Erst himmelte er mich an, plötzlich will er nicht mehr!

Hi Beatrice,
mein Freund hat heute mit mir Schluss gemacht, mit der Begründung, ich sei ihm zu anstrengend.
Wir waren einen Monat zusammen. Ich stecke mitten in meinem Examen und arbeite nebenher im Management eines großen Hotels, d.h. ich bin etwas zeitlich begrenzt gewesen und gestresst und genervt. Keine gute Basis für eine frische Beziehung, vor allem weil wir uns fast nie gesehen haben, und wenn, dann zwischen Tür und Angel, als ich Feierabend hatte und er mit der Arbeit angefangen hat. (Er ist Barkeeper im selben Hotel.)
Ich kann ihn nicht verstehen! Meine Prüfungen sind in 2 Wochen zuende, und dann hätten wir die Chance gehabt, unsere Beziehung zu festigen.

Zuerst große Liebe, nun fliegt er weg, beendet das ganze

Erst baggert er mich an, als ob er wirklich was von mir will, und dann wenn ich will: Auf und davon? Scheiße.

Er schien am Anfang total begeistert zu sein, sprach von Zukunft und immer von „uns“, ich hingegen war eher nüchterner, denn seit meiner letzten Beziehung bin ich sehr vorsichtig geworden. Doch nun habe ich gemerkt, dass er mir etwas bedeutet, dass ich keine Angst davor mehr habe eine feste Beziehung einzugehen, mich richtig zu verlieben. Und nun das! Kaum hat es mich erwischt, kommt er mit dieser Überraschung.
Ich habe ihn gefragt, ob er wirklich nichts mehr für mich empfindet, und er sagte, es sei nicht so, nur könne er momentan nicht die selben Gefühle für mich aufbringen, die ich zeige. Aber er hat mir nie die Chance gegeben mich richtig kennenzulernen; dank meines Temperaments und der Stresslage haben wir uns des öfteren gefetzt und ich war nicht so, wie ich wirklich bin. Alle meine guten Seiten blieben unendeckt.
Er meint, ich solle mich auf meine Prüfungen konzentrieren und meine Zukunft nicht aufs Spiel setzen, einfach nicht an ihn denken, mich nicht hineinsteigern… Aber es tut mir einfach weh, und ich weiß wirklich nicht, was ich denken soll.
Wenn er mich noch mag, wieso trennt er sich dann von mir?
Er war am Anfang sooooo verliebt, wollte unbedingt eine feste Beziehung, und auf einmal kann er gut alleine leben?
Wir kennen uns vom Sehen her schon seit 1 Jahr, und er gestand mir, dass ich für ihn unerreichbar schien, weil er wusste, wie begehrt ich von meinen Kollegen bin, dennoch immer unnahbar.
Und jetzt lässt er sein Objekt der Begierde einfach fallen?
Ich möchte ihn zurück, möchte ihm zeigen, wie ich wirklich bin, was ich wert bin!! Was soll ich bloß tun???
Liegt es vielleicht daran, daß ich 9 jahre jünger bin, eine bessere Position hab, mehr verdiene, kurz vor meinem Uni-Abschluss stehe, dies alles alleine gemeistert habe und voller Selbstbewusstsein bin?
Oder vielleicht hat er Probleme, weil er als Kind adoptiert worden ist (seine Mutter hat ihn verlassen, sein Vater hat ihn geschlagen, bis man ihn dann in ein Heim gebracht hat und er dort adoptiert worden ist) und so furchtbare Angst vor dem Verlassenwerden hat?
Bitte hilf mir…
Danke, Natalia (26)

Liebe Natalia,
erlaube mir, deine Geschichte jetzt mal als Außenstehende ganz „neutral“ und ohne Gefühlsschmus zu rekonstruieren…
Also da ist eine attraktive, kluge, ehrgeizige Frau. Sie steckt seit geraumer Zeit ganz schön im Stress, so sehr, dass sie kaum Zeit hat, sich nach einem adäquaten Partner (klug, erfolgreich, gebildet…) umzusehen. Aber wie alle Menschen hat sie ein Bedürfnis nach Wärme, Zärtlichkeit, Verliebtsein. Also verliebt sie sich in einen, den sie jeden Tag sieht, denn das tun Menschen gern, die im Stress stehen. Dieser Typ ist eigentlich weit unter ihrem Niveau, aber er himmelt sie an, und das tut ihr – gerade jetzt – so gut.
Nur: er ist nicht nur unter ihrem Niveau, sondern hat (kindheitsbedingt) große Probleme mit Nähe. Auch er hat zwar ein starkes Bedürfnis nach Wärme, Zärtlichkeit, Verliebtsein, aber wehe, eine Frau will wirklich was von ihm! Dann läuft sein Unterbewusstsein Amok, vor allem, wenn es auch noch eine Frau ist, die über ihm steht (somit also die Gefahr hoch ist, dass sie ihn eines Tages wegen eines Besseren verlässt) und die sowieso nicht pflegeleicht ist. Nur: das ist dem Typen nicht bewusst. Das einzige, was er merkt, ist, dass sein Inneres sich gegen eine Beziehung mit dieser Frau sträubt und seine Verliebtheitsgefühle verdrängt hat. Beziehungstechnisch ist die Sache für ihn gegessen. Da kann die Frau nichts dran ändern. Sie wird ihn eventuell noch ins Bett kriegen, und wenn sie sich jetzt rar macht (Sicherheitsabstand!), kommt er vielleicht nochmal ein bisschen an und verbringt noch ein paar nette Stunden mit ihr, aber eine richtige Liebesgeschichte wird das nicht mehr werden (war´s ja auch nie).
Warum sollte es auch: objektiv betrachtet, hat eine längere Beziehung zwischen den beiden verdammt wenig Chancen. Die Frau hat was Besseres verdient. Einen Mann, der ihr gewachsen ist und der zu ihr steht. Was will sie bloß von einem, der mit 35 noch Barkeeper ist und es wahrscheinlich immer bleiben wird? Momentan klebt ihr Herz noch an ihm, sie begehrt ihn wie verrückt, und zwar hauptsächlich deshalb, weil er ihr schon so viel „Zuckerle“ gegeben hat und sie jetzt am ausgestreckten Arm verhungern lässt. Ein Glück, dass die Sache nur einen Monat ging. Sie wird bald über ihn weg sein und sich dann wundern, welche Irrwege ihr Gefühl manchmal geht.
Tja, ich hoffe, diese Geschichte haut so in etwa hin…!

Bitte lies dazu auch folgenden Beitrag:
«Ist er beziehungsunfähig oder ist er einfach nicht verliebt in mich?»

Dazu kommt: Du nanntest ihn zwar in deiner Mail “mein Freund”, aber er war noch nicht dein fester Freund und ihr hattet noch keine Beziehung, denn ihr wart nur einen Monat zugange, und in diesem einen Monat habt ihr euch “fast nie gesehen, und wenn, dann zwischen Tür und Angel”. Trotzdem warst du schon im Beziehungsmodus, aber er noch lange nicht. Sehr viele Männer legen am Anfang diese Begeisterung an den Tag – die darf frau nicht ernst nehmen, solange man so wenig Zeit miteinander verbracht hat!
Und ich kann dir nur den selben Rat geben, den schon er dir gegeben hat: „Er meint, ich solle mich auf meine Prüfungen konzentrieren und meine Zukunft nicht aufs Spiel setzen, einfach nicht an ihn denken, mich nicht hineinsteigern…“
Ich wünsch dir, dass das gelingt
Beatrice Poschenrieder