Frag Beatrice

Mein Beziehungsmuster heißt: Flucht. Wie kann ich es durchbrechen?

Hallo Beatrice!
Ich habe eine Frau kennengelernt, die schon einen Freund hat, das hat sie mir auch gleich zu Beginn gesagt. Dieser Freund ist derzeit für ein Jahr im Gefängnis. Da ich schon einige Beziehungen und eine Ehe hinter mir habe, die seit drei Jahren geschieden ist, muss ich ein Muster bei mir erkennen, nämlich dass ich aus Beziehungen flüchte.
Da meine Neue und ich über unsere Beziehungen gesprochen haben, war gleich klar, was da so mitschwingt (sie hat einen Freund… ich will mit ihr). Wir haben trotzdem eine Beziehung begonnen mit einigen Tiefen, insgesamt ist es aber ein wunderbarer Kontakt. Sie hat zwei Kinder von einem anderen Mann, und eins der beiden fragte vor 9 Tagen: “Mama, wen magst Du lieber? den im Gefängnis oder den Martin?”
Sie wollte der Tochter keine Antwort geben. Da mich das Schweigen gestört hat, habe ich die gleiche Frage gestellt. Nach und nach hat sie von dem einen und dann von mir erzählt, und ich hatte nicht den Eindruck, dass Sie mich als ihren Partner sieht. Es hat mich vieles verletzt, als sie von ihm gesprochen hat. Er sieht schöner aus, mit ihm gibt es andere Themen als mit mir usw…, man könne nicht alles haben usw. (jetzt fällt mir gerade auf, dass sie wie zu ihrer Tocher gesprochen hat, obwohl ich die Frage an sie gestellt habe – na wie dem auch sei.)
Daraufhin ist mir schlecht geworden und ich habe gesagt, dass ich so nicht die Beziehung weiterleben kann, auch wenn es gerade sehr schön zwischen uns ist – was sie ja auch so erlebt. Als ich ihr gesagt habe, dass ich sie liebe, mit ihr Partnerschaft leben möchte, jedoch dass ich so nicht weiter mit ihr Kontakt haben kann, ist sie wie vom Blitz getroffen aus dem Zimmer gerannt. Seitdem meldet sie sich nicht mehr. Und gerade ist auch noch ihr Sohn bei mir vorbeigekommen, um bei mir am PC zu spielen.
Ich blick´s nicht mehr und weiß nicht, wie dieses Muster, in dem ich mich befinde, aufgelöst werden kann. Dilemma!
Vielen Dank für Ihre Mühe und Bereitschaft einer Antwort
Martin (43)

Lieber Martin,
ich sag mal „du“, okay?
Du ahnst nicht, wie viele Leute sich wegen Nähe- und Bindungsproblemen an mich wenden – oder deren Partner (man kann es auch nennen: ein Problem, sich tief einzulassen). Ich denke, das ist sehr verbreitet, doch mindestens die Hälfte der Betroffenen sind sich dessen nicht bewusst, sondern wundern sich nur, dass noch eine Beziehung kaputtgeht und noch eine und noch eine; oder dass sie sich „instinktiv“ auf jemand einlassen, mit dem es vermutlich doch nie eine echte, tiefe, dauerhafte Bindung werden wird – z.B. weil derjenige Abstand hält, bereits gebunden ist, weit weg wohnt oder einen anderen „eingebauten Fehler“ hat, der das Scheitern vorprogrammiert. Viele dieser Leute schaffen es so ihr ganzes Leben lang, nie die Liebe festzuhalten und voll auszuleben.
Gut ist, dass du selbst schon ein „Muster“ erkannt hast (das lässt hoffen!).
Einerseits sehnst du dich nach Liebe, Geborgenheit, jemandem, der für dich da ist. Andererseits ergreifst du in Beziehungen entweder die Flucht oder tust dich mit einer Frau zusammen, die von vornherein die Falsche ist (wie z.B. die jetzige); wenn sie dir entgleitet oder dich enttäuscht, spürst du großen Schmerz, hast das Empfinden, dass deine Gefühle stark und tief sind; wäre aber die selbe Frau frei für dich und täte alles dafür, um mit dir eine dauerhafte enge Beziehung zustande zu kriegen, wäre es dir bald zu eng.
Haut das in etwa hin?

Damit hab ich dir auch schon meine Meinung zu deiner neuen Freundin gesagt. Mir scheint, du bist der Lückenbüßer, bis der Mann, den sie toller findet, wieder aus dem Knast kommt. Dass sie dir zu wenig Gefühle entgegenbringt, dafür spricht auch, dass sie bei diesem wichtigen Gespräch nicht mal mit dir geredet hat, sondern mit ihrer Tochter, obwohl du die Frage stelltest, und vor allem, dass sie jetzt nicht um dich kämpft oder wenigstens ein paar versöhnliche Worte an dich richtet, sondern sich seit 9 Tagen (!!!) nicht meldet! Dabei wäre wirklich sie dran, den Kontakt wieder aufzunehmen und dich wieder versöhnlich zu stimmen, denn das war wirklich böse, was sie da gesagt hat!

Du sagst: „Ich weiß nicht, wie dieses Muster, in dem ich mich befinde, aufgelöst werden kann“.
Nun ja, allein kriegst du´s wahrscheinlich nicht hin, sondern nur mit Hilfe einer Fachperson (z.B. Paartherapeut/in), die mit dir zusammen all den Ursachen auf den Grund geht (es gibt immer mehrere Ursachen, die einander auch oft noch verstärken) und Lösungsansätze entwickelt.
Ich mach sowas auch – sogar ziemlich oft (Ursachenfindung und Beratung in dieser Problematik, persönlich, per Telefon und/ oder Email, siehe www.liebesberaterin.de) – aber natürlich nicht kostenlos, weil es ziemlich zeitaufwändig ist. Vielleicht fragst du mal bei deiner Krankenkasse an, ob die dir zumindest eine kleine Therapie bezahlen, aber das sind dann natürlich nur Psychotherapeuten mit Kassenzulassung, d.h. du kannst dir dann nicht unbedingt einen aussuchen, der sich gut mit Bindungsängsten auskennt. Aber wenn er dir hilft, deine Kindheit näher zu beleuchten und zu schauen, wie dadurch bestimmte Muster bei dir entstanden, bringt das auch schon viel.
Unterstützend möchte ich dir zwei Bücher empfehlen (bitte in dieser Reihenfolge lesen):
• «Jein!: Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner»
• «Vom Jein zum Ja!: Bindungsangst verstehen und lösen. Hilfe für Betroffene und ihre Partner».
Herzlichst, Beatrice Poschenrieder

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