In jeder Beziehung inszeniere ich Dramen – warum?

Liebe Beatrice,
ich habe bei mir ein Verhaltensmuster festgestellt, über das ich mich wundere und welches ich leider nicht gelöst bekomme. Jedesmal, sobald ich verliebe und dann der Mann sich auch verliebt, sodass wir fest zusammen sind, kommt bei mir folgende Reaktion: Nach ca 3 Monaten fange ich an zu zweifeln, ob er mich auch wirklich mag. Diese Zweifel sind nicht so, dass ich mich frage, ob er in mich verliebt ist, denn wenn ich ernsthaft darüber nachdenke, stelle ich fest, dass der Mann das ist (das kann ich ja überprüfen, indem ich beobachte, wie er sich mir gegenüber verhält, kurz gesagt). Jedoch bekomme ich dann so kleine Ausraster, zum Beispiel war mal eine Situation, dass ich mit meinem Freund auf einer Party war, mich plötzlich nicht mehr wohl fühlte, eifersüchtig wurde, dann das totale Theater veranstaltete, nicht mehr viel redete und zum Schluss weinte. Damals konnte ich das zwar noch gut erklären hinterher, da ich zu dieser Zeit Stress hatte, aber wenn ich ehrlich bin, dann war dies nicht der Grund.
Bei allen Männern, die mir etwas bedeutet haben, war es so: Nach ca 3 Monaten fange ich an zu weinen, es ist egal warum, und mache ein Drama. Das ist dann so, dass ich neben mir stehe und mich beobachte und mir denke, Mensch Wanda, du blamierst dich – gleichzeitig versuche ich mich zu analysieren. Trotzdem kann ich NICHTS dagegen tun.
Die Männer reagierten dann entweder verständnisvoll mit Trösten (was sehr hilft), absolut geschockt und eher peinlich berührt (was nicht hilft) oder eben eher abgeklärt (was aber auch hilft).
Ich habe mir schon den Kopf zerbrochen, mit folgenden Ergebnissen:
1. Nach 3 Monaten ist man ja bekanntlich verliebt, aber nicht mehr sooo verknallt, das bedeutet, der Mann ist nicht mehr 150 % aufmerksam wie ganz am Anfang, vielleicht verunsichert mich das.
2. Ich behaupte von mir selber, dass ich eine „starke Frau“ bin, zu 90% Prozent, ich arbeite, bin in einer fremden Stadt und habe mir hier Freunde, Arbeit, Wohnung erarbeitet… vielleicht suche ich nach einem Grund, auch mal schwach sein zu können? Denn eigentlich bin ich stark, vielleicht schaffe ich mir eine Situation, um eben mal meiner Seele die Anspannung zu nehmen?
3. Vielleicht teste ich den Mann ganz unbewusst, will sagen, ich schaue, ob er mich versteht, wenn ich es brauche, hat er an mir, meinem Geist überhaupt Interesse… Teste ich, ob es sich überhaupt lohnt, mit diesem Mann zu sein?
4. Schaffe ich unterbewusst eine Situation (eigentlich ist ja alles in Ordnung), die nicht schön ist, um alles wieder kaputtzumachen, was ich mir aufgebaut habe? Will ich Drama, weil ich ein „nettes“ Nebeneinander her zu langweilig finde? Oder weil es mir zu eng wird?
5. Schaue ich, ob der Mann „so tief“ in seinen Gefühlen ist wie ich, kann er auch mal trauern, toben, kennt er das von sich selber und versteht (!) mich?
6. Versuche ich, der Beziehung vielleicht selber dadurch mehr „Tiefe“ zu geben…? Natürlich liebt man sich danach nicht stärker, was ich aber festgestellt habe bei den Männern, wo ich eine lange Beziehung mit hatte (2 x 2 Jahre ca), dass man sich nach so einer Situation einander so geöffnet hat, dass man sich mehr verbunden fühlt!
7. Bin ich einfach nur gestört?

Ich will in meinen Beziehungen die Königin sein!

Von Papas Prinzessin zur Dramaqueen – das kommt oft vor!

Vielleicht fällt Dir auch etwas dazu ein? Ich denke auch viel über mich nach, ich analysiere auch gerne mal andere Menschen. Was mich wirklich stört und eigentlich ja behindert, ist, dass ich gemerkt habe, dass ich diesem Verhaltensmuster nicht entkomme!!! Ich finde das schade, dass ich mir damit mindestens eine Beziehung kaputtgemacht habe.
Dies war dann, wie ich nachher feststellte, als ich eben heulte, auch nicht so besonders schlimm, da der Mann nicht viele Gefühle hatte (im Grunde schon ein guter Selbstschutz, den ich mir da aufgebaut habe :-)… Aber was ist, wenn ich mal die Liebe meines Lebens treffe und es mir durch mein seltsames Verhalten versaue?
Ich bin gespannt auf Deine Gedanken!
Wanda (25)

 
Liebe Wanda,
ich hätte da noch ein paar Fragen:
1) Welche Beziehungsmuster hast du in deiner Kindheit erlebt? Wie gingen deine Eltern (oder nächsten Bezugspersonen) mit ihren Partnern um? Wie gingen sie mit dir um?
2) Hast du in deinen längeren Beziehungen ofter ein „Drama inszeniert“? Wenn ja, weswegen und was war dann?
3) Gibt es einen Anlass oder Auslöser für deine Dramen, der immer wiederkehrt?
4) Sind deine Dramen der Hauptgrund, warum sich Männer von dir abwenden?
Bis bald, Beatrice

Liebe Beatrice,
zu 1) Nach außen hin bin ich in einer „normalen“ Familie aufgewachsen, mit der damals typischen Rollenverteilung: mein Vater ging arbeiten, meine Mutter kümmerte sich um das Haus und die Familie. Mein Vater ist ein sehr energischer Mann, beruflich sehr erfolgreich und ein „Macher-Typ“, sehr laut, sehr selbstbewusst, ich habe ihn immer dafür bewundert. Meine Mutter dagegen ist eher der ruhige Typ, sehr sozial. Als Kind habe ich es immer so empfunden, dass mein Vater das alleinige Sagen hat – jetzt wo ich älter bin, merke ich, dass wohl meine Mutter mehr Macht hat in der Beziehung und auf eine ruhige Art meinen Vater leitet. Auch muss ich dazu sagen, dass meine Mutter heute viel mehr Selbstbewusstsein als früher und sehr viel Charme hat, der einfach auf die Leute wirkt. Mein Vater kann zwar 20 Leute gleichzeitig unterhalten, aber meine Mutter wirkt einfach durch ihre Art.
Meine Mutter und ich stritten viel, schon als ich ein Kind war, ich denke einfach, dass sie mit ihrer Rolle nicht so „einig“ war. Seltsamerweise hat mein Vater sich bei diesen Streitereien immer auf meine Seite gestellt. Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich heute das Gefühl, als hätten meine Mutter und ich 20 Jahre kontinuierlich um meinen Vater gekämpft. Ich gewann meist (damals war ich noch ein Kind und jung und ich habe dieses Beziehungsgeflecht nicht durchschaut). Was ich meinem Vater zur Last lege, ist, dass er sich dann für mich einsetze, statt auch mal die Seite meiner Mutter zu ergreifen. Er sagt dazu, dass sie „stärker“ gewesen sei als ich und er mich „beschützen“ wollte. Also, ich habe in dieser Beziehung ein „Prinzessinnenbild“ bezüglich der Männer (= mein Vater) und mir. Vielleicht brauche ich deswegen dieses Gefühl von andauernder Aufmerksamkeit von Männern?!
Mein Vater war immer sehr liebevoll mit mir, ich wurde immer von ihm gelobt, angehimmelt, alles was ich tat, war toll für ihn. Meine Mutter dagegen hat mich zur Selbstständigkeit erzogen und mich kaum gelobt – der eigenständige Mensch, der ich heute bin, das habe ich nur ihr zu verdanken. In den wichtigen Sachen in meinem Leben hat immer sie zu mir gehalten. Meine Eltern gingen, abgesehen von 1 x Riesenzoff im Jahr, liebevoll miteinander um. Wenn sie jedoch stritten, hat mein Vater meine Mutter dermaßen überrannt, dass sie nicht mehr viel zu sagen hatte. Abgesehen davon sind sie aber schon glücklich miteinander.

Zu 2) In meiner bis jetzt längsten Beziehung (2 Jahre) habe ich dieses „Drama“ 2 x veranstaltet. An was ich mich noch erinnere ist, dass wir einmal auf einer Party waren und er einer anderen Frau ziemlich offensichtlich mehrmals auf den Hintern schaute und mit ihr flirtete. Dies war nach 1 Jahr Beziehung mit mir, und ich war wirklich am Boden zerstört, da ich mir „vom Thron gestoßen“ vorkam… er hatte bis dahin nie eine andere Frau angeschaut.
In meiner anderen Beziehung war mein Freund verabredet mit seiner Exfrau, wollte sie nach dem Treffen mit mir noch treffen. Ich habe in diesem Moment plötzlich schwarzgesehen und angefangen zu weinen, und auch wenn es sich lächerlich anhört, in diesem Moment kam alles hoch, aller Schmerz, den ich jemals hatte, und ich bin noch heute froh, dass ich damals nicht mit dem Auto wieder nach Hause fahren musste, sondern mit der Bahn.

Zu 3) Was als Anlass immer wiederkehrt, ist, dass diese „Inszenierungen“ immer dann auftauchen, wenn ich mit meinem Freund auf andere Frauen treffe. Ich bekomme ich – leider – sofort mit, wenn mein jeweiliger Freund eine andere Frau anschaut, und das ist dann alles andere als lustig. Dann werde ich schnell zickig (im Kopf) und male mir die schlimmsten Dinge aus. Nach außen hin bin ich ruhig, aber sehr unkommunikativ. Sehr oft kommt es dann vor, dass ich gehen will. Als mir das das letze Mal passiert ist, hab ich draußen auf der Straße gedacht „Jetzt hab ich ihn wieder für mich alleine, bin sofort ruhiger“. Trotzdem ist dann so viel Stress in mir aufgebaut, dass ich dann schon mal anfange zu heulen. Dieses Gefühl von Eifersucht kommt bei mir nur hoch, wenn es sich um Frauen handelt, die ich nicht kenne.

Zu 4) Meine Dramen sind nie der Hauptgrund gewesen, warum eine Beziehung kaputtging. Mein einer Freund hat mich dann immer getröstet, mein anderer Freund eher ausgelacht. Dieses Auslachen hat mich weiter gebracht als das Trösten, da ich begann, über den Grund nachzudenken, warum ich so empfinde.

Da ich nun offensichtlich diese andauernde Bestätigung von einem Mann brauche und nicht damit umgehen kann, wenn ich sie nicht habe bzw das Gefühl habe, die Kontrolle über „meinen Mann“ zu verlieren, wüsste ich gerne, was ich machen kann. Dass ich Parties oder „Menschenansammlungen mit Frauen“ ja nicht vermeiden kann, und es mir, jetzt wo ich darüber nachgedacht habe, sehr kontrollierend und klammernd vorkommt, und ich ja auch einem Mann zugestehen möchte, dass er mal andere Frauen anschaut, hätte ich gerne ein paar Ideen von Dir!
Übrigens ist dieses „Ausflippen“ selten, ich kann meistens schon mit Humor damit umgehen. Wenn es aber doch mal eintritt, kann ich nichts dagegen machen, weder mit Verstand noch mit Witzen gegen mich selber. Teilweise ist mir dann schon aufgefallen, dass ich meine, dass ich meinen eigenen Gefühlen nicht trauen kann. Ich weiß dann nie, wieweit ist das richtig, was ich sehe oder mir einbilde zu sehen, dann sage und mache ich nichts, auch nichts Negatives, und stelle hinterher fest, dass wirklich nichts (!) war. Ich habe mich durch diese „Dramen“ übrigens schon ein paar Mal böse blamiert in meinem Leben!
Diese Unruhe in mir und dieses Gefühl, dass ich nicht richtig unterteilen kann, ob jetzt, übertrieben gesagt, mein Freund mich gleich wegen einer anderen Frau verlässt oder er sie eben nur nach einem Glas Wasser gefragt hat, das ist sehr nervenaufreibend. Ich wüsste von Dir gerne, was ich dagegen machen kann – meinetwegen gehe ich auch sehr gerne zum „Klapsendoktor“ 🙂
Liebe Grüße, Wanda

Hi Wanda,
also zum „Klapsendoktor“ im Sinne eines Psychiaters musst du nicht, aber ein paar Stunden bei einer Therapeutin wären sicherlich interessant.
Meiner Einschätzung nach bist du eine interessante, intelligente, lebhafte juge Frau mit einem erhöhten Geltungsbedürfnis, sprich, du bist ein bisschen narzisstisch und ein bisschen histrionisch – wie du schon nahelegst: für Papa warst du die Prinzessin, dein Unterbewusstsein erwartet das auch von deinen Partnern, und wenn die Angst aufkommt, dass du für ihn doch nicht DIE EINZIGE und die Prinzessin bist, kriegst du im Innern Angst, vom Thron gestoßen und verstoßen zu werden, und die Angst hat dich dann im Griff (und lässt dich manchmal ausflippen).

Die Gründe für deine Dramen, die du in der ersten Mail aufgelistet hast, treffen nur zum Teil zu. 1 und 4 ja, 3 und 6 naja, 2, 5 und 7 nein. Und dass es ein “guter Selbstschutz” ist, wie du am Ende nahelegst, weil du durch die Anfälle testen würdest, ob der Mann für dich tiefe Gefühle hat, halte ich für unrichtig. Viele Männer sind zu tiefen Gefühlen für eine Frau fähig, aber sehr allergisch gegen Narzissmus und Hysterie.

Damit dein Herz sich einem Mann öffnen kann, braucht er zwei Eigenschaften: 1) eine Art väterliche Liebe zu dir (mit Geduld, Toleranz usw.), 2) du bist für ihn die Prinzessin: die Schönste, Tollste, Einzige, sprich, du beanspruchst Exklusivität. Verstößt er dagegen, kriegst du Panik, weil du deine ganze Kindheit lang dieses bestimmte Muster gelernt hast.
Abgesehen davon, dass du dir damit tatsächlich mal die “Liebe deines Lebens” versauen könntest, ist es ja auch für dich ein unschöner Zustand, wenn dich die Angst mal wieder im Griff hat. Es lohnt sich also schon, dass du da dran arbeitest – an deinem Selbstwertgefühl, am Punkt “Vertrauen”, an der Selbstberuhigung. Wie gesagt, mach ein paar Stunden bei einer Therapeutin (z.B. bei mir: siehe www.liebesberaterin.de),
und lies begleitend dazu gute Bücher, etwa
Das Kind in dir muss Heimat finden: Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme” und
Liebeskummer lohnt sich doch: Co-Abhängigleit in der Beziehung und die Ängste des Inneren Kindes (Koregaon)“.

Ein zusätzlicher Lösungsansatz könnte darin bestehen, dass du deine “Rivalinnen” kennenlernst. Zum Beispiel wenn dein Freund auf einer Party eine andere anschmachtet, solltest du einen Anlass finden, dich mit ihr zu unterhalten (die meisten Frauen freuen sich, wenn sie nicht nur von Männern angequatscht werden).
Eine Hilfstechnik wäre: sich der Situation entziehen – z.B. aufs Klo gehen, tief durchatmen, zu dir kommen (also zu deinem erwachsenen Ich) und dann versuchen, sozusagen aus seinem Kopf herauszutreten und sich von oben anzuschauen.
Im Beispiel mit der Exfrau hättest du deinen entsprechenden Freund bitten können, sie dir vorzustellen.
Liebe Grüße
Beatrice Poschenrieder