Bedeuten Zweifel an der Beziehung, wir sollten keine Zukunft zu zweit aufbauen ?

Hallo Beatrice,
Ich bin seit über vier Jahren mit meiner Freundin zusammen.
Wir wohnen in derselben Stadt, 15 km voneinander entfernt. Wir haben vom Typ her sehr viele Gemeinsamkeiten, eine vergleichbare Ausbildung und Karriereplanung, waren bisher mehrfach zusammen im Urlaub und haben uns gegenseitig über Klausuren, Prüfungen und anderen Stress gehievt (aber uns dabei auch zeitweise richtig gezofft). Wir sind uns in sehr vielen Dingen im Leben einig, können u.a. prima zusammen kochen oder Unternehmungen planen, ergänzen uns in vielem gut (z.B. Planung vs. Improvisation), und können – mittlerweile – sehr offen miteinander reden (das hat etwas gedauert).
Zudem vertrauen wir uns 100%ig. Nach dem, was mir z.B. meine Schwester über die Beziehungen ihrer Freunde/innen erzählt, gibt es das auch nicht mehr so häufig.

Einige unserer jeweiligen Hobbies und Eigenheiten gehen uns gegenseitig etwas auf den Senkel, aber wir konnten bisher damit gut umgehen.
Wir hatten einige “große” Streitphasen, teilweise weil wir unsere jeweiligen Familien nicht wirklich riechen können (bei mir auch wörtlich gemeint, denn die rauchen fast alle ständig, und das kann ich nicht ausstehen – das ist aber nicht das einzige Problem), teilweise deshalb, weil sie eine seitliche Lähmung hat, welche im Alltag mehr Aufmerksamkeit und Rücksicht (und zeitweise einen Rollstuhl) erfordert als ich manchmal mit- und hinbekomme und zudem einige Sachen unmöglich macht, die ich halt sehr gerne auch mit ihr tun würde (z.B. Radtouren, Tanzen und Spaziergänge), und teilweise aus der Tatsache, dass es für beide von uns die erste Beziehung ist und wir anfangs einfach ein paar grobe Missverständnisse und Probleme überwinden mussten und natürlich auch Fehler gemacht haben. Zudem sind wir altersmäßig fast sieben Jahre auseinander und erscheinen daher momentan von der Lebensplanung her nicht wirklich kompatibel, sie ist Studentin und will noch promovieren, ich bin fast fertig promoviert. Sie möchte erst Familie und Kinder, wenn ihre Karriere steht, das wäre frühestens in 7-8 Jahren. Das kann ich zwar verstehen, es ist mir aber viel zu spät (bin jetzt 29). Sie ist aufgrund ihrer Ausbildung – zumindest auf absehbare Zeit – an unsere Heimatstadt gebunden, ich würde zwar auch bleiben, habe aber hier in der Nähe (~200 km) beruflich wenig Perspektiven.

Haben wir eine Zukunft? Zwiespalt zwischen Gefühl und Vernunft

Soll ich bleiben, soll ich gehen? Mein Herz sagt dies, mein Verstand sagt jenes


Seit knapp einem Jahr habe ich ein immer wieder an- und abschwellendes Gefühl von “Ist sie es? Bin ich so wirklich 100% glücklich?”. Wir haben schon mehrmals darüber gesprochen, es endete fast immer in Tränen, es ist sogar so weit gegangen, dass sie mir quasi eine “Freikarte” für einen Seitensprung ausgesprochen hat, wenn ich es für mich behalten kann. Das wäre zwar irgendwie schon aufregend, ist aber eigentlich nicht das Problem. Das Problem – glaube ich – ist nicht, dass wir uns nicht lieben, sondern dass wir einfach keinen Vergleich haben, ob unsere Beziehung “gut genug” ist, weil es für beide die erste ist und wir doch einige ärgerliche “Leichen” im Keller haben, die gelegentlich mal die Treppe hochstinken. Wenn wir zusammen bleiben wollen, würde das über lange Sicht wahrscheinlich ziemliche Kompromisse von beiden einfordern, weil wir so große Ansprüche haben, sowohl an uns selbst wie auch an den jeweils anderen. Was wir wiederum eigentlich aneinander mögen und respektieren. Ich möchte weiß Gott kein „Heimchen-am-Herd“.
Aber vielleicht denken wir darüber auch viel zu sehr nach. Muss man sowas mit dem Bauch entscheiden können? Bedeutet der kleinste Zweifel am Selbstverständnis einer Beziehung schon, dass es eigentlich nichts mehr werden kann?

Ich werde halt einfach dieses verd**** Gefühl von “Was wäre wenn?” nicht los. Vielleicht habe ich mich auch vor der ersten “richtigen” Beziehung einfach nicht genügend “ausgetobt”.
Ich glaube, im Grunde will ich nur bestätigt haben, dass alle andere Frauen auf der Welt nix sind. 😉

Wie soll ich mit diesem Gefühl umgehen? Hat man das eh immer, egal wieviel man rumprobiert? Lässt das irgendwann nach, wenn man zusammen wohnt und sich gemeinsam eine konkrete Zukunft aufbaut? Oder endet es, wenn man es nicht anfangs bekämpft, irgendwann in einer Midlife Crisis, in der man dann mit Mitte Vierzig plötzlich den Drang bekommt, sich einen BMW Cabrio zu besorgen und damit irgendwelche süßen 20 Jahre jüngeren Mädchen aufzureißen? So einer will ich nicht werden.

Irgendetwas muss passieren, glaube ich. Vielleicht ist das Beste wirklich eine Trennung. Vielleicht eine vorübergehende? Wir konnten uns bisher einfach nicht dazu durchringen, da wir uns halt doch sehr lieben und beide etwas so wertvolles wie das “uns” nicht einfach wegwerfen wollen.
Aber so, wie unsere Beziehung momentan läuft, kann es nicht weitergehen, momentan endet fast jeder Besuch in Tränen…
Vielleicht hast du ein paar Ratschläge für uns.
Frederic (29)

Lieber Frederic,
du fragst:
“Bedeutet der kleinste Zweifel am Selbstverständnis einer Beziehung schon, dass es eigentlich nichts mehr werden kann?”
Nein, absolut nicht. Das ist normal und sogar gesund für eine Beziehung: dass man sie immer wieder korrigiert. Nur so kann sich die Beziehung entwickeln und können sich die Beteiligten entwickeln. (Allerdings ständige sehr große Zweifel deuten durchaus auf nix Gutes hin.)

“Wie soll ich mit diesem Gefühl umgehen? Hat man das eh immer, egal wieviel man rumprobiert?”
Manche ja, manche nein. Ich denke, die meisten Leute überkommt in bestimmten Phasen ihrer Partnerschaft das Gefühl, jemand anders oder etwas anderes könnte besser sein. Aber da muss man dann halt auch nach innen schauen, ob man stattdessen an der Partnerschaft oder an sich selbst etwas verbessern/ ändern sollte.

“Lässt das irgendwann nach, wenn man zusammen wohnt und sich gemeinsam eine konkrete Zukunft aufbaut? Oder endet es, wenn man es nicht anfangs bekämpft, irgendwann in einer Midlife Crisis…?”
Kann beides sein. Allerdings ist die Gefahr, wenn man in der ersten Beziehung verharrt und nie andere Beziehungen hatte, recht groß, dass man irgendwann ausbricht. Was ja auch nicht das Ende bedeuten muss.

Mein Tipp wäre:
Deine Freundin will noch 7 – 8 Jahre Zeit für ihre Karriere. Das heißt, auch ihr beide und du habt viel Zeit. Verschieb deinen Familienwunsch erst mal, du bist noch lange jung genug. Sagen wir mal, bis 33 solltest du dir auf jeden Fall noch Zeit lassen und diese Jahre nutzen, um deine eigenen Berufspläne zu verwirklichen. Werde aktiv und such dir deinen Traumjob, egal wie weit es weg ist, und zieh dorthin (wird ja nicht grade Amerika oder Asien sein, oder?). Dann habt ihr beide erst mal eine Fernbeziehung. Das ist normalerweise keine so tolle Sache, hätte aber für euch beide eine Menge Vorteile:
1) Prüfstein für die Beziehung, ob ihr euch wirklich vermisst und ob es trotz der Entfernung hält.
2) Mehr Raum, sich noch ein Stück selbst zu verwirklichen und sein eigenes Ding zu machen, bevor´s bei euch ernst wird (also Ehe und Familie) – auch andere Frauen zu treffen (und festzustellen, dass die eigene tatsächlich die Beste ist).
3) Mehr Zeit, um die berufliche Karriere zu beschleunigen.
4) Du hättest nicht das Gefühl, deine Karriere für deine Freundin zu “opfern”, sondern ihr wärt sozusagen pari.

Dein Jobwechsel muss ja nicht für die Ewigkeit sein. Du kannst zurückkommen, wenn du deine Freundin trotz Fernbeziehung zu sehr vermisst.
Alles Gute
Beatrice Poschenrieder