Meine Freundin wird 30 und will mich nicht mehr (TEIL 2)

Liebe Beatrice,
ich habe dir schon einmal geschrieben (“Meine Freundin wird 30 und will mich nicht mehr“) und gebe dir mal eine Rückmeldung.
Ja, ich habe lange und viel über mich, sie und uns nachgedacht und habe dann letzten Monat meine eigene Feigheit überwunden. Oder besser gesagt: ich habe deinen Rat befolgt und sie gefragt, wie sie sich fühlt, wie sie unsere Beziehung sieht. Tja, es war sehr hart – für uns beide. Um es kurz zusammenzufassen: VOR diesem Gespräch ging es gar nimmer (was sicherlich dazu beigetragen hat, meine Angst vor einem Gespräch zu überwinden): keine Nähe, keine Vertraulichkeiten, kein Sex, nur Alltag.
Unser Gespräch ging über vier Stunden, mit wechselnden Positionen und Gefühlen.
Aus ihrer Sicht gibt es 3 Hauptpunkte:

1) Sie fühlt(e) sich ausgenutzt von mir, weil ich die letzten Monate aufgrund beruflicher Veränderungen eher schlecht und wenig verdient habe und so mehr oder minder von ihr abhängig war. Zeitweilig ist das ok für sie, aber ich, ignorant wie ich war, habe das Maß nicht gesehen. Durch meine vorherige finanzielle Situation und meine Erziehung (meine Eltern waren immer extrem großzügig – und ich Einzelkind) habe ich einen „entspannten“ Umgang mit Geld, also es war mir fast egal, wofür ich es ausgegeben habe, am liebsten mit ihr. Und das habe ich auch bei anderen Menschen vorausgesetzt. z.B. dass sie bei gemeinsamen Ausflügen zahlt, obgleich sie zeitgleich die Miete trägt u.ä.. Das war keine Absicht oder Ausbeutung, ich habe nicht darüber nachgedacht – leider. Sie hat es aber eben so aufgefasst und sich „über den Tisch gezogen“ gefühlt.

2) Sie sieht auch, dass es im Bett absolut nicht klappt und am Anfang nur dank „rosaroter Brille“ gelaufen ist. Zudem hat sie überhaupt keine Lust mehr auf Sex, nicht mal darauf, es sich selbst zu machen. Seit 5 (!) Monaten geht das mit ihr so. Und sie fühlt sich von mir nicht als „Frau wahrgenommen“; ich habe am Anfang unserer Beziehung einmal gesagt, Unterwäsche u.ä. interessierten mich nicht/ machen mich nicht an (ich dachte, Ehrlichkeit – im Gegensatz zu meiner Beziehung davor – sei das Beste), das setzt ihr heute noch zu. Sie fühlt sich „austauschbar“.

3) Der Alltag frisst uns auf, der Respekt voreinander und die Wertschätzung gehen verloren. Man lebt eben so nebeneinander her.

Sie musste ziemlich weinen dabei und wusste nicht weiter. Schluss machen wollte sie nicht direkt, aber konnte auch nicht sagen, es macht noch Sinn mit uns. Sie sagte, sie wisse es nicht, aber ein Ende erschien ihr besser als das, was war. Wobei – und das hat mich wirklich überrascht – sie aber die „perfekte WG“, die sie uns attestiert, beibehalten will. Also Ende der Paarbeziehung, aber weiter zusammenleben.

Ich war eher faul, meine Freundin fleißig; ich ließ sie für alles bezahlen

Ich ließ mich von ihr mit durchziehen, statt mich auf die Hinterbeine zu stellen…!

Meine Sicht:
Mit dem Geld hat sie Recht. Ich war sowas von ignorant. Meine finanzielle Situation bessert sich ab nächstem Monat. Ich achte jetzt darauf, was ich ihr „zumute“, zahle selber und sage ihr, was ich an Geld habe und sie von mir erwarten kann. Wir haben sogar meine Schulden bei ihr aufgelistet und ich werde es ihr zurückzahlen.
Sex ist dagegen ein sehr großes Problem, ich weiß mir da keinen Rat. Ich sehe es zwar ähnlich wie sie, nur hilft uns das nichts. Ich kann und will nicht faken, dass mich plötzlich Unterwäsche scharf macht. Es ist meine Schuld, dass sie sich austauschbar vorkommt, ich habe mir nicht genug Mühe gegeben, nicht genug Einfühlungsvermögen gehabt. Ich will das ändern, aber dazu brauchen wir die Chance – also sie auch Lust. Ich hätte gerne Sex mit ihr, ich bin bereit, auszuprobieren, mehr zu machen. Ich habe ihr vorgeschlagen, vielleicht neutrale Hilfe von Dritten zu suchen (sofern es ein „wir“ noch gibt).
Auch mit dem Alltag und der Wertschätzung hat sie leider auch Recht. Da ich viel Zeit hatte, habe ich den Hausmann gegeben, mich in diese Rolle gefügt. Ich habe geputzt und dann geklagt und hatte keine Lust, noch was anderes zu machen. Anstatt mich zu freuen, dass sie mir was erzählt, meine Ideen wissen will, hat’s mich angenervt. Ich habe mich lieber mit einem Buch ins Bett verzogen. Wenn ich gearbeitet habe, musste ich danach natürlich Ruhe haben. Andererseits hat sie auch (nach eigener Aussage) Fehler gemacht. Sie hat die Dinge, die ich getan habe (z.B. Haushalt, ihr Blumen mitbringen) auch nicht mehr zur Kenntnis genommen, usw. usf.
Ich bemühe ich mich seitdem, positiv ins Leben zu gehen, mich nicht „gehen zu lassen“; weniger Gejammer, Genörgel.

Wie sind wir nun verblieben? Nachdem sie gar nichts mehr wusste/ sagte und nur noch am Weinen war (ich war erstaunlicherweise sehr ruhig und gefasst), habe ich ihr vorgeschlagen, noch 3 Monate lang eine „Probephase“ zu machen, in der wir beide mal schauen, ob es noch geht, und versuchen, das, was wir bis dato falsch gemacht haben, zu verbessern. Sie konnte nicht aus vollem Herzen/ voller Überzeugung „ja“ sagen, hat jedoch dem Versuch zugestimmt. Ja, ich liebe sie noch und will es schlussendlich auch mir selbst zuliebe diese Monate austesten. Sie ist da sicherlich weniger optimistisch als ich (aber warum will sie dann eine WG???). Deshalb will ich meine Erwartungen nicht zu hoch hängen und es einfach versuchen. Ich hänge mich nicht mehr n Kleinigkeiten auf und mache das Beste aus unserer Zeit, kümmere mich, versuche sie zum Lachen und Entspannen zu bringen, wir machen was gemeinsam… und vielleicht sieht sie dann auch wieder den Mann in mir, in den sie sich damals verliebt hat, und eine gemeinsame Zukunft. Ich hoffe es.
Und ein bisschen habe ich die Hoffnung, dass du dazu noch was sagst…
Markus (33)

Lieber Markus,
freut mich zu hören, dass ich ein wenig bewirken konnte. Und es freut mich, dass du dich „beziehungstechnisch“ in die richtige Richtung entwickelst – ich wünsche dir und deiner Freundin, dass du diese Linie beibehältst! Und natürlich, dass ihr wieder einen Weg zueinander findet.
Was den Sex betrifft, würde ich euch empfehlen, viel experimentierfreudiger zu sein und alle möglichen Sachen auszuprobieren. Gegenseitig eure Körper neu zu entdecken, neue Arten der Liebkosung, neue Stellungen, ein paar Spielereien, sexuelle Handlungen außer Haus usw. Sehr sehr viele gute und leicht umsetzbare Anregungen bietet mein Buch «Sex für Faule und Gestresste: So holen Sie mehr aus Ihrem Liebesleben – mit weniger Aufwand!».
Und wer sagt denn, dass du auf Unterwäsche abfahren musst? Du bist nicht der einzige, der eben andere Dinge erotisch findet. Und auch sie wird da ihre individuellen Vorlieben haben. Findet sie raus (in einer möglichst großen Bandbreite) und schaut, was davon euch beiden zusagt. Holt euch Ideen und Anregungen aus meinen Seiten (Sex-FAQ und Sexberatung), aus o.g. Buch und aus dem Buch, was du bereits in deiner ersten Mail erwähnt hast.
Denn wenn ihr in sexueller Hinsicht beide nicht offen genug seid, um einander wirklich Lust zu bereiten, wäre tatsächlich eine Paarberatung einen Versuch wert.
Alles Gute
Beatrice Poschenrieder