Frag Beatrice

Mein bester Freund liebt mich, soll ich ihn nehmen oder den harten Lover behalten?

Hallo Beatrice,
ich bin erst zwanzig und habe bereits starke Beziehungsängste, obwohl ich noch nicht mal eine Beziehung hatte. Vor lauter Angst, dass ich mich verlieben könnte, habe ich mich vor sieben Monaten auf eine Sexbeziehung mit einer Discobekanntschaft eingelassen. Wir sind seitdem auch gut befreundet und genießen den Sex miteinander.
„meinAllerdings hat mir vor einigen Monaten mein bester Freund gestanden, dass er mich liebt. Bis heute habe ich ihm keine eindeutige Rückmeldung gegeben, weil ich selber nicht weiß, wie ich dazu stehe. Einerseits ist er mir unglaublich wichtig, ich vermisse ihn, wenn wir uns eine Woche mal nicht sehen können und wünsche mir manchmal sogar seine Nähe. Andererseits werde ich total panisch, wenn wir mal zusammen auf dem Sofa oder im Bett liegen und er mich versucht zu küssen; ich ziehe mich sofort zurück und er lässt es dann auch.

Auf Grund von starkem Mobbing während meiner frühen Pubertät habe ich Probleme damit, anderen Menschen zu vertrauen und mich ihnen hinzugeben, weshalb mein Kopf sich auch gegen eine Beziehung entschieden hat. Doch ich würde gerne diesen „Bann“ brechen, und gerade weil er doch mein bester Freund ist, sollte es mir doch eigentlich leichter fallen.

Dann hätte ich aber noch das Problem, dass er noch Jungfrau ist, zudem sehr schüchtern, was Frauen anbelangt, und teilweise auch sehr unbeholfen mit seinem Körper wirkt (er ist sehr schlank und groß). Ich hingegen bin absolut kein Freund von Blümchensex: Ich brauche es oft und hart und denke, dass er mir das nicht geben kann.
Auf jeden Fall bin ich mittlerweile völlig durcheinander: Ich möchte weder auf den guten Sex mit dem einen noch auf die beste Freundschaft mit dem anderen verzichten, doch muss ich mich leider ziemlich bald entscheiden, um nicht alles kaputt zu machen. Außerdem weiß ich nicht, ob ich überhaupt in der Lage bin lieben zu können? Ob ich mich vielleicht doch für die Beziehung mit meinem besten Freund entscheiden soll und ob ich ihn, falls ich mich dafür entscheide, sexuell nicht überfordere? Und wie kann ich überhaupt die Angst, mit ihm intim zu werden, abbauen?
Ich weiß, das sind gleich eine Menge Fragen und Probleme auf einmal, aber ich hoffe, dass du mir dabei helfen kannst.
Vera (20)

Liebe Vera,
zuerst einmal: Nur weil er dein bester Freund ist und du dich bei ihm gut aufgehoben fühlst, heißt das noch lange nicht, dass er auch ein geeigneter Beziehungspartner für dich sein kann – denn dazu gehört nun mal auch eine starke sexuelle Anziehung. Und die ist bei dir nicht gegeben, aus welchem Grund auch immer. Es muss nicht unbedingt sowas wie Beziehungsangst sein – es kann auch einfach sein, dass er dich eben körperlich nicht reizt, dass von dir zu ihm die Chemie nicht stimmt.

Das zweite ist, dass du dich keineswegs zwischen dem einen und dem anderen entscheiden musst. Du kannst auch erst mal beides parallel laufen lassen – und zwar das zu dem Lover heimlich. Das heißt, den Lover weihst du ein, dass du etwas mit dem Freund anfangen willst, aber ihn erst mal als Lover behalten willst. Und dem Freund sagst du nichts.

Das dritte ist, dass es keineswegs gesagt ist, dass dein Freund nicht auch ein guter, leidenschaftlicher Liebhaber sein kann! Ich kann mit Sicherheit sagen, dass viele Männer im Alltag völlig anders rüberkommen als im Bett. Manche, die von außen betrachtet schüchtern und unbeholfen wirken, entwickeln sich im Sexuellen oft zu erstaunlich tollen, zugleich zärtlichen und ausdauernden und lernfähigen Liebhabern. Es kommt sehr auf dich an, inwieweit du ihn förderst und forderst!

Und was dich betrifft: Du könntest dich ruhig mal auf zärtlichen Blümchensex einlassen, denn der kann noch schöner sein als harter Sex. Beim weichen, zärtlichen Sex schwingt deine Seele, deine ganze Person mit, und du lässt dich auf deinen Partner ein (statt nur auf die eigene Geilheit) – solltest du unbedingt mal versuchen! Vermutlich hast du Angst davor, wie du ja auch im Seelischen Angst vor echter Intimität hast (große emotionale und körperliche Nähe).
Mein Rat: Versuche, diese vielen negativen Gedanken mal vorübergehend für ein paar Stunden loszulassen und wenigstens mal ein paar Zärtlichkeiten und Küsse mit dem Freund zuzulassen; schau, wie es dir dabei ergeht – vielleicht bekommst du Lust auf mehr, vielleicht auch nicht.
Wenn nicht, kannst du es immer noch abbrechen und ihm sagen, dass es doch nicht geht und du lieber weiterhin einfach mit ihm befreundet sein willst. Wenn er wirklich dein bester Freund ist, wird er das verkraften und akzeptieren.

Was deine Bindungs- und Näheängste betrifft: ja, vermutlich hast du diese Ängste, und zwar in einem Maß, wo fachliche Hilfe gut wäre. Die Ursache ist nicht wirklich das Mobbing – das hat nur noch das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Ursachen von Bindungs- und Näheängsten gehen viel früher los, in der Regel schon in der ganz frühen Kindheit, also in den ersten Lebensjahren, und werden sehr oft durch bestimmte Umstände in der nahem Umgebung des Kindes verstärkt. Die Frage ist ja zum Beispiel: Standen dir deine Eltern bei dem Mobbing nicht bei? Warum nicht? Was ist mit denen los, dass die da nichts gemacht haben? Haben sie es etwa gar nicht mitgekriegt, weil sie eh immer so mit sich selbst beschäftigt sind? Und zwar schon immer haben sie von dir zu wenig mitgekriegt? Konnten sich in dich nicht richtig einfühlen?
Und warum wurdest du so stark gemobbt? Hat mindestens ein Elternteil von dir komische Eigenschaften, die auf dich abfärbten? Haben deine Eltern dir zu wenig Fähigkeiten im sozialen Bereich vermittelt? Was zum Teufel war da los in deinem Elternhaus??
Das sind unter anderem die Fragen, die in einer psychologischen Beratung oder Therapie gestellt und gelöst werden würden. Wenn du dafür die richtige Person findest, ist es spannend, interessant, erleichternd und bereichernd.
Begleitend dazu empfehle ich dir die Bücher von Stefanie Stahl:
«Vom Jein zum Ja!: Bindungsangst verstehen und lösen. Hilfe für Betroffene und ihre Partner» und
«Das Kind in dir muss Heimat finden: Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme».
Liebe Grüße
Beatrice Poschenrieder

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