bisher immer an die Falschen geraten bin. Dabei habe ich für´s Leben gelernt und behaupte, nun zu wissen, was ich will. Und dann kam er. Er hat mir gezeigt, was wirklich echte Liebe ist. Er macht mich mit Worten oder kleinen Gesten sprachlos.
Meine damaligen “Beziehungen” glichen eben denen zweier 15-jähriger Kinder. Unsere jetzige Beziehung ähnelt der zweier lockerer, eingespielter Verheirateter. Das alles ist so reif, und doch so lustig.
Wir haben den besten, traumhaftesten Sex, den man sich vorstellen kann. Wir kommen fast immer zusammen. Wir ticken auch sonst absolut gleich, was Einstellungen und Interessen angeht. Sowas hatte ich noch nie. Und er auch nicht.

Er hatte allerdings bis vor einem Jahr eine lange Beziehung (über 4 Jahre). Im Grunde hat er all seine Erfahrung also von einer Person. Und sie ist mein Problem.
Ich kenne sie nicht. Aber ich weiß viel über sie. Denn er hat mir am Anfang wahnsinnig oft von ihr erzählt. Einfach, weil er noch vieles mit ihr verbunden hat. Ob es jetzt der Abiball war, der ja so unheimlich pompös und toll war, oder dieser Film, den ich schauen wollte, er ihn aber schon mal “mit ihr” schaute. Er erzählte nicht von ihr als Person, sondern von kleinen Ereignissen, die er mit ihr erlebte. Ich kann verstehen, dass man in vier Jahren sehr viel zusammen erlebt. Ich kenne es zwar selbst nicht, weil meine Beziehungen immer kurz und enttäuschend waren, aber ich akzeptierte es anfangs. Ich selbst erwähne nie meine Exfreunde. Nie. Irgendwann reichte es mir allerdings. Ich sagte, er solle endlich mit seiner Vergangenheit abschließen. Darauf folgte ein sehr intensives Gespräch mit vielen Tränen. Er offenbarte mir, dass er überhaupt nicht mehr verstehen kann, wie er sie damals so toll finden konnte, weil ich so unglaublich wäre und er so etwas wie mit mir noch nie erlebt hat. Er dachte vier Jahre lang, es sei das Nonplusultra. “Und dann kamst du”, sagte er. Es war eine unglaubliche Liebeserklärung. Es schweißte uns ein großes Stück mehr zusammen.
„IchNach einigen Monaten kam alles auf den Höhepunkt. Höre ich das Wort Jurastudentin, egal von wem, muss ich an sie denken. Lese ich das Wort “Abi”, muss ich an sie denken. Wenn er mir im Bett sagt, er stehe auf das und das, schießt mir in den Kopf, wie die beiden im Bett lagen und sie das mit ihm gemacht hat. Sie ist überall. Auch, wenn er sie gar nicht mehr erwähnt. Er erwähnt nicht sie. Er erwähnt auch keine Ereignisse mehr, aber sie ist immer noch in meinem Kopf. Und zwar, wenn er etwas nebenbei erwähnt, dass sie auch betreffen könnte.
Ich mache ihm keine Vorwürfe, dass er so etwas erwähnt. Höchstens, dass er mir von Anfang an so viel von ihr erzählte. Ich weiß so gut wie alles über sie. Dabei kenne ich sie nicht mal. Ich wünschte mir, ich hätte ihm von Anfang an gesagt, ich möchte nicht das Geringste über seine Exbeziehungen hören.
Es zerreißt mich selbst, dass sie so oft in meinem Kopf ist und ich hasse mich dafür. Ich habe ihm das gesagt. Er reagierte allerdings lautstarker. Er könne sie schließlich so auch nicht vergessen, wenn ich das ständig hochholen würde, ihn nervt das, ich müsse damit alleine klar kommen, er könne mir dabei nicht helfen. Ich fühlte mich sehr allein gelassen mit meinem Problem.
Sie kann mir im Grunde egal sein, sie ist so weit weg und ich so nah bei ihm (sowohl psychisch als auch räumlich), ich bin viel toller als sie, ich bin kreativ, musikalisch, sie studiert Jura, ihr Vater ist Jurist, sie geht nur geradeaus und ist kein Querdenker. Sie hat sich einen Dreck für seine Kunst, die er macht, interessiert. Sie hat ihn sogar drei Mal betrogen (wie er, nachdem sie Schluss machte, herausgefunden hat), außerdem vertraue ich ihm und die beiden haben nicht mal mehr Kontakt. Sogar seine ganze Familie und seine Freunde sagen, dass sie mich vergöttern und dass ich sie um Längen schlage, weil ich u.a. nicht so fordernd bin wie sie. Im Grunde habe ich null Grund, mir negative Gedanken zu machen.

Mein Problem ist nur, dass ich sie mit allem verbinde, was ich sehe oder höre, oder mir viel zu viele Gedanken um seine Worte mache, wenn er etwas erwähnt, was mit ihr zu tun haben KÖNNTE. Das macht mich krank. Kleine Ereignisse, die ich zum ersten Mal mit einer geliebten Person erlebe (Tierpark, Fahrten an den See…) und die für mich etwas sehr Besonderes sind, werden für mich wertloser, weil ich mir vorstelle, er habe das ja auch schon sicherlich mit ihr erlebt. Dann fühle ich mich schlecht. Ich frage nicht nach, denn ich will es nicht wissen. Ich versuche seit Wochen, Monaten, mir keine weiteren Gedanken darüber zu machen, wenn er wieder etwas erwähnt (sicher völlig unbewusst und ohne Absichten) oder ich Autobahnschilder lese. Ich versuche es wirklich. Aber es klappt nicht. Sie kommt immer in meinen Kopf, und ich verstehe nicht wieso. Es nervt mich. Es macht mich fertig.
Ich will nicht immer an sie denken müssen, wenn ich etwas Besonderes mit ihm erlebe. Mit der Person, für die ich das erste Mal in meinem Leben echte Liebe empfinde. Ich bin mit IHM zusammen. Nicht mit ihm UND IHR.
Noch nie hat mir jemand so viel bedeutet. Ich weiß, das ist was Großes. Ich bin nicht blauäugig. Ich habe einfach viele Erfahrungen gesammelt. Ich will einfach, dass ich noch viele weitere Monate und Jahre mit ihm verbringen kann, ohne dass sie ständig in meinen Kopf schießt. Ich will sie vergessen, als wüsste ich nichts von ihr. Ich will, dass mich solche Situationen, die mich jetzt noch zum Gedankenmachen treiben, kalt lassen. Ich weiß nur nicht, wie ich das anstellen soll.
Romi (23)

Hi Romi,
es gibt verschiedene Ansätze, an dein Problem ranzugehen.
1) Ihr seid erst ein knappes halbes Jahr zusammen. Das ist noch ziemlich kurz. Nicht lang genug, um schon eine tiefe Basis des Vertrauens zu haben. Die Gefühle sind zwar stark, aber für diese Basis braucht es einfach ein gewisses Stück an gemeinsam erlebtem Alltag. Von daher wäre der erste Ansatz: Geduld.
2) Oft hilft es, dem “Feind” direkt ins Auge zu schauen. Wenn du ihn kennst, ist er nicht mehr so utopisch groß, sondern kriegt Lebensgröße. Sprich: Es würde sehr helfen, diese Frau kennen zu lernen. Dein Freund kann das einfädeln, sogar mit dabei sein.
3) Ein paar Therapie-Sitzungen wären sehr hilfreich, weil da ja auch noch was Tieferes dahintersteckt, hinter deiner Exfreundin-Obsession. Jetzt wo er zu deiner wichtigsten Bezugsperson geworden ist, geraten ganz alte unbewusste Ängste in Aufruhr, die mit früheren Bezugspersonen zu tun haben – in der Regel ein Elternteil oder beide oder jemand anders, der/die in deiner Kindheit extrem wichtig für dich war, aber eine andere Person dir vorgezogen hat.
Ich kann sowas auch machen, aber nicht im Rahmen meiner kleinen Beratung hier.
Du kannst es aber auch über die Krankenkasse versuchen, nämlich indem du zum Hausarzt gehst und ihn bittest, dich wegen Depressionen zu einer Psychotherapeutin zu überweisen. Ob das dann allerdings auch die Richtige ist für dein spezielles Problem, müsstest du ausprobieren.
Herzlichst,
Beatrice Poschenrieder