Sie ist meine Traumfrau, warum sind meine Gefühle für sie verschwunden?

Hallo Beatrice!
Ich bin jetzt einundzwanzig, also noch sehr jung, aber ich glaube, ich habe schon einiges in Sachen Beziehung durchgemacht. Mit sechzehn habe ich meine „Erste Liebe“ kennen gelernt, die darauf folgenden Monate waren die bis jetzt immer noch schönsten meines Lebens. Alles war so wunderbar neu, so viel zu entdecken, der erste Sex, das Gefühl, die ganze Welt erobern zu können. Damals hätte ich für sie alles getan. Nach einem dreiviertel Jahr wurde ich von ihr sehr verletzt, sie hatte mit einem anderen geknutscht. Für damalige Verhältnisse hat das für mich gereicht die Beziehung zu beenden, weil ich sehr darunter gelitten habe, für mich ist halt eine Welt zusammengebrochen. Ich denke, dadurch bin ich bis heute, was Vertrauen angeht, sehr vorbelastet.
Nun, auf jeden Fall folgte darauf eine 3monatige Sendepause. In dieser Zeit lernte ich eine „Neue“ kennen, der ich auch sehr nah kam. Für mich war das so eine Art Rache, ich dachte, ich könnte ihr es damit heimzahlen. Aber die „Neue“ hat sich ziemlich stark in mich verliebt und ich hab ihr sehr eindeutig klargemacht, dass ich keine Beziehung wolle. Ich habe sie sehr verletzt und sie hat mich richtig dafür gehasst. (Ich komm später auf sie zurück, den sie hat die tragende Rolle bei meinem Problem). Ich hing einfach noch so sehr an meiner Ex und kurz darauf kamen wir wieder zusammen. Wir waren ab diesem Zeitpunkt noch ein Jahr zusammen, irgendwann war der Zauber der ersten Liebe verloren und sie trennte sich von mir. Grund dafür war auch die Scheidung ihrer Eltern, sie zog daraufhin ca. 500km von mir weg.
So hatten wir uns das letzte halbe Jahr, in dem wir zusammen waren, nur jedes zweite Wochenende gesehen. Ich habe alles für sie getan, leider hat das nicht gereicht. Ich habe seitdem keinen Kontakt mehr zu ihr. Von da an war ich wieder allein.
„liebeWie du schon oft gesagt hast, gibt es Personen, die einfach nicht allein seien können, ich bin glaub ich eine davon. Nach ca. 3 Monaten suchte ich wieder Kontakt zu meiner kurzen Bekanntschaft von damals. Sie hat mir das von damals verziehen und ich durfte eine der wunderbarsten beeindruckensten Persönlichkeiten, die man sich nur vorstellen kann, kennen und lieben lernen. Die dazu noch so wunderschön ist und eigentlich auf den Laufsteg gehört. Wir sind (waren) jetzt fast anderthalb Jahre zusammen.
Vor einer Woche habe ich mich von ihr getrennt! Es war eine wunderschöne Zeit, manchmal nicht einfach, aber wir haben jedes Problem überwunden. Sie ist etwas größer als ich und ehrlich gesagt hatte ich schon ein sehr großes Problem damit (Beschützerinstinkt usw.), besonders wenn wir ausgingen. Aber durch ihre tolle Art hat sie mich davon überzeugt, dass die Größe nebensächlich ist.
Seit einiger Zeit schaffe ich es nicht mehr ihre Gefühle richtig zu erwidern, irgendetwas hat sich verändert. Es ist nicht ihre Schuld, es liegt allein an mir. Ich weiß einfach nicht, was mit mir los ist. Nach so einer langen Zeit kann ich einfach nicht mehr. Es ist so schlimm, weil sie so eine wunderbare Person ist, eine Wahnsinnsfrau, ein echter Traum. Sie leidet sehr darunter und versucht alles mich zu behalten. Trotzdem kann ich es nicht.
Kann so etwas sein? Gefühle sind immer noch da, ich kann sie aber nicht einordnen und ihr zeigen. Ist die Größe unterbewusst doch ein Problem? Habe ich zu viel Beziehung gelebt, bin ich dadurch kalt geworden? Ich will ihr nicht wehtun, kann aber nicht anders. Hoffe du kannst mir irgendwie helfen, mir sagen, was mit mir los ist.
Danke, Raphael (21)

Hi Raphael,
du fragst:
„Ist die Größe unterbewusst doch ein Problem?“
Nein – bei wirklicher Liebe ist das nur ein oberflächliches Problem, aber keines, was die Gefühle zerstört. Für deine Traumfrau war´s jedenfalls kein Grund, denn sie liebt dich wirklich.

Du willst außerdem wissen:
„Habe ich zu viel Beziehung gelebt, bin ich dadurch kalt geworden?“
Vielleicht für dich „zu viel“; vielleicht kannst du (wie die meisten Menschen) nur ein bestimmtes Maß an Nähe ertragen, und wenn dies überschritten wird, ziehst du dich innerlich zurück. Je näher dir jemand kommt, desto größer ist ja auch die Gefahr, dass du verletzt wirst.
Vielleicht bist du innerlich auch noch nicht bereit für eine dauerhafte, in die Zukunft weisende Bindung. Und je länger eine Beziehung geht, desto größer ist ja auch die „Gefahr“, dass deine Partnerin bestimmte Dinge von dir erwartet und dass etwas sehr Dauerhaftes daraus wird. Hat sie in letzter Zeit irgendwelche Sachen gesagt oder angedeutet, die euch beide betreffen und in die Zukunft reichen? Hat jemand anders euch wegen Verlobung, Zusammenziehen o.ä. angesprochen? Ist etwas passiert, was eure Bindung verfestigen würde, wenn du es zuließest? Kamst du dir ein bisschen vor wie in der „Falle“?

Wenn du sagst, es lag nicht an deiner Freundin, dass deine Gefühle zurückgingen, dann lag es wahrscheinlich an deinen eigenen unbewussten Ängsten. Finde heraus, welche das waren, und stelle dich ihnen.
Sind es zum Beispiel Bindungsängste, so gibt es ja durchaus die Möglichkeit, zu diesen Ängsten zu stehen und sie deiner Freundin mitzuteilen, um zusammen eine Lösung zu finden. Nehmen wir an, diese Bindungsprobleme wären vor allem dadurch ausgelöst worden, dass sie davon redete, dass sie unbedingt mal heiraten und Kinder kriegen will. Dann müsstest du dazu stehen, dass dir das im Moment Angst macht und du noch lange nicht so weit bist, und du müsstest sie fragen, ob sie mit deiner Haltung klar kommt. Würde sie bestimmt.

Überleg dir gut, ob du so eine Traumfrau einfach wegfliegen lassen willst. Es ist nämlich verdammt schwer, so jemanden zu finden, und es ist ein wahres Himmelsgeschenk, wenn so jemand dich auch noch liebt. Vielleicht hilft es, sich das immer wieder vor Augen zu führen?

Bitte lies dazu auch in meinem Liebes-Briefarchiv unter „frisch verliebt“ folgenden Brief (er erhellt einen bestimmten Aspekt der Bindungsangst):
«Etwas in mir zwingt mich auf Abstand zu ihr zu gehen, obwohl ich verliebt bin».

Und hier noch ein Buch, das dir helfen wird, deinen verschwindenden Gefühlen auf die Spur zu kommen: Stefanie Stahl, Vom Jein zum Ja!: Bindungsangst verstehen und lösen. Hilfe für Betroffene und ihre Partner

Mach´s gut
Beatrice Poschenrieder