Er könnte seine Potenzprobleme mit Tabletten bekämpfen, aber er will nicht!

Hallo Beatrice,
mein Mann (45) und ich (37) sind 2 Jahre zusammen, fast 1,5 Jahre verheiratet. Unser Problem gab´s bereits am Anfang. Er hatte Erektionsprobleme. Wir waren zusammen auch beim Urologen, der hat ihm Potenzpillen verschrieben und meinte, mit etwas Übung wird alles wieder gut… aber das stimmt nicht. Die Tabletten helfen zwar, aber nur, wenn mein Mann halt wirklich Sex will und Lust hat, und da liegt das eigentliche Problem: Er hat wenig Lust oder zeigt sie nicht, und er ist sexuell sehr passiv. Zum Beispiel praktizierte mein Mann in den 2 Jahren fast nie die Missionarsstellung, er wollte nur immer, dass ich mich auf ihn setze, und bis jetzt war er nur ein einziges Mal leidenschaftlich.

Keine Lust, Erektionsprobleme, langweiliger Sex: er will keine Potenzpillen nehmen

Ich hab gern Sex und hätte ihm so viel zu geben, aber er hat wenig Lust und ist passiv!

Ich hab mich am Anfang total abgemüht und ausgepowert, um ihn auf Trab zu bringen, damit es mit den Erektionen wieder besser wird. Allerdings dauerte dies bei ihm immer schrecklich lange, sodass ich so richtig müde wurde. Jetzt, nach all der Zeit, hat sich nichts Wesentliches verbessert, ich bin langsam total gefrustet und recht unzufrieden mit meinem Leben.
Mein Mann ist ein sehr lieber und wirklich herzensguter Mensch, aber er tut nichts für unser Sexleben. Ich habe mit ihm viel darüber geredet.
Ich hab ihm auch gesagt, wenn’ s mal nicht so klappt, gibt´s ja andere Möglichkeiten sich zu entspannen, aber was ich auch all die 2 Jahre sagte, es ist gerade so, als vergesse er’s oder interessiere ihn das nicht sonderlich.
Ich bin immer öfter total gefrustet und traurig und erwäge entweder mir einen Liebhaber anzuschaffen (was ich mir zwar kaum vorstellen kann) oder meinen Mann zu verlassen, denn ich hab ihm von Anfang an gesagt, dass ich gerne Sex habe und alles andere als kalt bin.
Manchmal frag ich mich auch, ob es bei meinem Mann nicht eine psychische Ursache hat, denn mitten in der Nacht kriegt er eine Erektion, auch ohne Tabletten, und diese Erektionen dauern auch lange. Habe aber nie darauf reagiert, denn wollte ihn da nicht wecken.

Dann die andere Macke: Dass er im Bett immer unter mir sein will. Was soll das??? Es ist total langweilig, immer das Gleiche zu machen, obschon ich jetzt froh wäre, wenn ich zumindest dies hätte.
Wenn er dann nicht kann und mich auf andere Art befriedigen will, dann macht er es dermaßen lustlos und langweilig, immer die gleiche Tour, nie ohne ein bisschen Fantasie und Feuer, dass ich mich frage: WAS IST BLOSS LOS???
Wir haben so oft darüber gesprochen, aber es bleibt alles bei der Theorie und in der Praxis geschieht nichts.

Ich kann und will nicht so weitermachen, ich bin voller Leben und ich will lieben. Wenn ich eine Therapie zur Sprache bringe, wird er mürrisch, er will dies nicht. Aber wir drehen uns im Kreis und es wird zum Teufelskreis.
Trotz allem, ich liebe meinen Mann, sonst wäre ich längst davongelaufen.
Ich habe alles probiert, ihn stimuliert, alles Mögliche gemacht, aber es ist sehr einseitig, ich verstehe dies nicht.
Ich hatte ältere Männer, wesentlich älter, und die waren viel besser drauf als der meinige. So was hab ich nie erlebt.
Manuela (37)

Liebe Manuela,
ich kann es sehr gut nachvollziehen, wie gefrustet und enttäuscht du bist. Dies ist ein Zustand, der tatsächlich anders werden muss, denn zu einer guten Paarbeziehung gehört nun mal auch eine erfüllte Sexualität. Und ich denke wie du, dass sein Problem vor allem ein seelisches ist. Er hat sicherlich eine ziemlich schwache Libido, aber auch das ist m.E. eher seelisch bedingt, und diese massiven Potenzprobleme und seine Weigerung, etwas Effektives dagegen zu tun – nun ja, das ist Gift für eine junge Partnerschaft.
Ich wüsste gern von dir:
1) Wie oft hattet ihr im letzten halben Jahr Sex?
2) Hast du ihm schon mal richtig deutlich gesagt, wie du dich fühlst, und dass du bereits an Trennung denkst? Wenn ja, wie reagierte er? Wenn nein, warum nicht?
3) Fühlt er sich unwohl in seinem Körper? Hat er körperliche Beschwerden, Gesundheitsprobleme, Übergewicht?
4) Hat er seelische Probleme? z.B. Dauerstress, (versteckte) Depressionen, Minderwertigkeitskomplexe, Probleme, “seinen Mann zu stehen”?
5) Hast du schon mal massiv Druck gemacht wg. Paartherapie? Wenn nein, warum nicht?
6) Was weißt du über seine Beziehungen und seine Sexualität vor dir?
7) Findet er dich sexy? Woran könnte es haken?
Bis bald, Beatrice

Hallo Beatrice,
ich werde jede deiner Fragen ehrlich beantworten.

1. Wir oft wir im letzten halben Jahr Sex hatten??? Keine Ahnung, vielleicht 2-4 mal, aber sicher nur 2 x richtigen Sex, ich auf ihm.

2. Wie oft ich ihm deutlich machte, wie schwer dies für mich ist?
Ich bin ein sehr offener Mensch und war sehr deutlich, habe viel geredet und sogar geweint, weil er einfach nicht auf mich eingeht und anscheinend nicht versteht, dass eine Frau auch befriedigt werden will. Sogar wenn ich ihm sage, mach so oder so, macht er es nicht oder nur einmal und dann ist wieder Schluss.
Wenn ich ihm dann sage, ich kann so nicht leben, dann reagiert er eher verärgert, geht eine rauchen und meint, ich setzte ihn unter Druck, schiebt es auf mich oder sagt, “dann such dir halt einen Spielgefährten”.
Ich will ihn manchmal dazu zwingen, mit mir darüber zu reden, aber er blockt ab.

3. Ich weiß nicht, ob er sich unwohl fühlt, ich dachte, eher nicht. Und er hat etwas Übergewicht, aber nicht viel. Er findet sich selbst sehr hässlich, was nicht stimmt. Er ist 186 cm lang, breit gebaut, ein sehr ruhiger Typ.

4. Mein Mann hat einen sehr anstrengenden Job und ist deswegen oft total kaputt. Vielleicht hat er versteckte Depressionen, ich weiß es nicht, er kann manchmal ganz extrem werden, wenn ich was sage wegen Trennung (wegen dem Sex), dann redet er gerade so, als wäre es besser, dass er tot wäre. Das finde ich ganz schlimm und sage nichts mehr.

Minderwertigkeitskomplexe hat er allerdings, davon bin ich überzeugt. Er hatte eine schlimme Kindheit, einen Vater, der ihn dauerverprügelte und eine Mutter, die nichts unternahm, die er aber sehr liebte. Mit 8 wurde er sexuell missbraucht, musste einem Mann einen blasen. Ob er was zu Hause erzählt hat, weiß ich nicht, ich denke schon, aber niemand stand zu ihm und hat den Mistkerl angezeigt.
Er war immer schlecht in der Schule, aber als der Vater abgehauen ist (da war er 13 Jahre alt), wurde er auf einen Schlag der Beste. Da seine Mutter eine schwache Person war, musste er mit 13 schon das Familienoberhaupt sein, es waren 5 Kinder zu Hause. Er machte alle Behördengänge, hat die Geschwister miterzogen und bewirkt, dass alle eine Lehre machten, er selbst hat ja auch eine Ausbildung genossen und hat als Erwachsener sogar noch Unterhalt für Mutter und Schwester bezahlt, da der Vater nichts zahlte.
Auf den Vater ist er besonders schlecht zu sprechen, denn der hat eine Familie im Stich gelassen mit 5 Kindern, hat seinen Job gekündigt, damit er keinen Unterhalt zahlen muss und wollte sogar die Familie verklagen, dass sie ihm Unterhalt zahlen.
Mein Mann hat massive Schulden, ich habe ihm schon sehr geholfen. Er hat sich ausbeuten lassen von seiner verstorbenen Frau, die 21 Jahre älter war.

Seinen Mann stehen kann er schon, wenn er mitten in der Nacht einen Ständer hat, oder als er probierte mit Rauchen aufzuhören, dann konnte er, weil viel Aggressionen in ihm steckten, plötzlich 4x am Tag, stell Dir das mal vor, wie ich da frohlockte!!! Hielt aber immer nur kurz an.

5. Ja, ich habe desöfteren schon Druck gemacht für eine Paartherapie und oder Sextherapie, weil ich liebe ihn, bin aber so unglaublich enttäuscht und traurig. Aber er wimmelt dies ab. Ich werde auf jeden Fall eine Therapie machen. Vielleicht dass er dann nachzieht.

6. Er meinte dazu, dass er in jungen Jahren miese sexuelle Erfahrungen gemacht hat mit Mädchen, die nicht recht wollten. Seine erste richtige Erfahrung hatte er mit 18 bei einer Prostituierten.
Dann hatte er eine kurze Beziehung; 3 Monate zusammen und an dem Tag, wo sie ihn verführte, da machte sie mit ihm Schluss… ich frag mich, ob es wohl an ihm lag, er schildert es ja anders.
Danach hatte er lange nichts, bis er mit 28 Jahren eine kennenlernte 400 km entfernt und für ein halbes Jahr immer da hinfuhr. Sie war 40 Jahre alt, verwitwet und das klappte anscheinend gut, aber auf einmal, als er da war, wollte sie auch nichts mehr von ihm wissen, schickte ihn weg.
Danach war er wieder etwa 1-2 Jahre alleine, bis er die kennenlernte, die eben 21 Jahre älter war. Mit der war er 14 Jahre zusammen. Sie hat ihn gleich flach gelegt, eben er auf dem Rücken liegend und sie auf ihn.
Sie war sehr rabiat, aber anscheinend war der Sex OK, sie hatten täglich Sex, sagte er, immer er unten und sie oben.
Nur zuletzt, die letzten 7 Jahre, als sie nach 2 Aufenthalten in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung, nach x Besuchen im Pflegeheim und schon halb behindert war, wollte sie nur noch die Missionarsstellung, sie zwang ihn dazu und er machte, was sie wollte! Er sagte mir, er hatte da oft keine Lust auf Sex, aber er habe seine Pflicht erfüllt. Zuletzt als sie ständig im Pflegeheim war, hatte er keinen Sex mehr, 2 Jahre lang nicht, weil er findet, man müsse treu sein.

Ich frage Dich, Beatrice, warum ich für all das Elend, das mein Mann erlebt hat, jetzt büßen soll?!

Seine Frau war kaum tot, da lernte er mich kennen, also etwas mehr als einen Monat nach ihrem Tod hatte er bereits eine neue Beziehung, er liebte sie nicht mehr, aber er hätte sich Zeit lassen sollen und alles zuerst verarbeiten.
Er hat zu ihr gestanden bis zuletzt, weil er meint, dass man einen Menschen nicht im Stich lassen darf, so wie sein Vater die Familie im Stich gelassen hat.

7. Er sagt immer, ich sei seine Traumfrau, das sagt er auch anderen und lobt mich dermaßen, dass wenn ich irgendwo hinkomme, alle schon wissen, wer ich bin. Ich selbst bin nicht zierlich, eher rund, aber hübsch und Männer mögen mich sehr. Er ist auch eifersüchtig und mag es nicht, wenn andere Männer mir nachschauen, aber irgendwie ist er auch stolz eine hübsche Frau zu haben. Zudem bin ich 8 Jahre jünger als er, also für ihn ist das was ganz Neues, denn ich gehe auf ihn ein und rede mit ihm, was er bis dahin nicht kannte. Zudem sagte er, dass er mit mir den besten Sex seines Lebens hatte, er hatte nie solche Orgasmen und es war nie so intensiv wie mit mir. Sagt mein Mann!!!

Er hatte sein Leben lang Fingernägel gekaut jetzt, seit er mit mir zusammen ist, nicht mehr, nie wieder. Seine Arbeitskollegen sagen alle, mein Mann sei aufgeblüht und ein Anderer als früher. Man sieht, es ginge ihm richtig gut.
Ich kann mit vorstellen, dass er Schuldgefühle hat, denn wegen den Schulden, die er wegen seiner verstorbenen Frau hat, können wir uns nicht viel leisten und das hat er schon gesagt und nachgefragt: Ob ich es schlimm finde, dass er mir nichts bieten kann.
Ich sage ihm dann immer, dass er mir viel gibt, ich habe ein Dach über dem Kopf und Essen ist auch genug da und er macht es mir einfach, mich wohl zu fühlen, ich darf ich selbst sein, er fordert nicht viel von mir.

Wir verstehen uns eigentlich sehr gut, wir lachen immer viel zusammen, nur eben der Sex, der ist eine Katastrophe.
Ich muss nicht immer den Standardsex haben, mit Händen und anderen Sachen kann man auch Spaß haben. Sexuell gesehen, habe ich einen gesunden Appetit, und nun bin ich am Verhungern. Ich will mich auch nicht trennen von ihm, aber es muss was geschehen, denn einen Liebhaber will ich nicht. Dann würde ich die Trennung und eine neue Partnerschaft echt vorziehen, wozu ich aber total keine Lust habe, ich will bei meinem Mann bleiben, ich liebe ihn.
Manuela

Liebe Manuela,
bei deinem Mann liegt sehr viel im Argen, was sich wiederum alles auf seine Sexualität niederschlägt. Natürlich spielt der sexuelle Missbrauch eine Rolle, aber meines Erachtens noch VIEL mehr die lange körperliche Misshandlung – dadurch entwickeln viele eine ungute und angstbesetzte Einstellung dazu, sich körperlich einer Bezugsperson zu öffnen, es ist etwas Ungutes, was man über sich ergehen lässt.
Ferner hat er durch seinen schrecklichen Vater ein sehr negatives Männerbild. Das heißt u.a., dass er in mancher Hinsicht vermeidet, ein “typischer Mann” zu sein, z.B. im Sexuellen. Für eine starke männliche Sexualität ist u.a. eine gewisse Aggressivität erforderlich (allein das Eindringen ist gewissermassen ein aggressiver Akt), und die unterdrückt er bei sich.
Die unguten Erfahrungen mit Sex über viele Jahre lang verstärkten seine negative Einstellung sowie den Drang, diesen zu vermeiden.
Vermutlich hatte er auch mit der Fernbeziehung kaum Sex und verhielt sich dabei sehr passiv, bis sie die Nase voll hatte und ihn wegschickte.
Der einzige Sex, der für ihn je funktionierte, war ein ganz bestimmter Sex mit der 21 Jahre älteren: er musste nix tun, nur daliegen, sie ritt ihn und fertig.
Deshalb ist das auch der einzige Sex, den er bei euch beiden zulässt.
Hingegen die Missionarsstellung meidet er wie den anderen Sex auch, weil das alles für ihn negativ besetzt ist. Ich denke, dass hier auch die Angst hinzukommt, etwas falsch zu machen. Also macht er lieber gar nichts. Was natürlich der größte Fehler ist, aber viele Menschen vermeiden nun mal lieber als etwas zu riskieren.

Dann kommt noch was dazu. Als ich fragte, ob er “seinen Mann steht”, meinte ich nicht das Sexuelle, sondern den Alltag. Denn viele Männer, die im Alltag nicht ihren Mann stehen (also eher schwach und nachgiebig sind, sich kaum durchsetzen, im Job keine Verantwortung übernehmen etc.), können das auch nicht im Sexuellen. Dein Mann steht zwar im Job seinen Mann, aber in der Beziehung bist du es, die die Hosen anhat, und außerdem fühlt er sich dir gegenüber schon von daher nicht genug als Mann, weil er denkt, er könne dir nicht genug bieten. Und das wiederum drückt auch, wie so vieles andere, auf seine Sexlust und “Manneskraft”.

Aber all dies kannst du nicht ändern durch liebe Worte und gutes Zureden. Diese Dinge sitzen alle so tief, die kann nur eine intensive Therapie lösen.
Ich denke, du musst deinem Mann den Ernst der Lage sehr deutlich machen: dass eure Ehe, wenn er nicht bald zur Therapie geht, zerbrechen wird. Dass du ihn verlassen wirst. Denn die Dinge, die du möchtest, sind ja alle ganz legitim. Zu einer guten Beziehung gehört nun mal eine lebendige und erfüllende Sexualität, das kann er nicht einfach untern Tisch fallen lassen oder sich dem verweigern oder alberne Drohungen ausstoßen (“es wäre besser, wenn ich tot wäre”).
Setz ihm ein gewisses Ultimatum, innerhalb dessen er eine Therapie anfangen soll. Ist bis dahin nichts geschehen, dann zeig ihm, dass es dir ernst ist (z.B. indem du ausziehst und erst dann wiederkommst, wenn er sie angefangen hat).

Klar kannst auch du schon mal allein zur Paarberatung gehen, aber ich glaub nicht, dass er dann nachzieht. Dazu ist der Druck zu wenig. Er tut alles, um zu vermeiden, dass er mit den vielen Wunden seiner Vergangenheit stellen muss – lieber zieht er sich deinen Ärger und Frust zu. Aber da muss er durch, wenn er eure Ehe erhalten will, und du brauchst sicherlich ein stärkeres Druckmittel als nur die Tatsache, dass du jetzt allein zur Beratung gehst.
Ferner denke ich, dass er dich so sehr liebt und braucht, dass er den schweren Schritt zur Therapie bald auf sich nehmen wird. Wenn du meinst, dass es hilft, dann zeig ihm Teile unseres Briefwechsels.

Alles Gute!
Beatrice Poschenrieder