Sie trennte sich nach 16 Monaten mit den Worten, “Es wird mir zu eng”

Hallo Beatrice,
ich komme nicht damit zurecht, dass sich meine Freundin nach 1 Jahr und 4 Monaten von mir getrennt hat wegen “zu eng”.
Kurz zu uns: Sie (25) ist eine Person, die immer gerade heraus sagt, was ihr in den Sinn kommt. Stößt damit aber nicht auf sehr viele Menschen, die das gut finden. Ich stand und stehe immer noch voll zu ihr, half und helfe (jetzt weniger) ihr, wo ich kann. Aufgrund ihrer direkten Art und wegen eines Vorfalls in meiner Familie habe ich meine Familie links liegen gelassen. Sie bedeutet mir einfach alles.
Sie ist, seit sie 16 ist, selbstständig und musste sich immer selbst durchsetzen/durchschlagen. Sie behauptet gern, sie sei deshalb allein besser dran. Braucht dann auf niemanden achten und aufpassen. Fühlt sich dadurch stark, ich weiß aber, dass sie jemanden braucht, bei dem sie Halt hat und der auch hinter ihr steht. Ihre Familie kam auch nie als Halt/Hilfe in Betracht. Habe mich deshalb sogar in die Familie eingemischt, um das etwas zu bessern, mit leichtem Erfolg. Habe auch mitbekommen, dass es in ihrer Familie nur Vorwürfe und Streit gab statt Kompromisse. Wenn das nicht reichte, wurden von ihrem Vater die schlagenden Argumente benutzt. Denke, deshalb kann sie Gefühle nicht richtig zeigen und verschließt sich. Sie ist dominant, möchte dies aber nur auf Arbeit sein und nicht zuhause.

Nur bin ich nicht dominant, eher ein Familienmensch, habe es versucht mehr zu werden, was ihr nicht ganz reicht. Bin ein gefühlvoller und einfühlsamer Mensch, der Probleme versucht gleich in einem Kompromiss zu lösen, anstatt auch mal zu sagen, dass mir das so einfach nicht passt. Habe deshalb schon oft gemerkt, dass ich dadurch ausgenutzt werde. Arbeite auch daran, weil ich es selbst nicht mag ausgenutzt zu werden. Nur gelingt es mir bei Ihr sehr schlecht.
Sonst haben wir sehr viel gemeinsam, was ich sehr toll finde. Zu Streits kam es in unserer Beziehung nie. Gab nie einen Anlass dafür. Obwohl es in meiner Beziehung davor fast an der Tagesordnung war.

Sie will nicht mehr mit mir zusammen sein

Es wird ihr zu eng, sie kommt allein besser zurecht.

Zur Trennung: Sie hat sich mit der Begründung getrennt, ich enge sie zu sehr ein. Dabei leben wir 200 km voneinander getrennt (ich Student, sie Filialleiterin) und haben uns nur an Wochenenden gesehen oder in den Semesterferien, in denen ich bei ihr für die Zeit eingezogen bin, ansonsten sehr viel telefoniert. An den Wochenenden ist sie viel arbeiten. Und für uns blieb wenig Zeit. Diese wollte ich nicht einfach auf der Couch verbringen, nur gefiel ihr es nicht, da sie Ruhe brauchte. Blieb dann oft nur die Couch. Sie meinte, ich kann es doch allein machen. Kann dies nicht wirklich nachvollziehen, wo da die Einengung sein soll? Sie hat vor mir, bis auf zwei Ausnahmen, nur Kurzbeziehungen von ca. 2 Monaten geführt. Denke deshalb und wegen der Familie kann sie Gefühle nur schlecht zeigen.

Nach der Trennung habe ich Funkstille gehalten. Habe es das auch einen Monat gut durchgehalten. Bis sie sich meldete. Bin dann endlich der Sache auf den Grund gegangen, warum denn für sie nur eine Trennung in Frage kam. Darauf hab ich erfahren, wie schon zum Tag der Trennung, dass es viele Kleinigkeiten gibt, die sie stören. Habe diesmal aber tiefer nachgebohrt und auch Antworten bekommen. Waren viele…! Eine größere Sache war, dass sie sich nicht mehr sexuell von mir angezogen gefühlt hat (sie wäre in früheren Beziehungen an diesem Punkt schon lang fremd gegangen, nur konnte sie es bei mir nicht) und das ging sogar soweit, dass sie sich geekelt hat, wenn ich ihr in irgendeiner Weise näher kam.
Desweiteren hat sie mein Problem angesprochen, dass ich beim Sex, nach ca. 6 Monaten unserer Beziehung, nur noch zu zeitig gekommen bin. Dabei war der Sex zum Anfang sehr ausgeglichen und harmonisch, wir sind fast ausschließlich zusammen gekommen. Haben es sehr genossen, bis sie mir irgendwann sagte (ungefähr zu der Zeit, als das Problem anfing), ihr wird der Sex doch zu viel (im Schnitt 1-2mal täglich). Dabei ging es aber fast nur von ihr aus, dass wir miteinander schlafen, da Sex für sie sehr wichtig ist, in einer Beziehung. Das stand von Anfang an fest. Danach fing der Knick im sexuellen Bereich an.
Habe versucht meinem Problem Herr zu werden, mit nur mäßigem Erfolg. Setzte mich selbst immer mehr unter Druck, was dem Ganzen nur noch weiter Feuer gab, als es zu löschen. Gab es dann auf, da ich auch keinerlei Unterstützung von ihr bekam. Unser Sexleben fiel dann immer weiter ab bis zur Trennung, da gab es schon über einen Monat keinen Sex mehr. Habe jetzt seit der Trennung (1,5 Monate) Zeit das Problem anzugehen und habe bisher nach meiner Meinung schon viel erreicht, zur Lösung des Problems.

Weiter kamen noch weitere Sachen, wie meine Tollpatschigkeit, in letzter Zeit schlechtes Selbstbewusstsein. Mein Selbstbewusstsein litt darunter, das ich von ihr gegen Ende auch keine Gefühle mehr gezeigt bekommen habe, was mich richtig nach unten gezogen hat. Dann sprach sie an, dass sie eigentlich eher einen dominanten Mann braucht, der ich aber nicht bin. Sie möchte zur Zeit keinen Mann, will jetzt erst mal für sich sein.

Sie kam jetzt vor zwei Wochen spontan zu mir und wir hatten einen sehr schönen Nachmittag und Abend. Mit gemeinsamer Nacht ohne Sex. Hätte es nicht gewollt, da ich sie ganz zurück haben möchte. Seitdem ist es so, dass wir jeden Abend min 30 min telefonieren und uns in den Schlaf reden. Sie betont dann immer wieder, wie wichtig ich für sie bin und sie mich nicht missen/verlieren möchte. Ich finde das Telefonieren sehr schön, nur denk ich mir, dass ich sie so nicht zurück bekomme, sondern einfach nur der gute Freund bleibe. Das möchte ich nicht, weil sie die Traumfrau für mich ist. Sie hat in mir so viel geweckt. Mich sogar sehr verändert, obwohl man das ja eigentlich nicht jemanden zuliebe machen sollte. Wollte es anfangs nicht, habe mich darauf eingelassen und festgestellt, es tun mir die Veränderungen sehr gut. Davon war ich sehr überrascht. Möchte dies nun auch keine Sekunde missen.

Habe mich in den letzten zwei Wochen mit anderen Frauen getroffen und meiner Ex davon erzählt. Mit dem Ergebnis dass sie nicht recht damit umzugehen weiß, weil es sie verletzt das zu hören. Sie tut es dann immer ab mit dem Spruch „Ich wollte es ja so“. Das hat mir aber gezeigt, wie viel ich ihr noch bedeute. Nun ist es aber für mich so, wenn ich eine Frau toll finde, ich es sein lasse, weil ich es seit der Trennung als schmerzhaft empfinde. Habe es in der ersten Zeit versucht, es einfach zu unterdrücken. Es bleibt aber schmerzhaft, obwohl ich nichts zu befürchten habe. Deshalb blockiere ich momentan alles, was mit Frauen zu tun hat. Außer mit ihr. Ich stelle momentan fest, dass ich mich verschließe am Telefon im Gespräch mit ihr, mach mein Leben schlecht, hab keine Lust irgend etwas zu unternehmen, usw. Nun weiß ich einfach nicht mehr weiter, wie ich sie doch wieder für mich gewinnen kann und ob überhaupt eine Chance für uns beide bestehen könnte. Ich hoffe auf einen Ratschlag von dir, um es mit der außenstehenden Sicht richtig anzugehen.
Danke jetzt schonmal für deine Antwort
Denis (27)

Lieber Dennis,
ich vermute, deine Ex hat massive Bindungs- und Näheängste.
Was hat sie in ihrer Kindheit und von der Familie gelernt? Sie hat auf jeden Fall nicht gelernt, Nähe zu bekommen und zuzulassen, und wenn es mal Nähe gab, dann oft mit Verletzungen verbunden. Das heißt, je größer die Nähe zum Liebespartner wird, desto größer wird auch das unbewusste Gefühl der Bedrohung. Folgen:
1. der häufige Impuls „es wird mir zu eng hier, ich muss raus“,
2. Probleme, den anderen sehr nah an sich ranzulassen, auch sexuell,
3. Angst vor gemeinsamer Zukunft mit ihm,
4. plus ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Männern – einerseits Suche nach einem Mann, der dem Vater ähnlich ist (dominant), andererseits würde sie bei so einem Mann genauso große Ängste entwickeln.

Kurz gesagt, ihre seelischen Probleme und Wunden sind so groß, dass sie mit KEINEM Mann zu einer richtigen, engen, dauerhaften Beziehung in der Lage wäre – egal wie er ist (das heißt, auch du könntest dich verbiegen, wie du wolltest – es würde nicht gutgehen).
All dies ist sehr genau beschrieben in dem besten Buch, das ich zum Thema Bindungs- und Näheangst kenne, nämlich «Jein!: Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner» – bitte lies das unbedingt, es wird dir die Augen öffnen!

Zu dir: du schreibst, „Bin ein gefühlvoller und einfühlsamer Mensch, der Probleme versucht gleich in einem Kompromiss zu lösen, anstatt auch mal zu sagen, dass mir das so einfach nicht passt. Habe deshalb schon oft gemerkt, dass ich dadurch ausgenutzt werde. Arbeite auch daran, weil ich es selbst nicht mag ausgenutzt zu werden.“
Es ist sehr wichtig, dass du daran arbeitest. Man kann auch einfühlsam und selbstbewusst zugleich sein – und mit selbstbewusst meine ich, sich seiner Bedürfnisse und Grenzen bewusst zu sein und diese ganz deutlich zu machen (was ja auch auf freundliche Art geht), überhaupt zu sich selbst zu stehen – z.b. wenn einen das Verhalten des Partners irritiert und verletzt. Nur den Partner zu schonen und sich selbst nicht, das geht auf Dauer nicht mal in den besten Beziehungen gut, weil du dich klein machst und der Partner dich auch bald als “kleiner” sieht.
Du schreibst außerdem: „Ich finde das Telefonieren sehr schön, nur denk ich mir, dass ich sie so nicht zurück bekomme, sondern einfach nur der gute Freund bleibe.“
Da hast du mit Sicherheit Recht. Es kann sogar sein, dass sie dich momentan dazu “benutzt”, sich nicht allein zu fühlen. Ich würde dir hier dazu raten, sie ganz direkt zu fragen, was das soll, und ob sie wieder mit dir zusammenkommen will oder nicht, aber dass du für so halbe Sachen nicht zur Verfügung stehst.

Dieses Mädel hat mit so vielen seelischen Problemen zu kämpfen, dass diese ihr bei der Liebe im Weg stehen – und da kannst du nichts machen, ihr auch nicht helfen, das muss sie selber einsehen und gezielt dagegen angehen (Psychotherapie). Und selbst wenn sie alles aufarbeitet, wird es noch lange dauern, bis sie sich nicht mehr selber im Weg steht.
Von daher, so leid es mir tut, rate ich dir, sie loszulassen.
Herzlichst, Beatrice Poschenrieder