Ich wäre bereit, meine Beziehung aufzugeben, doch wie steht´s bei meiner Geliebten?

Hallo Beatrice,
ich lebe seit 9 Jahren in einer Beziehung, die in den ersten 5-6 Jahren sehr bereichernd (ich denke für beide Seiten) war. Letztendlich hat sich das Verhältnis meinerseits stark abgekühlt und ich habe vor 6 Monaten eine neue Frau kennengelernt (eigentlich eine langjährige Freundin), in die ich wie in den Zwanzigern verliebt bin. Leider lebt diese Frau ebenfalls in einer Beziehung. Unsere Treffen sind extrem intensiv und auch nicht immer auf Sex gezielt. So machen wir durchaus logistische Kopfstände, nur um 30 Minuten in einem Cafe einander in die Augen zu schauen.
Der Sex ist großartig, aber ich bin diesbezüglich schon immer Genießer gewesen und war mit keiner meiner Partnerinnen unglücklich bzw. konnte diese ggf. zu mehr motivieren und war dann glücklich. Ich erwähne dies nur, um klarzumachen, dass ich nicht glaube mich nicht in einer Sexfalle zu verrennen.
Im Moment schlafe ich nicht mit meiner festen Beziehung, weil ich eigentlich tief in meinem Herzen monogam bin und ich das Gefühl hätte, beide Frauen (und mich auch) dabei zu verraten. Meine Neue ist 15 Jahre jünger als ich und hat mit ihrem Partner (40) gerade ein Haus gebaut. Ich habe schon mehrfach angesprochen, dass ich gerne mit mit ihr zusammenwohnen möchte, und auch schon eine Menge Szenarien im Geiste durchgespielt, wie der Auszug vonstatten gehen könnte. Sie spinnt dann mit, denkt über gemeinsame Aktivitäten nach, Kinder, Urlaube etc. Äußert Gedanken wie: „Ich habe schon vor Jahren deine Freundin beneidet, weil ich gesehen habe, wie du sie unterstützt, und das wünsche ich mir auch“. Dann kommen aber wieder Bedenken wie: „Ich glaube nicht, dass ich dir auf Dauer genüge“ (Schutzbehauptung?), „Ich möchte meinem Partner nicht weh tun, er verliert nicht nur die Freundin, sondern auch das Haus“…
Aber ich muss meiner Beziehung auch den Boden unter den Füßen wegreißen, und ich wäre bereit dazu, diesen schweren Schritt zu gehen.
Ich habe jetzt erst mal aufgehört zu ziehen, weil dies bei ihr immer Nervosität auslöst. Ich glaub schon, dass ich ihr viel bedeute, sie hat auch früher und jetzt noch mehr mit mir Sachen besprochen, die sie nicht mit ihrem Partner besprechen wollte. (Wobei der Partner ganz nett ist und ich ihm ausweiche, weil ich mich ihm gegenüber sehr unwohl fühle). Ich selbst mache eine Menge Blödsinn, um mich auf ein mögliches Zusammenwohnen vorzubereiten, zum Beispiel versuche ich Frühaufsteher zu werden, weil meine Neue um 6 topfit ist. Geht ganz gut. Ist nur ein Problem, weil ich immer später als meine Freundin ins Bett gehe, um dem Sex auszuweichen. Ich habe durchaus gelernt mit 5-6 Stunden Schlaf komplett auszukommen.
Ich denke auch viel über das Scheitern meiner bestehenden Beziehung nach und bin wirklich motiviert Doppelfehler zu vermeiden. Was sind nun meine Fragen…
1) Woran merke ich, dass die Neue es nicht tun wird?
In diesem Fall würde ich das Verhältnis (so müsste man es dann ja wohl nennen) beenden. Das wäre hart, aber Sex ohne Konsequenzen ist was für Zwanzigjährige. Ich will Verbindlichkeit.

2) Kann ich etwas tun, um ihr ggf etwas Mumm in die Knochen zu blasen?
Nur für den Fall, dass die vermeintliche Schutzbehauptung keine ist.

3) Gibt es eine Chance oder nicht und kann ich die Chance verbessern?
Nach der Beantwortung dieser Frage muss ich dann über meine bestehende Beziehung nachdenken (natürlich nur wenn die Sache aussichtslos ist, ansonsten ist´s klar). Ich habe schon versucht einen (schwachen) Anlauf zu nehmen um auszuziehen, aber ich konnte keinen wirklich stichhaltigen Grund nennen (weil meine Neue nicht genannt werden darf). Alle meine Freunde haben den Kopf geschüttelt und kollektiv gesagt, dass das, was ich kritisiere, nun wirklich nicht irreparabel sei. Das Problem ist, wenn ich allein ausziehe, würde ich in eine andere Stadt ziehen, weil dort mehr von meinen Freunden wohnen und damit die jetzige Stadt meiner Beziehung überlassen (wird interessant, wer von unseren gemeinsamen Freunden Kontakt zu mir halten wird). Einen Zweifrontenkrieg halte ich nicht durch, erst das Eine, dann das Andere. Ist zwar unfair, aber ich wäre dann sowieso in den Augen meiner Umwelt der Bad Guy.
Danke erst mal, Clemens (42)

Lieber Clemens,
ich kriege ja viele Briefe wie den deinen und frage mich jedesmal das gleiche: Ist es besser, beim jemand zu bleiben, den man nicht mehr liebt, als allein (und frei für jemand Neuen) zu sein? Damit meine ich dich. Ist es dir ernst mit der Neuen? Wenn ja, dann verlasse deine Langzeit-Freundin. Das wäre das beste Argument, um der Neuen zu zeigen, wie ernst es dir ist, und zudem könntet ihr euch öfter sehen und besser abschätzen, ob ihr wirklich zueinander passt (denn das könnte auch ein Zweifel-Grund für sie sein). Das Beste wäre, dann auch mal miteinander zu verreisen (mindestens eine Woche), um abzuchecken, wie es zwischen euch läuft, wenn ihr wirklich mal ganz viel Zeit am Stück miteinander verbringt. Deine Neue müsste halt eine gute Ausrede für ihren Freund erfinden.
Ich meine, einer von euch muss den ersten Schritt machen, oder? Und da du dir sicherer zu sein scheinst, solltest du derjenige sein.
Ferner solltest du ihr wiederholt beteuern, dass sie deine Traumfrau ist und du bereit bist, für sie alles hinzuwerfen, um mit ihr zusammenzukommen. Gib ihr aber Zeit. Sie hat guten Grund, jetzt noch zu zögern und zu zweifeln, denn ihr habt erst ein halbes Jahr miteinander zu tun, und sicherlich habt ihr noch nicht wirklich viel Zeit miteinander verbracht, geschweige denn Alltag geteilt.

Ich finde nicht, dass du in eine andere Stadt ziehen müsstest (dann wärst du doch weiter weg von deiner Liebsten, oder?). Tagtäglich trennen sich Paare, und jeder Mensch weiß, dass Liebe nun mal vergehen kann.
Ein Argument für deine jetzige Feste, warum du ausziehen möchtest? Die Wahrheit, was sonst. Ich liebe dich nicht mehr und hab mich in eine andere Frau verliebt.
Hast du so große Angst davor, der „Bad guy“ zu sein, dass du dafür diese große neue Liebe riskierst? Wenn ja, ist es vielleicht auch dir nicht ernst genug.
Du wirst für ein paar Wochen der Bad Guy sein, na und? Und dann haben sich schon alle dran gewöhnt. Du verletzt damit deine Jetzige, okay, aber das tust du ja jetzt auch schon. Sie spürt es ja, dass du nicht mehr „bei ihr“ bist. Solche Dinge sind bitter, aber gehören eben auch zum Leben.

Übrigens, viele der o.g. Briefe findest du in meiner Liebes-Beratung hier unter den Rubriken „Affären/ Treue“ und „Liebe im Zwiespalt“. Bitte geh da mal stöbern.
Alles Gute
Beatrice Poschenrieder