Bin ich sexsüchtig?

Hallo Beatrice,
ich habe ein Problem: Ich glaube, dass ich sexsüchtig bin!!
Ich bin in einer festen Partnerschaft, in der auch alles OK ist, Sex auch. Nur habe ich das große Bedürfnis, wenn meine Freundin nicht da ist, bei Sexhotlines anrufen zu müssen und Telefonsex zu machen, was meine Telefonkosten in die Höhe schnellen ließ. Des weiteren habe ich das Bedürfnis, andere Mädchen kennen zu lernen (über „Sexkontakt“-Telefon und über Sexkontaktbörsen) für ein Blind Date. Ist aber bis jetzt noch nichts passiert. Was ist mit mir los???
Mann, anonym (45)

Hallo Anonymer!
Wie ich in einigen meiner Antworten schon angedeutet habe: Wenn´s zwanghaft wird, kann man´s schon Sucht nennen. Was bei Ihnen noch dazukommt, ist, dass Sie sowohl Ihre Beziehung gefährden als auch Ihre Kasse belasten.

„Bin ich sexsüchtig?“ Diese Frage bekomme ich oft gestellt. Eine Sucht ist es dann, wenn – wie bei jeder Sucht (etwa Alkoholismus) – mindestens drei dieser sechs Kriterien gleichzeitig zutreffen:
1. Starker, oft unüberwindbarer Drang danach (beherrscht das Denken und Handeln)
2. Zunehmender Kontrollverlust (z.B. man tut unliebsame Dinge, die man normalerweise nicht täte)
3. Entzugssymptome, wenn der Drang nicht rasch befriedigt werden kann (z.B. Nervosität, Gereiztheit, Angst, gedrückte Stimmung)
4. Toleranzentwicklung und Dosissteigerung (um sich befriedigt zu fühlen, braucht man immer stärkere Reize oder höhere Mengen)
5. Vernachlässigung anderer Aktivitäten, Vergnügen, Interessen, Pflichten (z.B. um seiner Sucht nachzukommen, vernachlässigt man Freunde, Familie, Partner und/oder belügt sie; man beginnt mit Heimlichkeiten und Vertuschungen)
6. Der Konsum wird fortgesetzt, obwohl man sich der schädlichen Folgen und Nachteile bereits bewusst ist (z.B. man investiert mehr Zeit/ Geld als üblich, um sein Suchtmittel zu bekommen, und die Partnerschaft leidet).
Sexsucht kann sich auf fast alle Formen von Sexualität beziehen: „normalen“ Hetero-/ Homo-Sex, Fetische, Swingen, Polyamorie, notorisches Fremdgehen, Nutzen von kommerziellen Angeboten (Pornokonsum, Prostitution, Telefonsex, Sex-Chats usw.), Onanieren, Sonderformen wie SM, o.a. Für sich genommen, zählen diese Formen noch nicht unter Sexsucht, sondern erst mit den o.g. Kriterien.
Insofern trifft „sexsüchtig“ auch auf einige Personen in diesen Beratungsseiten zu.
Ein interessantes Kapitel dazu finden Sie auch in meinem Buch „Sexbewusstsein“ (siehe unten).

Eine Therapie wäre bei Ihnen durchaus angezeigt.
Sexualtherapie ist dann ratsam, wenn man eine Form von Sexualität hat, die bewirkt, dass etwas drunter leidet – Leben, Gesundheit, Beziehungen, Beruf… Zum Beispiel wenn etwas zu so einer Obsession wird, dass man sich zu wenig auf die Arbeit konzentrieren kann und zu viel Zeit mit diesem „Hobby“ verbringt; oder wenn die Partnerschaft gefährdet ist.
Tipp: Suchen Sie jemand mit therapeutischer Ausbildung und Spezialisierung auf Sexualität, der Sie auch nicht gleich in die „Abartig“-Schublade steckt.
Herzliche Grüße
Beatrice Poschenrieder