Ich verließ meinen Freund für einen lustigen, wilden Typen, aber nun saugt er mich leer und boykottiert mein Leben
Liebe Beatrice,
Er passte quasi perfekt in mein Leben. Ich fing schon mit zehn Jahren an in einer Art von Hochbegabtenförderung zu studieren, hatte mein Leben lang strebsam und gewissenhaft studiert und nie viel Party gemacht, Alkohol getrunken oder ähnliches. Auch für meine Eltern, die sehr konversativ sind, gab es keinen besseren Freund als "J" an meiner Seite.
Irgendwann, vor etwa einem halben Jahr, wurde mir irgendwie langweilig. Mein Leben war mir zu öde, spießig, ich war einfach generell mehr auf dem Trip endlich mal etwas erleben zu müssen. Mein Freund J sah das garnicht so und verstand meine Gemütsunruhe kaum. Trotzdem gab er sich Mühe mir den Wunsch zu erfüllen und brachte mir spontan "pokern" bei. Ich hatte meinen wirklichen Spass daran und irgendwann hatte er die Idee mich mit ins Casino zu nehmen und um Geld zu spielen. Es folgte fast eine exzessive Phase der Casino- Besuche und wir spielten irgendwann um wirklich hohe Summen von Geld. (muss dazu sagen, dass wir mehr gewannen, als verloren) Dies gab mir das Gefühl eines richtigen Kicks und genau das, wonach ich gesucht hatte. Dort fanden wir verrückte Menschen und bald sogar Freunde, die mich einfach faszinierten.
Einer von ihnen war ein Biologiestudent (28), der vollkommen verrückt und lustig war. Er imponierte mir, weil er ein brutaler Chaot, ein echt lustiger Typ und einfach so ganz anders war wie ich. Irgendwie verliebt ich mich total in ihn. Das gestand ich "J" sofort und bat ihn, dass wir gemeinsam eine Lösung finden, damit wir wieder eine tolle Beziehung führen können. Aber er nahm es garnicht richtig ernst, wir gingen weiter ins Casino und bald merkte ich, wie sehr es mich belastete und warnte J vor meinen Gefühlen, die zu dem anderen wanderten. Er reagierte zwar gekränkt, aber es gab keinerlei Anstalten z.B. es zu vermeiden dorthin zu gehen, wo wir dem anderen begegnen könnten. Irgendwann in den Ferien flog mein Freund dann nach Schweden zu seiner Familie.
Da beging ich den Fehler, ließ meinen Gefühlen freien Lauf und fing an mich mit dem Biologiestudenten fast täglich zu treffen und ging J fremd. Ich verliebte mich heftig in den Studenten "L", obwohl ich wusste, dass wir von unserem Lebensstil, unserem Fleiß, unserer Einstellung überhaupt nicht zueinander passten und er sich genauso in mich. Es war die wahrscheinlich lustigste Zeit meines Lebens. Doch nach drei Wochen kam J wieder und ich hatte ihm nichts davon erzählt. Aus Angst heraus, brach ich den Kontakt zu L ab, obwohl es unmöglich war, ihn zu vergessen. Ich war ihm schon so unglaublich nah gekommen. Ich erzählte J nichts und erwähnte den anderen mit keinem Wort mehr. Ich litt wie ein hund. Bald wurde mir klar, dass ich ohne L nicht sein konnte, aber genauso, dass er nicht zu mir passt.Ich entschied mich dann doch mit J Schluss zu machen und es war keine einfache Entscheidung und furchtbar für mich. Ich machte L klar, dass wir uns wirklich Mühe geben müssen, um eine Beziehung hinzukriegen. Der Anfang lief auch sehr gut. Alles war lustig, alles war amüsant und verrückt... bis dann mein Studium wieder anfing.
Ich werde durch hohe Stipendien gefördert und muss überdurchschnittlich viel lernen und für mein Studium tun. Das ist mir auch das Wichtigste momentan. Ich dachte, L würde mich genug lieben und akzeptieren, um mich zu unterstützen, mir Kraft zu geben, damit ich mein Studium weiterhin so erfolgreich durchziehen kann wie bisher.
Aber es kam garnicht so: Wenn ich sagte, ich müsse um acht aufstehen, hielt er mich bis in die Nacht hinein wach und war dann böse, wenn ich langsam sauer wurde. Er wohnt momentan bei mir, weil er sein Geld im Casino verspielt hat und nun muss ich mein Leben kürzer halten, um ihn mit "durchfüttern" zu können. Ich bin ein sehr ordentlicher Mensch und lebe in einer kleinen Wohnung alleine. Wenn ich nach Hause komme nach einem anstrengenden Tag ( mit viel zuwenig Schlaf) sieht meine Wohnung aus wie Saustall und überall quellen die Aschenbecher über...
Ich versuche ihm liebevoll beizubringen, dass er sich an bestimmte Regeln halten muss und dass ich das nicht mehr aushalte (er ist 28 und hatte noch nie eine Beziehung vorher). Ich frage mich, ob er nicht versteht durch welche harte Zeit ich für ihn gegangen bin mit meinem Exfreund J. Ich habe soviel liegen und stehen gelassen, meinen Freund verlassen, und nicht wenige Freunde haben mir geraten die Finger von ihm zu lassen. Ich sehne mich nach dem Leben, das ich mit J verbracht habe, weil ich auch gesundheitlich enorm unter dieser ständigen Belastung leide. L sagt, er liebt mich so sehr und will nur, dass es mir gut geht, aber macht mich passiv total leistungsunfähig.
Ich liebe ihn wirklich und wusste ja auch, wie unterschiedlich wir sind, aber wie kann das jemals klappen? Was hälst du davon?
Es wäre schön eine Antwort von dir zu erhalten.
Toni
Liebe Toni,
Hältst du das etwa für Liebe?
Es ist gegenseitige Abhängigkeit.
Es gilt, dass du etwas erkennen (und auch leben) musst:
Es ist nicht deine Aufgabe oder Teil einer Beziehung (oder Liebe), den Partner zu unterstützen und zu stützen, wenn er sein Leben nicht auf Reihe kriegt, und dann selber zu leiden.
Du denkst, wenn du ihn liebst und die Beziehung aufrecht erhalten willst, musst du dafür sorgen, dass es ihm gut geht. Aber das ist Blödsinn. ER MUSS SELBST UND GANZ FÜR SICH DAFÜR SORGEN, DASS ES IHM GUT GEHT UND ER SEIN LEBEN IM GRIFF HAT!!!
Es ist nicht deine Aufgabe.
Im Gegenteil: indem du ihm so viel abnimmst, kann er weiterhin sein Chaoten-Leben leben und muss sich nicht ändern.
Das heißt: Deine Liebe zeigt sich nicht darin, dass du ihm dauernd hilfst, sondern indem du ihm Anstoß gibst, sich selbst zu helfen. Leider wirkt hier nur eine Radikalmaßnahme, nämlich dass du ihn sofort rauswirfst. Hör mal, der Typ ist 28!!! Es ist für sich selbst verantwortlich und für sein Dach überm Kopf und seine Wettschulden.
Wirf ihn raus und gib keinen Cent mehr für ihn aus. Kümmere dich darum, wieder selbst auf die Beine zu kommen und innere und äußere Stabilität zu kriegen.
Eine echte Paarbeziehungs-Liebe bedeutet: "Ich mute dir nicht zu, dass du meine Scheiße auslöffelst und für mich sorgen musst; sondern mir und dir zu Liebe kriege ich mein Leben selbst in den Griff."
Und so eine Liebe bedeutet auch: "Ich traue dir zu, dass du es selbst schaffst, denn ich will dich lieben, wie eine Frau einen Mann liebt, und nicht wie eine Mutti ihr Kind."
Er wird erst mal sehr sauer und verwirrt sein und denken, du liebst ihn nicht mehr. Erklär es ihm. Auch du wirst Angst haben, dass er dich dann nicht mehr liebt. Warte ein paar Wochen ab und bleib stark. Wenn er dich wirklich liebt, wird er alles tun, um sein Leben in den Griff zu kriegen, und dann wird er sich wieder bei dir melden und eure Beziehung auf einer ebenbürtigeren Ebene fortführen.
Denn das ist es doch eigentlich, was du willst: Du willst nicht einen Kerl, der eine Ersatzmama braucht, sondern eine Liebesbeziehung zu einem Mann, der für sich selbst verantwortlich ist, also dir ebenbürtig ist. Das ist durchaus vereinbar mit einer lustigen Art.
Und wenn er es nicht packt: dann lass ihn gehen. Dann wird er von der Reife her immer ein Kind bleiben und auch nie wie ein erwachsener Mensch lieben können.
Ich denke, du hältst u.a. deshalb so an ihm fest, weil er eine Seite verkörpert, die du dir wünschst, aber selbst zu wenig auslebst. Wenn du dich das traust, hast du es auch nicht nötig, einen Mann für seine Kaspereien zu "bezahlen" oder seine Chaotik zu dulden.
Vermutlich hast du in der Zeit mit ihm auch genug gelernt, um selbst genug Ideen für ein spanneneres und abenteuerlicheres Leben zu haben (das Casino würde ich aber lassen - zu hoher Sucht- und Geldfaktor!) und sogar J anzuregen und mitzureißen. Vielleicht wäre er dann viel eher wieder der richtige Partner.
Herzlichst
Beatrice
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