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Liebes Fragen : Verliebt & verloren

One-Night-Stand: Ich bin verliebt, er zieht sich zurück

Marcia, 26

Hallo Beatrice!

Vor anderthalb Wochen habe ich auf einer Party einen Mann kennengelernt. Ohne irgendwelche Erwartungen war ich dort hingegangen, doch waehrend unseres mehrstuendigen Gespraeches merkte ich, wie ich zunehmend auftaute. Meine letzte Beziehung ist nunmehr 2 Jahre her, und sie endete fuer mich sehr schmerzhaft. Als ich nun jedoch auf der anderen Seite ein aufrechtes Interesse spuerte und zudem auch der Alkohol in mir zu wirken begann, liess ich mich dazu verleiten, mit zu ihm zu fahren. Wir haben dort miteinander geschlafen, was auch sehr schoen war. Doch am naechsten Morgen spuerte ich bei ihm eine erste Distanzierung. Kurzum, wir haben uns seitdem nicht wieder gesehen, und er hat auch nicht angerufen. Stattdessen habe ich ihm eine Visitenkarte per SMS geschickt. Obgleich seine ersten 2 Antworten sehr verhalten klangen, stimmte er in der zweiten einem Treffen zu. Das war Samstag. In der darauffolgenden Nacht bekam ich unverhofft eine weitere SMS. "Ich wuensche Dir eine schoene Nacht, Marcia. Mit lieben Gruessen, Timo." Mein Problem ist nun: Haette er sich nicht schon in der Woche zuvor beide Beine ausgerissen, um mich wiederzusehen, wenn er wirklich an mir interessiert waere? Zeigt sich in seiner letzten SMS vielleicht nur eine generelle Sympathie oder, was ich schlimm faende, ein schlechtes Gewissen? Ist vielleicht sein `maennlicher Jadginstinkt´ gestorben? Unser Treffen ist auf unbestimmte Zeit verschoben, was mich eben zu dieser Schlussfolgerung bringen will. Dabei war er in unserer gemeinsamen Nacht so liebevoll. Er sprach sogar davon, sich eine neue Bettdecke zulegen zu wollen, weil seine jetzige fuer uns beide zu schmal ist. War das vielleicht nur ein in der Hitze des Gefechts ausgesprochener Spruch? Oder denkt er vielleicht, dass eine Frau, die sofort einwilligt, ohnehin nur ein `leichtes Maedchen´sein koennte? Wenn es darauf hinauslaufen sollte, war es mein erster (unfreiwilliger) One-Night-Stand, und dieser Gedanke macht mich sehr traurig. Liesse sich sein Zoegern auch anders verstehen, oder wuerde ich mir dann was vormachen? Dieses Warten auf eine Antwort von ihm macht mich immer unsicherer, gerade weil ich seit meiner letzten fehlgeschlagenen Beziehung nicht einen einzigen Mann auch nur in meine Naehe gelassen hatte. Dass es jetzt im Hauruckverfahren gelaufen ist, ist vielleicht nicht optimal, aber zumindest von meiner Seite stimmte es auch auf der emotionalen Seite auf Anhieb. Soll heissen: Die ploetzlich und unerwartet auftauchenden Liebesgefuehle waren nicht nur auf den Alkohol zurueckzufuehren. Es war eher so, dass ich mich ueber alle Massen freute, wieder jemanden an mich ran lassen zu koennen. Und der Sex war keine stumpfe Triebabfuhr, sondern hatte sehr viel Gefuehl. Oder mache ich ihm vielleicht Angst? So viele Fragen und keine Antworten. Auch wenn diese Nachricht sehr lang ausgefallen ist, hoffe ich, dass Du mir antworten wirst. Im voraus schon einmal vielen Dank,
Marcia




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Liebe Marcia,

die Antworten auf die meisten deiner Fragen findest du in meinen "Liebe-FAQ´s" im Brief "Nach der ersten Nacht meldet er sich nicht mehr".
Zu den anderen Fragen:
"Haette er sich nicht schon in der Woche zuvor beide Beine ausgerissen, um mich wiederzusehen, wenn er wirklich an mir interessiert waere?"
Ja.

"Zeigt sich in seiner letzten SMS vielleicht nur eine generelle Sympathie oder, was ich schlimm faende, ein schlechtes Gewissen?"
Wahrscheinlich fühlte er sich grade einsam.

"Dabei war er in unserer gemeinsamen Nacht so liebevoll. Er sprach sogar davon, sich eine neue Bettdecke zulegen zu wollen, weil seine jetzige fuer uns beide zu schmal ist. War das vielleicht nur ein in der Hitze des Gefechts ausgesprochener Spruch?"
Ja.

"Oder denkt er vielleicht, dass eine Frau, die sofort einwilligt, ohnehin nur ein `leichtes Maedchen´sein koennte?"
Diese Meinung kursiert leider noch in den Köpfen sehr vieler Männer. Hat mit alten Rollenklischees zu tun, aber auch mit männlichem Jagdtrieb. Eine beute, die sich zu leicht erlegen lässt, ist keine reizvolle uhnd auch keine wertvolle Beute.

"Liesse sich sein Zoegern auch anders verstehen, oder wuerde ich mir dann was vormachen?" Letzteres (siehe auch der genannte Brief). Du hast ihm genug Zeichen und Anlässe gegeben, sich zu melden und mit dir zu verabreden.

"Oder mache ich ihm vielleicht Angst?"
Das wahrscheinlich nicht grade, aber er befürchtet (zu Recht), dass du dich in ihn verliebt hast und gern mehr von ihm hättest. Und das kann er entweder im Moment nicht gebrauchen, oder du bist halt nicht die Richtige für ihn.

"Dass es jetzt im Hauruckverfahren gelaufen ist, ist vielleicht nicht optimal, aber zumindest von meiner Seite stimmte es auch auf der emotionalen Seite auf Anhieb. Soll heissen: Die ploetzlich und unerwartet auftauchenden Liebesgefuehle waren nicht nur auf den Alkohol zurueckzufuehren."
Glaub mir (einer erfahrenen, beziehungs- und männergeprüften Frau): Ob du mit einem Mann zusammenpasst, kannst du nicht nach einem Abend und einer Nacht beurteilen. Niemals. Von deiner Seite aus stimmte halt die Chemie, und dass du ihn so schnell an dich rangelassen hast, hat sehr viel damit zu tun, dass bestimmte Faktoren an ihm in dein persönliches Reizschema passten. Sein Geruch, den du unbewusst wahrgenommen hast, bestimmte Gesten, bestimmte Äußerlichkeiten, vielleicht auch etwas in seiner Stimme usw.
Das hat weniger mit Liebe als mit Sex und Biologie zu tun.
Außerdem verbrämen viele Frauen einen spontanen Anfall von Lust und den daraus folgenden schnellen Sex mit "Verliebtheit". Anders gesagt: Da der schnelle Sex nicht in das Bild passt, was sie von sich selbst haben, rechtfertigen sie ihn vor sich selber mit Liebesgefühlen. Aber - wie ich schon oben erwähnte - nach so kurzer Zeit kann man noch nicht von Liebe reden, sondern höchstens von Verknallt-Sein. Und wenn sich der andere dann entzieht, steigert sich das Begehren noch mehr. Das wird allzu leicht mit Verliebtheit verwechselt.

Mein Rat an dich wäre folgender:
Gib ihm eine letzte Chance, dich zu treffen. Keine SMS, keine Email, keine Nachricht auf der Mailbox, sondern du rufst ihn an, bis du ihn selber dran hast, und fragst ihn ganz direkt, ob er sich denn nun mit dir treffen will oder nicht, und dann bittest du ihn um einen konkreten Termin - und zwar innerhalb der nächsten acht oder neun Tage. Wenn er nicht in ALLEN (!!) Teilen drauf eingeht, hat er kein Interesse und du kannst ihn abhaken unter "Erfahrungen" und daraus die Lehre ziehen, dass es für dich persönlich besser ist, dir beim nächsten Mann mit dem Sex mehr Zeit zu lassen.
Herzlichst
Beatrice




Liebe Beatrice!

Gerade weil Du Dir so viel Muehe gegeben hast, faellt es mir nun so schwer, Dich noch einmal zu behelligen, aber ich habe da in meiner ersten Nachricht so vieles unausgesprochen gelassen, weil ich diese Dinge einfach nicht noch einmal in mir hochsteigen lassen wollte. Heute geht es mir aber um einiges besser als gestern, und darum...
Was ich bisher vorgetragen habe, hoert sich ja tatsaechlich nach einem klassischen One-Night-Stand an. Meine Geschichte ist ein wenig vertrackter. Nur in Ansaetzen habe ich in meiner ersten Mail von dem Ende meiner letzten (eigentlich meiner einzigen) Beziehung geschrieben. Diese 2 Monate waehrende Beziehung liegt, wie bereits erwaehnt, nunmehr 2 Jahre zurueck. Das Schmerzhafte daran war nicht nur das Ende, sondern auch der Verlauf: Ich war damals auf jemanden gestossen, der meine entschieden zu hoch gesteckten Erwartungen nicht nur nicht erfuellen konnte/wollte, sondern ihnen in gewisser Weise auch den Spiegel vorhielt. Mein damaliger Freund hatte mich, bevor wir zusammengekommen waren, stets als eine attraktive, geistreiche und humorvolle Frau gesehen, doch als er nun merkte, dass ich nicht annaehernd diesem Bild entsprach, zog er sich auch ganz schnell wieder von mir zurueck. Das war deshalb so ungemein verletzend, weil ich mich damals zum ersten Mal ueberhaupt einem Mann geoeffnet hatte. In kuerzester Zeit hatte er alles von mir erfahren, etwa von meinen Verletzungen, die auf einen Unfall in meiner Kindheit zurueckgehen, von meiner langwierigen Magersucht in den Teenagerjahren, von meinen nicht ganz so optimalen familiaeren Verhaeltnissen und auch von meinen Selbstzweifeln, was meine beruflichen Qualifikationen betraf. Ihm von all diesen Dingen zu erzaehlen, hatte eine Riesenueberwindung gekostet, und nun machte er einfach Schluss. Vom einen auf den anderen Tag war er nicht mehr da, und auch all meine Versuche, ihn zurueckzuerobern oder zumindest zu einem Dialog zu bewegen, schlugen fehl. Gleichzeitig neigte er aber dazu, mal aufgeforderter-, mal aber auch unaufgeforderterweise irgendwelche Zugestaendnisse und Versprechungen zu machen, mich z. B. anrufen zu wollen. Diese Versprechungen wurden aber nie eingeloest. Und was tat ich? Ich gab mir die Schuld daran, frei nach der Devise: "Das geschieht dir recht! So unattraktiv und weinerlich, wie du nun einmal bist, kann dich auch niemand lieben!" Da ich mittlerweile saemtliche Deiner Ratschlaege gelesen habe, weiss ich, dass Du den Leuten, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden, genau den Ratschlag zu geben pflegst, den ich mir irgendwann selbst gegeben habe: Nicht ein anderer Mensch, etwa ein Partner, kann die eigenen Wunden lecken und `alles gut werden lassen,´ das muss man schon selbst machen. Man muss sich selbst pflegen und respektieren lernen. Wie kann denn jemand, der sich selbst nicht zu pflegen und zu respektieren weiss, einen anderen Menschen pflegen und respektieren? Und wie soll der andere, auch wenn er besten Willens sein sollte, seinen Wunsch, einen zu pflegen und zu respektieren, aufrechterhalten, wenn all seine Bemuehungen immer wieder aufs Neue ins Leere laufen? Das geht nicht. Soweit also mein Lernprozess, der insgesamt bestimmt anderthalb Jahre dauerte. Mittlerweile zeigen sich erste Erfolge: Meine Freunde meinen, dass ich noch nie so ausgeglichen und offen gewirkt habe wie jetzt, und in meinem Beruf habe ich in den letzten Monaten so viel Elan entwickelt, wie schon lange nicht mehr. Nur eine Befuerchtung hat mich in dieser Zeit immer mal wieder heimgesucht: "Auch wenn ich wieder eine gute Gespraechspartnerin/Freundin bin, Leute wieder zum Lachen bringen kann und der Beruf aufs Neue `laeuft,´ wie sieht es in Sachen Liebe aus? Schaffst du das noch mal, kannst du dich wirklich noch mal aufraffen, oder war es das jetzt gewesen?" Doch in den letzten beiden Monaten blieb ich von diesen Gedanken weitgehend unbehelligt. Ich war zum ersten Mal so richtig zufrieden mit mir, habe z. B. das Schminken drangegeben, weil das in meinem Fall immer eine Maskerade, ein Schutzwall gewesen war. Stattdessen lief ich erstmals ohne allen Schnickschnack durch die Welt, und keiner behandelte mich anders, d. h. wie auch immer negativ. "Dieser neue Umgang mit dir selbst tut dir gut und ist mit Sicherheit noch ausbaufaehig", dachte ich mir und freute mich. Ein Mann schien mir in dieser Zeit nicht unbedingt zum Glueck zu fehlen, weil ich mir - Wer haette das gedacht? - endlich einmal selbst zu genuegen begann. Ich wollte erst einmal lernen, dieses neue Gefuehl zu einer dauerhaften Lebenseinstellung zu machen. Mich in meiner Haut wohl zu fuehlen, das war mir noch nie untergekommen. Das kannst Du woertlich nehmen, denn aufgrund meiner Unfallschaeden an den Beinen war ich bislang mehr als gehemmt gewesen. Dieser Mann vor 2 Jahren war auch der erste gewesen, mit dem ich haette schlafen wollen, doch mittlerweile bin ich sehr froh, dass das nicht passiert ist. "Diese Narben, die du da an den Beinen hast, die gehoeren jetzt schon so lange zu dir. Wird es nicht langsam mal Zeit, dass du lernst, dich dafuer nicht mehr zu schaemen? Wie waere es, wenn du versuchtest, mit diesen Narben Frieden zu schliessen? Und ausserdem kannst du doch nicht wirklich jemanden zum Freund haben wollen, der dich nur in Teilen anzuerkennen wuesste. Im Anfang war das Licht, und das ging ueber dir auf, und nicht ueber einer Partnerschaft. Die kann jetzt erst einmal warten, bis du mit dir zurande kommst. Sei konsequent, aber ueberfordere dich auch nicht!" Das war mein Ansatz. Soweit, so gut. Was ich dir nahe legen will, ist nun folgendes: Moeglicherweise habe ich diesen Mann auf der Party gerade deshalb so gut gefallen, weil ich diese neue Haltung bereits auszustrahlen begonnen hatte. So zumindest mein Eindruck, und das hat mich ueber alle Massen gefreut. Und ich begann diesem Fremden zu vertrauen. Auch das war fuer mich ein Grund zur Freude, da ich ja eben dies nicht mehr fuer moeglich gehalten hatte. Ein Mann, der mir gefaellt, soll mein Vertrauen wecken? Wie das? Aber es ging. Obwohl auch ich um die ueberaus grosse Macht der Pheromone weiss und gewiss auch Bruder Alkohol einen Betrag leistete, war es meines Erachtens vor allem diese Freude bzw. diese Erleichterung, die mich zu allem weiteren Handeln bewegte. Er wusste um meine Jungfraeulichkeit, legte mir sogar nahe zu warten, da das erste Mal doch etwas besonderes fuer mich werden sollte. Aber weisst du was? Nach all den leeren Versprechungen und dilettantisch vorgebrachten Luegen, die ich von meinem Exfreund gehoert hatte, war ich so froh, ueberhaupt noch zu einer spontanen Gefuehlsaeusserung faehig zu sein, dass ich das nicht fuer relevant hielt. Wer mit 26 seine sogenannte Unschuld verliert, hat schon in allen moeglichen Lebensbereichen so viele Erfahrungen gesammelt, dass sie oder er sich auch ohne weiteres ohne dieses sexuelle `Initiationserlebnis´ zurecht als Frau bzw. Mann fuehlen kann. Ich glaube nicht, dass mich dieser Teilaspekt unseres Zusammenseins jetzt erdrutschartig reifer gemacht haben koennte. Wie gesagt, stimmte es bei mir auf der emotionalen Ebene mit diesem Mann so gut, dass fuer mich nichts dagegen sprach. Und es war auch schoen; es jetzt irgendwie schlecht machen zu wollen, hielte ich fuer verfehlt. Nur bei ihm war kurz danach eine Unsicherheit auszumachen. Vielleicht meinte er mich um eine Erfahrung gebracht zu haben, die mir unter anderen Umstaenden anders, d. h. schoener passiert waere, doch ich sah das nicht so. Spontane Gefuehlsaeusserungen sind, egal in welchem Bereich, nach meiner Erfahrung ohnehin so selten, dass man fuer jede einzelne dankbar sein sollte, und das zaehlte in meinen Augen auch in diesem Falle. Wenn ich nun mutmasse, dass sich in seinem Verhalten ueber diesen Tag hinaus eine Angst vor mir aeussern koennte, meine ich damit, dass er sich vielleicht fragt, welch komplizierte und mehrmals enttaeuschte Frau er sich da angelacht haben koennte. Vielleicht ist es ihm auch irgendwie `unheimlich´, dass ich mit 26 noch Jungfrau war; vielleicht fuerchtet er ja, dass ich mich darum erst recht ganz eng an ihn binden will? Es ist natuerlich zusaetzlich oder unabhaengig davon denkbar, dass ich ihm so, wie ich bin, nicht gefalle. Gerade diese Befuerchtung war waehrend unserer gemeinsamen Nacht endlich mal nicht vorhanden gewesen. Warum macht ihn das nicht stolz wie Oskar? Ist das denn nichts? Es kann natuerlich auch sein, dass diese Dinge fuer ihn nicht massgeblich sind, dass es also bei ihm einfach nicht gefunkt hat. Der Gedanke, dass bei ihm einfach nur der maennliche Jagdtrieb verschwunden sein koennte, macht mich beinahe schon kirre, denn schliesslich duerfte ihm doch klar sein, dass er es in meinem speziellen Fall nun wirklich nicht mit `easy meat´ (bloeder Ausdruck) zu tun gehabt hatte. Ganz im Gegenteil. Oder erlischt der Jagdtrieb bei Maennern etwa ganz ungeachtet der naeheren Umstaende einer solchen Begegnung? Jetzt kommt vielleicht der eigentliche Hammer: Ich weiss gar nicht, ob ich wirklich in ihn verliebt bin. In der Zeit, in der er sich nicht meldete, hatte ich mehrere Déjà-vus. Ich fuehlte mich an meinen Exfreund erinnert - an seine Unart sich nicht zu melden. Das hat mir zumindest gezeigt, dass ich doch noch nicht so weit bin, erneut jemanden an mich ranzulassen. Das ist soweit auch ganz in Ordnung, hatte ich doch beschlossen, mich nicht ueberfordern zu wollen. Was mich schmerzt ist die Befuerchtung, dass sich in meinen Maennergeschichten (Es gab ja auch vor wie nach meiner Beziehung von vor 2 Jahren Bekanntschaften, allerdings keine, die mich interessiert haetten) so langsam aber sicher ein Muster abzeichnet: uebersteigertes Vertrauen trifft auf relative Gleichgueltigkeit. Kann es sein, dass ich ebendies nun einmal mehr provoziert habe? (Generell bin ich ein Mensch, der, sobald es ihn im Zwischenmenschlichen einmal erwischt hat, gleich aufs Ganze geht, d. h. mit nichts hinter dem Berg haelt, auch in Sachen Freundschaft beispielsweise.) Und falls dem so sein sollte, wie kann ich diese vermeintliche Untugend abbauen ohne mich erneut zusehends zu vergraben? Von meinem gestrigen Durchhaenger einmal abgesehen, bin ich soweit ganz zuversichtlich, denn ich treffe nach wie vor meine Freunde, bringe auch im Beruf mehr als das erforderliche Engagement auf. Darum frage ich Dich: Wie kann ich dieses Erlebnis in meinen groesseren Plan einordnen, den ich oben beschrieben habe? Gibt es angesichts dieses - fuer sich betrachtet schoenen - Erlebnisses irgendwelche Gruende, mich jetzt doch wieder weniger zu moegen? Habe ich mir nun selbst ein Bein gestellt, oder kann diese Nacht so stehen bleiben, ihren eigenen Wert haben, auch wenn er sich nicht mehr bei mir melden sollte? Mir ist es so wichtig, noch einmal mit ihm zu sprechen, weil ich finde, dass ich das ihm und mir schuldig bin. Jeder ist fuer sein eigenes Handeln verantwortlich - leider wird das nur allzu oft vergessen. Es geht mir dabei nicht etwa um moralische Fragen, sondern darum, dass hier immerhin zwei Menschen mit ihren ureigenen Geschichten, mit ihren eigenen Wuenschen wie Befuerchtungen, Hoffnungen und Aengsten aufeinandergetroffen sind, und es kann doch nicht in unser beider Interesse liegen, uns gegenseitig eine Negativerfahrung aufzubuerden, die wir einem tatsaechlich in Frage kommenden Partner niemals zumuten wuerden. Liebe muss doch auf dem aufbauen, was man bislang in seinem Leben an Zuwendung geschenkt hat; von nix, kommt nix. Ich will ihm sagen, warum diese Nacht fuer mich so schoen war und weshalb ich sie, auch wenn aus uns nichts wird, nicht als Ausrutscher verstehen sehen will. Es geht hier gleichermassen um Selbstachtung wie um den Respekt vor dem anderen, den man ja nun einmal eine Nacht lang im Arm gehalten hat.
Meine groesste Befuerchtung aber laesst sich folgendermassen formulieren: War das schoen, von jemandem zu erfahren, dass ich eine richtig tolle Frau sein soll, d. h. eine Frau, die im Umgang mit Maennern nicht auf ihr Aeusseres setzt, dass das, was ich sage, auch wirklich Substanz hat, dass ich insgesamt mit meinem WESEN ueberzeuge und nicht mit Sexappeal! Als ich an diesem Abend mit ihm ein Taxi nahm, sagte er mir, nachdem ich bereits den Taxifahrer bezahlt hatte und aus dem Auto wollte: "Marcia, ich habe dich so gern gewonnen - ich faende es so schoen, wenn du heute nacht mit zu mir kommen wuerdest!" Und da machte es in meinem Herzen ein weiteres Mal `klick´, und zwar so sehr, dass ich kurz darauf gar nicht erst ueberlegte, wo ich schlafen wollte (Er hatte mir auch das Gaestezimmer und sein Wohnzimmer angeboten). Ich fuerchte nun, dass ich diesen ueberaus guten Eindruck, den ich bei ihm anfangs gemacht hatte, durch den Sex, der dann eben ueberwiegend von mir ausging, zerstoert haben koennte. Vielleicht denkt er ja jetzt, dass ich doch keine sooooo tolle Frau sein koenne, wenn ich dann eben genau so agiere, wie die Frauen, die ihn nicht interessieren: Sie fahren auf der Sexschiene und vergessen das Kennenlernen. Dass es so in meinem Fall nicht war, da die oben genannten Dinge im Vordergrund standen, kann er ja nicht wissen. Meint er vielleicht, auf mich hereingefallen zu sein?
Ich hoffe sehr, dass es zu einem Treffen kommen wird. Nur erzaehle mir doch mal, warum so viele Leute dieses Beduerfnis nicht zu haben scheinen. Warum ist es so vielen lieber, wie zwei streunende Katzen auseinander zu gehen? Wo bleibt da die eigene Wuerde, wo die des anderen? Wo bleibt da die Zuneigung, die man - Triebe hin oder her - doch fuer kurze Zeit fuer einander empfunden hat? Oder bin ich in dieser Hinsicht etwa zu idealistisch, sprich: weltfremd? Habe ich von meiner ersten Mail behauptet, dass diese lang ausgefallen waere? Ich nehme das hiermit zurueck. DIES hier ist eine lange Mail. Ich hoffe, dass ich Dir dennoch keinen Verdruss bereitet habe. Es lag mir so sehr am Herzen, diese Dinge zu schreiben. Im Grunde ist dies hier meine eigentliche Nachricht; die erste sagt im Vergleich nicht viel. Ich wuerde Dir nicht geschrieben haben, wenn ich Deine Ratschlaege an andere nicht bereits zuvor zu schaetzen gelernt haette. Gerade das Thema Behinderung weisst Du sehr differenziert anzugehen. Ich lese diese Beitraege mit erhoehtem Interesse, obwohl ich mich beileibe nicht als behindert bezeichnen wuerde. Bei mir handelt es sich ueberwiegend um Schoenheitsfehler. Aber auch die koennen einen behindern, o ja. Aber, wie gesagt, ich arbeite daran das aufzuloesen. Ich hoffe, ich habe mich in dieser Mail einigermassen verstaendlich gemacht. Ist manchmal nicht so einfach. Ueber eine weitere Rueckmeldung wuerde ich mich sehr freuen.
Herzlichst,

Marcia



Liebe Marcia,

Hilfe! ich fühle mich etwas überfordert. Sei mir nicht böse, wenn ich mich kurz fasse, denn ich bekomme massenhaft Briefe.
Und sei mir nicht böse, wenn ich dir jetzt ganz offen was sage: Du hast noch nie eine Beziehung gehabt. Zwei Monate mit einem Mann, der nicht Hüh und nicht Hott sagen wollte, kein Sex und kein geteilter Alltag mit ihm, das ist doch keine Beziehung!

Das Problem ist, dass bei dir eine beziehungstechnische (und zum Teil auch emotionale) Unerfahrenheit mit einem sehr hochentwickelten Geist zusammentreffen. Und alles, was dir im Männer- und Liebes-Bereich passiert, Dinge, die von anderen als "Kinkerlitzchen" bewertet würden, werden von deinem regen Geist tausendmal hin und her gewendet und tausendmal verkompliziert.
Meine Güte, warum kannst du die Dinge nicht einfach mal so hinnehmen, wie sie sind???!!!! Süße, es gibt Männer, die dich aus irgendeinem Grund anziehend finden, aber dann beschließen, dass sie doch nicht "mehr" wollen. Das ist das Normalste auf der Welt!!!
Aber du, du überlegst und grübelst und zermarterst dich: Wer hat schuld? woran liegt es? liegt es an meinen Defiziten? oder dass ich Jungfrau war? oder an meinen Narben? etc. pp. Du löcherst mich erneut mit Fragen über diesen Typen, den du kaum kennst, dabei gibt´s über ihn tatsächlich nicht mehr zu sagen als das, was ich dir in der ersten mail gesagt habe, und das waren schon zu viele Worte. Der eine war ein unentschlossener Schluri, der andere ein One-Night-Stand. Na und? Lass sie doch ziehen. Ich habe ZIG solcher Kerle erlebt. Ich hatte früher viele unfreiwillige One-Night-Stands und 2-Monats-Geschichten. Aber es hat nie (NIE!) was gebracht, sich darüber wochenlang zu zermartern oder den Kerl zu einem "Gespräch" zu drängen. Entweder er hat Interesse an dir und verabredet sich mit dir (bestimmt nicht zum Gespräch), oder eben nicht.
Viele Leute würden im Zauber des Moments (dazu unter Einfluss von Alkohol) alles sagen und tun, um die Nacht mit einem zu verbringen, und man darf das nicht überbewerten. Sorry, aber es ist nun mal so. Außerdem hast du dich selber in diesen ONS hineinmanövriert, also fang endlich an, es zu als das zu sehen, was es war: eine schöne Nacht mit einem Mann, ein sexuelles Erlebnis.
Und: Du beziehst viel zu viel auf dich. Aber jeder Mensch ist eine Insel und trägt so sein Päckchen und seine Muster mit sich herum, und durch noch so viele Mutmaßungen und Spekulationen wirst du nicht wissen, warum´s nicht geklappt hat bzw. warum er dich nicht will. Frag ihn, freu dich, wenn du eine brauchbare Antwort bekommst, und hak´s ab.
Möglicherweise hat´s nicht geklappt, weil du den Männern vermittelst, dass bei dir alles schrecklich kompliziert ist. Am Anfang einer Beziehung steht die "Leichtigkeit des Seins", steht Flirt, Neugier, Spaß, Erotik. Wenn du da schon anfängst mit Problematisieren und Psychologisieren, hast du schon verloren. Ich habe das Gefühl, tief drinnen glaubst du immer noch, du verdienst es nicht, geliebt zu werden. Falls das zutrifft, wär´s gut, wenn du das angehst.

Bitte fühl dich nicht persönlich angegriffen, ich sag´s dir einfach, wie ich´s seh.
Liebe Grüße
Beatrice

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