Ich lasse meine Partnerinnen immer wieder fallen, kann ich lernen zu lieben?

Hallo Beatrice,
ich bin 32 und hatte in meinem Leben schon mindestens 15 Frauen, davon 6 Beziehungen, war aber noch nie richtig verliebt. Unter “richtig” verstehe ich dabei nicht etwas, was irgendjemand für mich definiert, sondern das, was ich mir vorstelle: das Gefühl, sich einem Menschen völlig hinzugeben, sich fallen zu lassen und diesen Menschen mit Haut und Haaren leidenschaftlich zu lieben und zu begehren, ohne sich an seinen Macken oder “Fehlern” aufzuhalten. Dieses Gefühl hatte ich noch nie.
Der Leidensdruck wird immer dann groß, wenn ich eine Frau kennen lerne, mit der ich mir eine Beziehung wünsche oder vorstellen kann. Es scheint, als ob immer dann, wenn ich gerade nur noch ein kleines Stück davor bin, mich Hals über Kopf zu verlieben, irgendetwas in mir einen Riegel vorschiebt und verhindert, dass sich das Gefühl festsetzen kann. Trotzdem wünsche ich mir weiter so sehr, dass sich das Gefühl einfach langsam entwickeln möge, es muss doch, weil ja ansonsten alles perfekt ist! Ich arbeite an der Beziehung, an mir, versuche locker zu sein und dies und das zu tun. Trotzdem scheitert die Beziehung jedes Mal.
Nach dem letzten Mal hatte ich mir geschworen, erst wieder eine Beziehung anzufangen, wenn ich mir über meine Gefühle absolut sicher bin. Irgendwann begannen die Frauen bei mir die Türen einzutreten, wie ich es noch nie erlebt hatte, und ich hatte mehrere kurze Affären. Das war regelrecht eine unbeschwerte Zeit. Ich genoss die Selbstbestätigung, unbeschwerten Sex, musste mir keine Gedanken über eine Beziehung machen und war frei wie der Wind. Nur am Morgen nach einer Nacht waren da ein schales Gefühl und der Gedanke, dass das eigentlich nicht das ist, was ich will.
Vor einem halben Jahr habe ich dann wieder eine Frau kennen gelernt, von der ich das Gefühl hatte, dass es was Ernstes sei. Als sie das erste Mal bei mir übernachtete, hatte ich so ein extremes Gefühl der Geborgenheit, fand sie so sexy und zärtlich und hatte wohl so etwas wie Schmetterlinge im Bauch, als wir uns morgens verabschiedeten. Sie ist sehr leidenschaftlich, zeigt das auch und sie begehrt mich heiß und innig. Sie hat das gleiche von mir “eingefordert” und sofort gemerkt, wenn ich nicht voll bei der Sache war. Immer öfter legte sich irgendetwas wie ein Schleier der Nüchternheit über mich. Ich hatte viel weniger oft Lust auf Sex als sie und habe vielleicht manchmal mit ihr geschlafen, um ihre Erwartungen zu erfüllen. Weil ich sie so lieb hatte, wollte ich ihren Erwartungen gerecht werden. Ich habe wohl geglaubt, wenn ich erstmal anfange, dann kommt die Leidenschaft schon irgendwie über mich. Trotzdem hat sie es natürlich gemerkt.
So kam es immer wieder zu “Psycho-Gesprächen, in deren Verlauf sie mir sagte, was sie bei mir vermisste. Dabei war es nie so, dass ich sie nicht verstand, oder nicht nachvollziehen konnte, was sie meinte. Denn auch ich selbst vermisste die Leidenschaft in mir selbst.

Frauen verlieben sich in mich, aber ich bin bindungsunfähig, kann nicht lieben

Werde ich auch mit 50 noch wie ein alter Casanova immer nur Frauen erobern und sie fallen lassen?

Sie hat mir kürzlich gesagt, sie könne so nicht weitermachen, wenn ich nicht wüsste, ob ich überhaupt jemals verliebt war. Wir hatten davor etliche Gespräche, in denen sie mir mitteilte, dass ich mit angezogener Handbremse durch die Beziehung fahre. Ich habe selbst gemerkt, dass ich mal wieder nicht so loslassen konnte, wie ich es selber wollte. Ich habe mich dann wohl immer mehr verkrampft, bis sie mir das dann im Laufe eines vierstündigen Telefonats gesagt hat. Ich habe richtig geweint und war total unglücklich über alles.
Am nächsten Tag war ich dann zunächst erleichtert, da mir eine Entscheidung abgenommen worden war und ich jetzt wieder ohne alle Zwänge von vorne anfangen konnte. Ein paar Tage später hat sie mir gesagt, dass sie mit schuld sei an allem, weil sie mich von Anfang an unter starken Druck gesetzt habe. Sie liebt mich, das weiß ich. Sie ist eine wunderbare Frau und ich hätte am liebsten, dass ich schnell den Schalter finde, den ich umlegen muss, um mich endlich fallen lassen zu können. Dann könnte ich unbeschwert mit ihr glücklich sein. Allerdings habe ich schon öfter bei anderen Beziehungen aufgrund solcher Überlegungen einen neuen Versuch gestartet, der langfristig immer schief ging.
Die Entscheidung liegt jetzt mal wieder bei mir. Ich kann und will sie nicht ewig hinhalten, aber auch nicht weitermachen ohne begründete Hoffnung. Der Gedanke, sie könne mich vielleicht nicht mehr wollen, wenn ich zu lange brauche, um “geheilt” zu sein, beruhigt mich auch nicht gerade. Ich sitze in derselben Zwickmühle, in der ich schon so oft gesessen habe.

Ich weiß, welcher Gedanke jetzt nahe liegt: Leidenschaft und Gefühle aller Art kann man nicht erzwingen, sie sind eben da oder auch nicht. Was mich dabei verzweifeln lässt, ist die Tatsache, dass es immer wieder nach diesem Schema abläuft und ich eigentlich von mir sagen muss, noch nie so richtig in meine jeweilige Freundin verliebt gewesen zu sein. Ich habe schreckliche Angst davor, dass mich irgendetwas in mir zeitlebens davon abhält, mich voll und ganz auf einen Menschen einzulassen. Ich sehne mich so sehr nach Liebe und sobald sie mir vor die Nase gehalten wird, sind mir die Hände, bzw. ist mir “das Herz gebunden”.

Ich weiß auch, dass die Ursache für vieles in der Vergangenheit liegen kann. Ich hatte darüber auch schon ein paar Mal mit jemand gesprochen bei einer Beratungsstelle: dabei kam dann unter anderem zur Sprache, dass mein Vater mir in dieser Hinsicht vielleicht kein gutes Vorbild war, weil er sich nie richtig zwischen meiner und seiner Mutter entschieden hat. Außerdem hat er sich oft “wachsweich” verhalten, Entscheidungen nie “wie ein Mann” gefällt. Alle wichtigen Familienangelegenheiten und -Entscheidungen musste meine Mutter treffen oder forcieren. Ich will einmal meiner Frau viel mehr ein Halt sein und zu ihr stehen. Doch die Erkenntnis allein reicht wohl nicht, denn tue ich genau das Gegenteil: ich lasse sie fallen und hängen.

Ein weiterer Ansatzpunkt könnte darin verborgen liegen, dass ich als Teenager wahnsinnig verklemmt und gehemmt war. Mein Selbstbewusstsein war gleich null. Ich habe geglaubt, ich sei hässlich und so richtig uncool. Erst mit 20 Jahren hatte ich meinen ersten Sex. Und erst in den letzten paar Jahren habe ich gemerkt, dass ich beim weiblichen Geschlecht eigentlich richtig gut ankomme.
Dennoch graut mir der Gedanke, dann auch mit 50 noch den “jungen Hühnern” nachzusteigen und immer nur auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer zu sein.
Wie kann ich es lernen, zu lieben? Was kann ich nur tun?
Peter (32)

Lieber Peter,
was für ein interessanter und aufschlussreicher Brief! Ich denke, dass es vielen Leuten so geht wie dir, nur dass die meisten von ihnen nie diesen Grad an Bewusstsein entwickeln, nämlich dass sie nicht wirklich lieben können. Du bist dir dessen bewusst geworden und gehst bereits an die “Bearbeitung”, daher sehe ich gute Chancen für dich, das bisherige Schema nicht bis 50 durchzuziehen… Das, was bei dir zur Liebe offenbar fehlt, ist in einem Wort zu beschreiben: Hingabe. Mit Leib und Seele.
Seelisch haut´s dir einen Riegel davor, und der Leib verhindert die völlige Hingabe, indem er immer weniger Lust hat.
Bitte nimm dir eine ruhige Stunde lang Zeit und mach folgendes:
Lege dich bequem auf dein Sofa (oder Bett), mach die Augen zu und denke dich ganz tief hinein in das Szenario, was du unter wirklicher Liebe verstehst. Denke dir eine Frau dazu, die deiner Liebe wert gewesen wäre. Stell es dir ganz plastisch vor: Ihr seid zusammen, auf lange Sicht, inklusive dem “Gefühl, sich völlig hinzugeben, sich fallen zu lassen und diesen Menschen mit Haut und Haaren leidenschaftlich zu lieben und zu begehren, ohne sich an seinen Macken oder Fehlern aufzuhalten”. Ihr wohnt zusammen, ihr teilt (fast) alles, ihr verbringt sehr viel Zeit miteinander. Wenn du nach Haus kommst, ist sie da, wenn du morgens aufwachst, siehst du als erstes sie. Usw.
Welche Gefühle und Ängste kommen nun bei dir auf? Versuche, sie so genau es geht zu erfassen. Das können auch ganz irrationale Ängste sein. Bitte schreib sie alle auf.
Wenn es nicht gleich gelingt, versuch die Übung ein andermal erneut.

Du kannst es mir aufschreiben oder dem/der Therapeuten/in, denn ich rate dir, so jemanden aufzusuchen, der wirklich in der Thematik versiert ist, wenigstens für ein paar Stunden. Das gilt auch für die folgenden Fragen – beantworte sie für ihn/sie oder für mich.

1) Hätte deine Aktuelle wirklich das Potential der Frau, die deiner Liebe “wert” gewesen wäre? Und was hat dich an ihr gestört? (bitte alles aufzählen, auch wenn es banal ist)
2) Was hat dich an deinen anderen Exfreundinnen gestört?
3) Was war deine längste Beziehung, wann und wie war die?
4) Wie genau ist deine Traumfrau beschaffen? (bitte alles aufzählen, auch Alter und Äußerlichkeiten)
5) Hast du Geschwister? Wenn ja, wieviele und welches Alter? Haben die auch Probleme mit dem Lieben?
6) Sind deine Eltern noch zusammen?
7) Erzähl mir was über deine Mutter. Wie ist/war sie? Und hat sie deinen Vater geliebt? Wenn ja, in welcher Form? Welches Verhältnis hattest du früher zu ihr, welches heute?
8) Wie gingen deine Eltern miteinander um (in deiner Kindheit und Jugend)?
9) Welches Verhältnis hattest und hast du zu deinem Vater?
Die Fragen 6 bis 9 (z.T. auch 5) haben großen Einfluss auf deinen heutigen Umgang mit Paarbeziehungen.
Herzlichst,
Beatrice Poschenrieder
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