Ich helfe ihm beruflich und finanziell aus seinem Tief, warum zieht er nicht zu mir?

Hallo liebe Beatrice,
ich mag deine klare Sichtweise von komplizierten Sachverhalten, deshalb wende ich mich heute hilfesuchend an dich.
Ich (41) habe vor einem Jahr einen Mann (38) im Internet kennengelernt und seitdem führen wir eine Wochenend-/Fernbeziehung, da er leider ca. 120 km von mir entfernt wohnt. Wir waren uns von Anfang an einig, eine feste, ernste Beziehung zu wollen und auch in unseren beziehungstechnischen Erfahrungen, der Einstellung zum Leben und vielen Dingen. Wir verstehen uns in jeder Hinsicht sehr gut, haben traumhafte freie Tage und Wochenenden erlebt und ich glaube wieder an die große Liebe.
Er ist leider aufgrund von Krankheit berufsunfähig und verfügt über keinerlei Einkommen außer Arbeitslosengeld, sodass ich alle Kosten für unsere Beziehung von Anfang an trage und ihm auch finanziell mehrfach unter die Arme gegriffen habe und versucht habe, ihm eine selbstständige Existenz mit einer eigenen Firma zu ermöglichen, die er sich wünscht.
Das hat erstmal nicht geklappt, aus mehreren Gründen:
1. Ich habe nicht das nötige Kapital für seine geplante Firma rumliegen und die Bank gibt ihm keinen Kredit.
2. Er hat nicht die fachlichen Fähigkeiten, dies alleine zu schaffen, und so wurde ich immer mehr in sein Projekt eingebunden, was bei meinem eigenen selbstständigen Job einfach zuviel für mich wurde, da ich ständig zu ihm fahren musste, um Dinge mit ihm zu erledigen. Es geht zeitlich einfach nicht und die Bank gibt nur Geld, wenn ich im Unternehmen mitarbeite. Das wurde ganz klar gesagt.
3. Ich habe vorgeschlagen, er zieht zu mir oder wir suchen uns eine gemeinsame Wohnung hier, damit ich sein Projekt hier vor Ort habe und meinen Job mit unter einen Hut bringen kann, was er rundweg ablehnte, da er seine Wohnung und “seine” Stadt nicht aufgeben will.

Ich unterstütze ihn finanziell und aktiv, als wäre ich seine Mutter!

Eigentlich freut er sich über meine Ideen und meine Hilfe, aber auf meine Wünsche geht er nicht ein…

Und das bringt mich zu meinem Problem: Er hat keinen Job, keine Verpflichtungen dort und ich habe hier eine eigene Firma und Existenz. Und seine Wohnung ist, wie er selber sagt, “ein Loch”.
Er weiß, wie sehr ich unter der Fernbeziehung leide (habe ich ihm mehrfach gesagt) und dass ich ihn nicht von hier aus unterstützen und gleichzeitig meinen Job machen kann. Er weiß, die ganze Fahrerei kostet mich extra Kraft, Nerven und Geld, und wenn ich ihn sehen will, muss ich 1 1/2 Stunden autofahren, obwohl ich müde und ausgepowert bin. Ich fahre fast jedes WE zu ihm und an allen freien Tagen, wie es irgendwie geht. Unter der Woche komme ich dann noch zu seinen Geschäftsterminen zu ihm, wenn welche anliegen.

Und er fehlt mir so sehr jeden Tag, auch das weiß er und sagt, ich fehle ihm genauso.
Wir telefonieren zwar täglich (er ruft mich abends an), ABER: er könnte ja täglich bei mir sein!!! Doch das lehnt er ab.
Er will nicht alleine in meiner Wohnung hocken und auf mich warten, sagt er. Zuhause macht er aber auch nichts anderes zur Zeit, seine Jobaktivitäten beschränken sich aufs Internet und ab und an mal einen Termin, da begleite ich ihn auf seinen Wunsch aber fast immer. Er hat bei mir Internet, TV, Essen, Trinken und ein schönes Leben und wir wären beide nicht allein und wir könnten viel besser an seiner Existenzgründung arbeiten, ohne MICH dabei kaputt zu machen.
Ich habe auch schon vorgeschlagen, eine neue, gemeinsame Wohnung zu suchen, auch das will er nicht!

Einerseits will er meine Hilfe bei seiner Existenzgründung, andererseits ist er nicht bereit, dafür seine Stadt aufzugeben und mit mir zusammenzuleben??? Und er sagt, er liebt mich.

Ich verstehe die Welt nicht mehr und zweifle mittlerweile sehr daran, dass er mich wirklich liebt und eine Zukunft mit mir plant, wie er immer wieder sagt.
Ich bin verletzt und verwirrt: ich tu, was ich kann, und er bewegt sich nicht.
Was hältst du davon, Beatrice?
Liebe Grüße, Maike (41)

Liebe Maike,
du schreibst:
“Er will nicht alleine in meiner Wohnung hocken und auf mich warten, sagt er. Zuhause macht er aber auch nichts anderes…”
Doch. Das ist ein großer Unterschied. Es mag ein Loch sein, aber es ist SEINE Wohnung, seine Stadt. Wenn er bei dir wohnt, würde er den ganzen Tag in deiner Wohnung sitzen und warten, bis Mama nach Hause kommt.

Dass du ihm jetzt bei der Existenzgründung hilfst, kann er grade noch verkraften, weil er noch ein Stück weit was eigenes hat. Zieht er zu dir, bist du tatsächlich wie seine Mami: die Frau, von der er nun komplett abhängig ist und die sein Leben komplett in der Hand hat. Selbst wenn es eine gemeinsame Wohnung wäre: vermutlich würdest vor allem du sie finanzieren, und es wäre in deiner Stadt – er hat keine eigenen Freunde um sich rum, keine Rückzugsmöglichkeit, ist ganz auf dich angewiesen, dir sozusagen ausgeliefert. Du kannst ihn jederzeit kontrollieren, ob er auch ordentlich arbeitet und genug tut für dein Geld und deinen Einsatz, und wenn er sich zu wenig um dich kümmert oder zu wenig Liebe zeigt, kannst du ihn daran erinnern, was du schon alles für ihn getan hast.
Das alles ist sogar für mich eine unerträgliche Vorstellung – und für einen Mann noch viel mehr!

Es ist sehr großmütig von dir, dass du so viel für ihn tust, aber meines Erachtens tust du VIEL ZU VIEL! Du benimmst dich wie seine Mutti, versorgst ihn, kümmerst dich, motivierst ihn, leitest ihn, ABER: Ein Mann muss selber seinen Weg gehen. Und wenn er derzeit nicht so erfolgreich ist, hat er vielleicht gute Gründe dafür. Zum Beispiel weil ein Teil in ihm gar nicht erfolgreich sein will, sich nicht reinhängen will oder weil er wegen der Krankheit noch gar nicht so weit ist.

Du sagst, du hast Vertrauen in meine “klare Sichtweise von komplizierten Sachverhalten”, von daher möchte ich dir einen schlichten und ernst gemeinten Rat geben:
Hör sofort auf, dich um seine Angelegenheiten zu kümmern.
Er ist 38 und schon lang erwachsen. Er ist für sich selbst verantwortlich. Es ist super, dass du ihm Starthilfe gegeben hast, aber jetzt muss er seinen eigenen Weg gehen. Denn wenn du weiterhin so viel für ihn tust, Geld, Zeit und Energie reinsteckst und er dann auch noch bei dir einzieht, dann wird er ewig in deiner Schuld stehen und ihr werdet nie eine ebenbürtige Beziehung haben. Er wird sich dir immer unterlegen fühlen und wird dich das bald auf negative Weise spüren lassen – entweder indem er sich der Abhängigkeit entzieht und auf Abstand geht, oder indem er Taktiken entwickelt, dich “auf Augenhöhe” zu drücken, oder indem es sexuell nicht mehr klappt.
Lies dazu bitte auch:
Warum kritisiert und korrigiert mich mein Partner immer wieder?

Herzlichst,
Beatrice Poschenrieder