Verlustängste: Ich habe ständig Angst, meinen Partner zu verlieren

Liebe Beatrice!
Also, eigentlich ist mit meinem Freund alles in Ordnung, aber in letzter Zeit fühle ich mich etwas unwohl in unserer Beziehung. Ich hatte zum Beispiel gestern Geburtstag und er hat mir eine Nacht in einem 4-Sterne-Hotel geschenkt, aber es kam nicht einmal das Wort “ich hab Dich lieb”; oder er hätte mir wenigstens einen kleinen Strauß Blumen schenken können, das hätte völlig gereicht.
Wir sind vor einem Monat zusammengezogen (haben aber auch vorher schon zusammen in einer WG gewohnt) und seitdem streiten wir uns ziemlich oft. Ich habe das Gefühl, er entfernt sich von mir.
Dazu kommt bei mir, dass ich wahnsinnige Verlustängste habe und immer denke, er könnte mich wegen einer anderen verlassen – dabei sagt er immer zu mir, dass ich die einzige bin, allerdings nur dann, wenn ich ihn danach frage.
Meine Frage: Was kann ich gegen meine Verlustängste tun. Und wie mache ich mich wieder interessant fuer ihn? Bitte hilf mir schnell, denn ich schlafe fast jede Nacht mit Tränen ein und hab große Angst, ihn zu verlieren!
Bis bald, Katharina (26)

Liebe Katharina!
Das Paradoxe an übertriebenen Verlustängsten ist, dass sie genau das bewirken, was sie so sehr zu vermeiden suchen! Denn aus der Verlustangst heraus tut man unwillkürlich viele Dinge, die den Partner unter Druck setzen, einengen, nerven – bis dieser gar nicht anders kann als sich zu entfernen. Sprich: Wenn du ihn halten willst, musst du dahin kommen, gelassener zu sein und ihm liebevolles Verständnis entgegenbringen statt Misstrauen und negatives Denken.
Denn was du da an den Tag legst, das ist ja durchaus negatives Denken, nicht wahr? Eine Nacht in einem 4-Sterne-Hotel, das ist ja nun wirklich ein tolles Geburtstagsgeschenk und ein schöner Liebesbeweis. Doch statt dich zu freuen wie eine Schneekönigin, sucht deine Psyche nach den Fußangeln und übt Schwarzmalerei: er hat vergessen, mir “ich hab dich lieb” zu sagen und mir Blumen zu schenken.
Jeder Mensch hat eine andere Art, seine Liebe zu zeigen, und das ist nicht unbedingt die Art, die du dir vorstellst. Aber wenn mal jemandem wirklich liebevolle Gefühle entgegenbringt, dann ordnet man seine lieb gemeinten Gesten in einem positiven Sinne ein!
“…dabei sagt er immer zu mir, dass ich die einzige bin, allerdings nur dann, wenn ich ihn danach frage…”
Das ist ja wohl auch normal. Welcher Mann sagt schon ständig zu seiner Partnerin, “Du bist die einzige für mich, mein Ein und Alles, meine Traumfrau” usw.? Vor allem wenn ihm auch noch viel Erwartungsdruck entgegengebracht wird. Kein Mensch tut gern etwas unter Druck.

“Wie mache ich mich wieder interessant für ihn?”
Das hab ich z.T. schon oben angedeutet:
Positives Wohlwollen statt negative Deutung seines Verhaltens; Freiheiten lassen statt Einengen; ihn genau so lieben wie er ist, statt zu versuchen, ihn zu bestimmten Dingen zu bewegen. Der wichtigste Punkt: Dein inneres Gleichgewicht und dein Selbstwertgefühl NICHT von ihm abhängig machen, sondern aus dir selbst ziehen – dich ein Stück weit auf dich selber konzentrieren (deine Hobbies, Freunde, Karriere usw.) statt dich zu sehr auf ihn zu fixieren; versuchen, das Leben zu genießen und den Dingen ihren Lauf zu lassen, statt alles kontrollieren zu wollen; usw.

“Was kann ich gegen meine Verlustängste tun?”
Da sie bei dir offenbar ziemlich ausgeprägt sind, liegt es entweder am falschen Partner (also dass ihr beide evtl. einfach nicht zusammenpasst) oder an mangelndem Selbstwertgefühl und der Unfähigkeit, allein zu sein. Im ersten Fall helfen ausführliche Gespräche mit Freundinnen (“wie siehst du das?”), der Sache auf den Grund zu kommen, in letzterem Fall eine Therapie. Ich rate dir auf jeden Fall zu einer Psychotherapie, denn selbst wenn dein Freund nicht ganz der Richtige sein sollte, deutet sich in deinem Brief schon an, dass etwas in deiner Seele ist, was bearbeitet werden muss (z.B. “ich schlafe fast jede Nacht mit Tränen ein und hab große Angst, ihn zu verlieren”) und dass dein Gehirn dazu neigt, sich aufs Negative zu fokussieren statt aufs Positive. Das lässt sich ändern, doch in Eigenregie ist das fast nicht machbar.
Herzlichst
Beatrice Poschenrieder