Bin noch nicht reif für ein Baby, aber Abtreibung würde ein Stück von mir töten

Liebe Beatrice,
ich bin mit meinem Freund seit 3 Monaten zusammen und trotz Verhütung (lea Contrazeptivum) ungewollt schwanger geworden. Ich war vor drei Tagen beim Arzt, und anschließend bei Pro Familia, wegen des Beratungsscheins.
Zur Zeit ticken mir einige Fragen im Kopf herum.
Ich hatte meinem Freund zu Beginn der Beziehung gebeten, mich in der Zyklusmitte bei der Verhütung mittels Kondom zu unterstützen. Er lehnte es ab, mit der Begründung, dann würde uns die emotionale Nähe fehlen.
Leider habe ich dann nachgegeben. Und mich auf die 97,8% Sicherheit verlassen. Jetzt bin ich schwanger und in einem Zwiespalt. Ich schreibe gerade meine Diplomarbeit und sehe mich nicht in der Lage, die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen. Andererseits fällt es mir schwer mit 27 abzutreiben. Total verwirrt hat mich auch seine Reaktion, als ich ihm von der Schwangerschaft berichtete. Er grinste mich nur an, schmunzelte dann und sagte: „Ich habe mir das schon gedacht, dass du schwanger bist, denn du warst sehr gereizt in letzter Zeit.“
Pikiert war er dann, dass ich zuerst bei Pro Familia war und dann erst mit ihm geredt habe. (Das Problem war aber: Feiertag und Fristenreglung bei einem medikamentösen Abbruch.) Es ging zeitlich nicht anders. Rein rational betrachtet sehe ich die Abtreibung als beste Lösung, emotional bin ich ziemlich gespalten… Wie soll ich jetzt vorgehen?
Vielen Dank für die Antwort
Michelle (27)

„soll
Liebe Michelle,
ich wüsste noch gern von dir:
1) Wie steht dein Freund genau zu der Schwangerschaft? Wenn du’s nicht weißt, musst du ihn fragen.
2) „…fällt es mir schwer mit 27 abzutreiben…“
Bitte beschreibe mir ausführlich, was du damit meinst.
3) „emotional bin ich ziemlich gespalten“
Bitte beschreibe mir alle deine Gefühle und Ängste, auch wenn sie „politisch unkorrekt“ sind oder sowas.
4) Welches Gefühl hast du gegenüber deinem Freund? Und siehst du ihn wirklich als den, der Vater deines Kindes werden sollte?
5) Wie sieht eure berufliche und finanzielle Lage aus?
Bis bald, Beatrice

Hallo Beatrice, danke für die Antwort!
1. Er findet es nicht schlimm, dass ich schwanger bin. Sieht alles eher locker.

2. Ich denke, dass man mit 27 in einem „biologisch“ guten Alter für ein Kind ist, allerdings ist meine Biographie nicht ganz alltäglich. Abitur mit 20, arbeiten, Auslandsaufenthalte, und erst mit 24 habe ich angefangen zu studieren, d.h. ich werde mein Studium mit 28 beendet haben und nicht so wie der „Durchnschnitt“ mit 26. Ich habe in mehrerer Hinsicht einen etwas anderen Lebenslauf als der “ Otto-Normal-Mensch“

3. Ich weiß nicht, ob ich die Verantwortung für ein Kind übernehmen kann, fühle mich noch zu unreif, begreife auch nicht, wie dieser Unfall passieren konnte, da ich 8 Jahre lang so verhütet habe. Auf der anderen Seite finde ich, dass ich bei einer Abtreibung ein Stück von mir selbst zerstöre, etwas töte.

4. Ich denke, wenn ich mal Kinder haben sollte, dann mit ihm. Wenn ich mir so die letzten 10 Jahre anschaue (erster Freund mit 17), denke ich, dass er wirklich der Mensch ist, der zu mir passt (Interessen, Bildung, Lebenslauf, Zielsetzungen). Sehe da sehr große Übereinstimmungen, die ich bis jetzt bei keinem meiner Männer hatte. Blicke auf 6 Beziehungen, eine Ehe und leider auf ca. 30 kürzere Bekanntschaften zurück. Denke daher, dass ich beurteilen kann, ob es harmoniert oder nicht.

5. Ich schreibe gerade meine Dipomarbeit, jobbe nebenbei. Er (35) hat ein Studium abgebrochen, arbeitet Teilzeit und studiert nebenbei Psychologie. Über Fördermöglichkeiten wie Elterngeld/ Kindergeld habe ich mich noch nicht umfassend informiert.
Vielen Dank für deine Hilfe
LG, Michelle

Liebe Michelle,
ich finde es schwierig, dir hier einen Rat zu geben, weil das Thema ja auch viel mit Ethik zu tun hat.
Aus ethischen Gründen darf ich dir nicht zu einem Abbruch raten; aber ich würde dir auch nicht unbedingt zu einem Baby raten – nicht jetzt.
Warum?
1) Es ist unheimlich wichtig – grade heutzutage – seine Ausbildung abzuschließen. Du könntest es später bitter bereuen.
2) Es ist zwar prima, dass dein Freund positiv dazu steht, aber ihr seid erst 3 Monate zusammen. Glaub mir als erfahrener Liebesberaterin: das ist noch viel zu kurz, um wirklich beurteilen zu können, ob er der Richtige ist (als Langzeit-Partner und als Vater). Ein Kind verbindet euch lebenslang.
Für mich klingt er ein bisschen larifari: Er lehnt trotz deiner Bitte das Kondom ab (mit einer echt doofen Begründung!), reagiert irgendwie larifari auf die Nachricht der Schwangerschaft, hat ein Studium abgebrochen und mit seinen 35 Jahren weder einen richtigen Beruf noch eine fertige Ausbildung (oder?)…
Eigentlich wäre es gut, wenn du ihn dir noch eine ganze Weile näher anschauen würdest.
3) Du sagst: „Ich weiß nicht , ob ich die Verantwortung für ein Kind übernehmen hann, fühle mich noch zu unreif“ – das ist ein sehr gewichtiger Punkt. Eigentlich sollte hier ein deutliches Ja für ein Kind stehen. Ich sehe dieses Ja bei dir nirgends – nur Ängste. Dein Argument, „dass ich bei einer Abtreibung ein Stück von mir selbst zerstöre, etwas töte“, ist auch kein Ja zum Kind.
4) „Dass man mit 27 in einem biologisch guten Alter für ein Kind ist“, das ist ebenfalls kein gutes Argument für ein Kind; abgesehen davon, spielt es keine Rolle, ob du noch 2 Jahre damit wartest, aber für deine berufliche und finanzielle Laufbahn würde es die entscheidende Rolle spielen. Und das ist für ein Kind und dessen Möglichkeiten ja auch eine wichtige Sache.
Kurzum, was ich bei dir derzeit nicht sehe, ist ein echter Kinderwunsch – und der ist eigentlich das Wichtigste, damit Mutter und Kind auch eine gute seelische Grundlage haben.

Liebe Grüße und alles Gute,
Beatrice Poschenrieder