Absolute Beginner: Ich bin 35 und hatte noch nie eine sexuelle Beziehung

Liebe Beatrice!
Ich hatte bis jetzt keine sexuelle Beziehung. Auf der einen Seite hatte ich starkes Bedürfnis, auf der anderen habe ich dies mental immer sehr stark unterdrückt und total vernachlässigt, auch fantasiemäßig. Ich habe das Gefühl asexuell geworden zu sein, so als hätte ich die Lustempfindung in mir stumpf gemacht. Ich fühle mich momentan wie ein Stein.
Es war immer ein Kampf in mir. Ich habe meine Bedürfnisse total eingefroren. Ich fühle mich damit im Moment überhaupt nicht nicht wohl. Ich weiß, ich bin damit lange Zeit falsch umgegangen! Der Körper und auch Fantasie reagieren nicht auf sexuelle Anreize! Ich möchte dies gerne ändern, wenn es geht!
Weißt du eine Lösung? Wenn ich mich heute frage, warum ich so gehandelt habe, weiß ich keine Anwort! Jedenfalls, dies kann mich von meiner jetzigen Lage nicht rausholen! Ich weiß, durch meine Unterdrückung hat sich der Körper vielleicht damit abgefunden. Aber das wollte ich nicht so haben. Wie kann ich mit meiner Sexualität wieder in Einklang kommen?
Georg (35)

„einsamer

Lieber Georg!
Ich möchte dir ein paar Rückfragen stellen.
1) Warum hast du bis jetzt deine sexuellen Bedürfnisse unterdrückt?
2) Hattest du überhaupt schon mal eine “Beziehung”? Wenn ja, wie verlief sie?
3) Erzähl mir etwas über dein Aussehen und deinen Körper! Alles, was dir dazu einfällt!
4) Magst du deinen Körper? Falls nein, warum nicht?
5) Hast du schon mal fachliche Hilfe zu deinem Problem in Anspruch genommen? Wenn ja, wo und wie lief‘s?
6) Was ist mit deinem Bedürfnis nach Liebe?
7) Lebst du allein? Fühlst du dich oft einsam?
8) Wenn du sexuelle Szenen im Fernsehen/ Internet siehst oder über so etwas liest – welche Empfindungen hast du dabei? Nenne alle unterschiedlichen Regungen, die du da schon hattest!
9) Hast du dich je intim angefasst?
10) Hast du je darunter gelitten, noch keinen Sex gehabt zu haben?
11) Hast du Menschen, denen du dich damit anvertrauen kannst – die davon wissen?
Bis bald, Beatrice

Liebe Beatrice!
1) Keine Ahnung, welcher tiefe Grund dahinter steckt. Ich wollte nicht von meinem Bedürfnis gezogen werden, ich wollte die totale Kontrolle darüber haben! Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, davon mental und physisch weglaufen zu wollen!!
2) Ich hatte eine Beziehung, aber ohne richtigen Sex (kein Geschlechtverkehr). Da die Frau noch Probleme mit ihrem Ex hatte, wollte ich mit ihr nur dann Sex haben, wenn die Verhältnisse geklärt wären. Dies hat sie aber nicht so gewollt!
3) Man sagt mir, ich sähe gut aus, Gegeteiliges kann ich nicht behaupten.
4) Nicht ganz. Ich habe das männlich Glied teilweise als störend gefunden und dachte immer, dass Frauen es nicht mögen.
5) Ja, vor einiger Zeit, als ich die innerliche Mauer in mir gebrochen habe. Ich suchte 2 Urologen auf und sie sagten mir, sie konnten keine organische Ursache feststellen.
6) Ich habe seit einem bestimmten Zeitpunkt, in dem ich vor ca. 15 Jahren eine Frau heiraten wollte, auf diesen Wunsch verzichtet – sowohl mein Bedürfnis als auch die schönen Liebegefühle in mir “erstickt”. Ich habe das Gefühl, ich habe mich bestraft, weil ich nicht dem Mut aufbrachte, diese Frau zu heiraten! Seitdem fühle ich mich wie vom Gipfel eines Berges gefallen und orientierungslos geschleudert! Einfach aus dem Gleichgewicht!
7) Ja, ich lebe allein. Fühle mich nicht so arg einsam.
8) Ich glaube, es ist nicht einfach nachzuvollziehen. Wenn ich jetzt sexuelle Szenen sehe, werde ich nicht gereizt! Als ob ich die ganzen sexuellen Empfindungen taub bzw. stumpf gemacht habe! Ich habe das Gefühl, es gibt einen großen Abstand zwischen meinen Gefühlen und der Wirklichkeit in Sachen Liebe und Sex und dass es irgendeine Kontrolle in meinem Kopf gibt, die die ganzen Reaktionen in der Richtung messerscharf kontrolliert und meistens verbietet.
9) Ja. In der Pubertät. Dann bekam ich Angst und sehr starke Gewissenskonflikte. Seitdem habe ich immer versucht das Bedürfnis zu unterdrücken, weil es mich zu “falschem” Verhalten geführt hat! (Eine Art Selbstbestrafung). Bis vor 15 Jahren, wo ich das Gefühl hatte, dass ich das ganze legitim erleben kann, wenn ich diese Frau heirate! Aber leider nicht gemacht!
10) Mit der Zeit nicht mehr, da ich mich soweit brachte, dass ich das ganze so stark unterdrückte.
11) Außer dir hab ich mich niemandem anvertraut.
Ich danke dir
Georg

Lieber Georg!
Zuerst einmal möchte ich dir sagen, ich finde es schön, dass du den Mut gefunden hast, deine doch recht intimen Probleme anzugehen und damit an jemanden heranzutreten. Die Sexualität ist ja ein wichtiger Teil unseres Lebens, sie gehört dazu wie Geselligkeit oder der Genuß am Essen und Trinken.
Ich nehme an, dass dir in deiner Kindheit auf irgendeine sehr nachhaltige Weise mitgegeben wurde, dass alles, was mit Sex zu tun hat, verachtenswert, schmutzig oder auf andere Weise negativ belegt ist. Dies hast du so stark verinnerlicht, dass es dir zur zweiten Natur geworden ist. Zum Beispiel du befriedigst dich nicht selbst. Du hattest Ansätze dazu in der Pubertät, wie sie jeder gesunde Junge hat, aber irgendwer oder irgendwas hat es dir verboten. Noch vor 20 und 30 Jahren haben viele Eltern bei ihren Kindern das Spielen mit den eigenen Genitalien rigide unterdrückt, weil das als unanständig galt. Nun, die meisten onanieren später trotzdem, aber viele mit latenten Schuldgefühlen. Heute ist man auf dem Stand, dass man Selbstbefriedigung eher als etwas Positives betrachtet (falls es nicht exzessiv betrieben wird), weil es dazu verhilft, ein gutes Verhältnis zu seinem Körper und seiner Sexualität zu haben – siehe dazu auch in meinem “FAQ-Sex” den Brief «Onaniere ich zu oft, bin ich onaniersüchtig?»

Du schriebst:
«Ich habe das Gefühl, es gibt einen großen Abstand zwischen meinen Gefühlen und der Wirklichkeit in Sachen Liebe und Sex und dass es irgendeine Kontrolle in meinem Kopf gibt, die die ganzen Reaktionen in der Richtung messerscharf kontrolliert und meistens verbietet.»
Das ist richtig; genau so eine Kontrolle gibt es in deinem Gehirn. Der Kontroll-Chef ist dein Angstzentrum, und es setzt dann Mechanismen in Gang, die du dir irgendwann antrainiert hast.
Hinzu kommt bei dir noch eine Tendenz zur Selbstbestrafung; das heißt, du bist zu streng mit dir, und für Fehler, die du gemacht hast, bestrafst du dich, indem du dir etwas verbietest. In dieser und auch in der sexuellen Hinsicht musst du lernen, dass du milder mit dir selbst wirst; dass du dir selbst verzeihen kannst; dass du die Fähigkeit erlangst, dir etwas zu gönnen. Die Ursprünge für selbstbestrafendes Verhalten liegen fast immer auch in der Kindheit, und das macht es so schwer, sie zu knacken: denn dadurch, dass dieses Verhalten, diese unbewussten Verknüpfungen und Gedankengänge so früh angelegt wurden, sind sie ganz tief in dir verankert und können nur durch eine Therapie gelöst werden. Bitte erschrick nicht – heutzutage ist ja auch schon ganz normal, zum Psycho-Doc zu gehen, wenn man in einer Krise steckt oder einfach Dinge an sich ändern will, die sich aus eigener Kraft nicht so recht lösen lassen.
Ich denke, eine Therapie würde sich bei dir auf jeden Fall lohnen, da sie dir einen großen Zugewinn an Lebensfreude bringen wird. Gesetzt den Fall, du willst es wirklich – und du findest einen guten Therapeuten, der zu dir passt. Aber wie findest du den (oder die)? Denn es gibt ja auch viele Therapieformen, und viele davon werden dir nicht zusagen.
Ich persönlich würde einen Psychotherapeuten empfehlen, der nicht nur auf eine Therapieform festgelegt ist (z.B. Psychoanalyse) und außerdem eine Zusatzausbildung “Sexualtherapie” gemacht hat (keine Angst, man muss sich dabei nicht ausziehen!). Ich finde z.B. Individualtherapie und Verhaltenstherapie ganz gut, weil sie zielorientiert sind und nicht endlos in den Ursachen herumstochern; aber das ist individuell verschieden.
Du kannst beim Berufsverband Deutscher Psychologen nachfragen. Der Verband hat einen Info-Dienst im Internet: www.psychotherapiesuche.de
Und noch ein Wort zum Therapeuten: Wenn dir der erste nicht zusagt (man hat ja erst mal ein Einführungsgespräch), dann geh zu einem andern. Such so lange, bis du jemanden findest, bei dem du dich wohl fühlst. Der (oder die) wird dir dann garantiert auch helfen können.
Mit einer Form der Selbsthilfe kannst du heute oder morgen schon anfangen: mehr Zugang zu deinem Körper finden. Lausche immer mal wieder in dich hinein, wie sich dein Körper anfühlt, was ihm gut tut, was nicht; gib ihm mehr von den Dingen, die ihm gut tun. Hierzu findest du in meinem u.g. Buch mehrere Übungen, die leicht durchzuführen, aber sehr wirkungsvoll sind.
Gönne dir dies alles: Sauna, Whirlpool, ein paar verschiedene Massagen bei einem guten Masseur, Thermalbad, Solarium, ein richtig feines Essen, Bewegungsformen, die dir Spaß machen, usw…. Ein Mensch muss sich solche Sachen ab und zu gönnen, denn wir sind ja nicht nur Maschinen – wir haben auch ein Recht auf Freude und Entspannung!
Gib dich dem Genuss hin, versuche, dich in das schöne körperliche Gefühl hineinfallen zu lassen, erspüre auch, was dir Unbehagen bereitet, und versuche herauszufinden, was das Unbehagen verursacht.
Hilfreich dabei kann eines meiner Bücher sein, «Sexbewusstsein: So finden Sie erotische Erfüllung».
Viel Vernügen!
Beatrice Poschenrieder