Unsere Beziehung ist so wackelig, dass es mich total runterzieht

Hallo Beatrice,
ich habe zur Zeit ein großes Beziehungsproblem und hätte gerne Deinen Rat. Ich bin seit fast einem halben Jahr mit meiner Freundin zusammen. Als wir uns kennen lernten, war ich gleich positiv von ihr angetan. Doch dann gab’s gleich die ersten Probleme, weil sie schlechte Erfahrungen in ihrer Vergangenheit gesammelt hatte und einiges ausschließen wollte. Zudem wollte sie gleich vor Anfang unserer Beziehung meine Gefühle wissen, aber zu dem Zeitpunkt war bei mir absolut nichts zu spüren (keine Schmetterlinge im Bauch oder so etwas in der Art).
Wir sind dann trotzdem zusammengekommen, aber hatten oft Streit, weil wir einfach zu verschieden sind (Ansichten über Sex, Werte etc.).
Mittlerweile bin ich so fertig, dass ich keine Lust mehr auf garnichts habe und ich mich an fast nichts mehr freuen kann.
Ich möchte sie nicht verlieren, weil es so viel Kraft gekostet hat, alles aufzubauen, weil sie ein Teil meines Lebens geworden ist und weil ich nicht wieder allein sein möchte (ich war vorher eine sehr lange Zeit Single).
Jetzt meine Frage: Was ist in so einer Situation das Beste? Trennung, weil ohne wahre Liebe alles nur böse enden kann? oder Weitermachen in der Hoffnung auf Besserung und Wiederaufleben von Gefühlen?
Gibt es das “Kribbeln im Bauch” eigentlich noch am Anfang von späteren Beziehungen oder nur bei der ersten großen Liebe?
Danke für Deine Zeit, Niklas (23)

Unsere Beziehung ist nicht gut

Wir sind zu verschieden! Ist es besser, wir gehen getrennte Wege?


Lieber Niklas,
ich wüsste gern noch was:
1) Wie alt ist sie?
2) Wieviel Zeit pro Woche verbringt ihr miteinander?
3) Was macht ihr in eurer gemeinsamen Zeit?
4) Wieviel Prozent dieser Zeit besteht in Unstimmigkeiten, Streit, dicker Luft, unguter Stimmung?
5) Wie genau laufen eure Streits ab?
6) In welchen Punkten seid ihr verschieden? Bitte möglichst ausführlich beantworten!
7) Was gefällt dir sonst noch nicht an ihr?
8) Worin seid ihr auf einer Wellenlänge und was gefällt dir an ihr?
9) “Mittlerweile bin ich so fertig, dass ich keine Lust mehr auf garnichts habe und ich mich an fast nichts mehr freuen kann.” Bitte erklär mir genauer, was du damit meinst.
10) Neigtest du schon vor der Beziehung zu depressiven Verstimmungen oder Schwermut?
Bis bald, Beatrice

Hallo Beatrice,
danke für Deine Antwort. Hier auch gleich zur Beantwortung Deiner Fragen:
1) Sie ist 22 Jahre alt.

2) Wir sehen uns durchschnittlich mindestens ca. 2x pro Woche.

3) Wir sind meistens bei ihrer Familie oder bei mir. Zudem sind wir öfters in kirchlichen Einrichtungen, wo ich mich nicht sehr wohl fühle, aber ich gehe wegen ihr mit.

4) ca. 50-60 %, würde ich schätzen

5) Wir haben sehr verschiedene Ansichten über alles Mögliche. Meistens gibt es Probleme, weil unsere Ansichten, was Sexualität angeht, sehr weit auseinandergehen. Ich tue meistens etwas, was für mich total normal ist/war, aber sie tief verletzt. Unsere Streits laufen meistens so ab, dass ich ihr etwas gestehe, sie regt sich auf, dann wird sie traurig, weint, ich tröste sie und sie verzeiht mir. Ich bin die Ursache und sie ist die Wirkung.

6) In fast allen. Sie ist sehr kirchlich erzogen, ich bin eher weltoffen und glaube nicht an Gott. Sie ist sehr familienverbunden, bei mir ist alles eher lose (jeder macht eher so seins, weniger als gemeinsame Familie). Sie ist auch eher katholisch eingestellt, was Sex angeht, und ich habe früher sehr viel rumexperimentiert, z.B. Toys etc., da ich sehr offen bin. Sicherlich hat das nicht zu einer “natürlichen Entwicklung” meiner Sexualität beigetragen, aber es ist nunmal passiert und nun ist es ein Teil von mir. Nun darf ich es aber nicht mehr ausüben, weil sie das verletzt, und das macht mich etwas fertig, da es Teil meiner Sexualität geworden ist. Des weiteren ist sie wohl etwas weiter in der Entwicklung als ich, denn sie denkt ziemlich zukunftsorientiert – sie plant gerne für später (Zusammenziehen, Hochzeit, Kinder, Familie), aber ich bin noch nicht soweit und fühle mich jetzt schon dadurch in meinen Freiheiten eingeschränkt.

7) Sie ist sehr eifersüchtig und kontrolliert mich, wo es nur geht – sie hat starke Verlustängste, was ich verstehe (wegen ihrer Vergangenheit), aber es quält mich. Ich muss gestehen, dass ich auch sehr viele Mädelsbekanntschaften (vor unserer Beziehung) hatte und das Anlass gibt, mir dahingehend zu misstrauen, aber ich finde es einfach übertrieben.

8) Naja wir sind beide ziemlich durchgeknallt und blödeln gerne mal rum. Sie will eine feste Beziehung, was ich auch möchte. Ich finde sie auch sehr attraktiv! Besonders gefällt mir ihre Fürsorglichkeit. Sie ist einfach für mich da, wenn ich sie brauche, und sie gibt mir die Liebe, die ich brauche (wenn wir uns nicht gerade streiten)!

9) Es tritt mittlerweile mehr oder weniger dauerhaft auf. Dauernd gibt es Differenzen und wir streiten. Es belastet mich so, dass ich derzeit unter Antriebslosigkeit und Dauermüdigkeit leide. Ich weiß, es macht mich fertig, und sie auch. Ich möchte sie nicht verlieren, obwohl ich weiß, dass es sicher nicht gut ausgeht. Ist das zu egoistisch?

10) Nein. Vorher und am Anfang war ich lebendiger und enthusiastischer. Als die ersten Probleme kamen, wurde das aber weniger.

Es belastet mich auch sehr diese Zeilen zu schreiben, weil ich es für mich behalten muss, aber ich sehr starke Schuldgefühle habe, weil sie bestimmt wollte, dass nur sie und ich darüber reden. Aber das taten wir und wir kommen nicht weiter. Ich weiß einfach nicht mehr weiter… bitte hilf, Beatrice!
Viele Grüße, Niklas

Lieber Niklas,
zuerst einmal zu dieser Frage:
“Gibt es das “Kribbeln im Bauch” eigentlich noch am Anfang von späteren Beziehungen oder nur bei der ersten grossen Liebe?”
Es kann immer wieder auftreten, wenn die Gefühle für einen Menschen stark genug sind. In der Regel tritt es zu Anfang auf, wenn man heftig verknallt oder verliebt ist, aber es kann sich auch später einstellen; bei einigen glücklichen Paaren tritt es über die Jahre immer mal wieder auf.
Das Kribbeln zeigt dreierlei an: Erstens die sexuelle Anziehung, zweitens dass dieser spezielle Mensch irgendwie in unser unbewusstes “Liebesmuster” passt, drittens dass man Angst hat (z.B. nicht zu “genügen” oder ihn zu verlieren).

Dass du nach wie vor keine wirkliche Liebe für deine Freundin empfinden kannst, könnte unter anderem in einem Schutzmechanismus deiner Seele begründet sein: Deine Seele möchte dich davor schützen, tiefe Gefühle für eine Person zu empfinden, die absolut nicht zu dir passt.
Zu tiefe Unterschiede trennen euch, und zu viele, die sich nicht ändern lassen (selbst wenn, wie durch ein Wunder, deine Liebe plötzlich erwachen würde – was sie nicht tun wird!). Nicht mal sexuell passt es und wird auch nie passen. Dabei ist eine gemeinsame gute Sexualität ein sehr wichtiger Baustein für eine erfüllte Beziehung! Es gibt Männer, die gut zu ihrer zurückhaltenden Art passen würden, es gibt Frauen, denen deine experimentelle Art gut gefiele – aber bei euch beiden klafft ja nun wirklich die größtmögliche Kluft dazwischen!

Du verschwendest ihre Zeit, sie deine, und was das Schlimmste ist: Ihr zieht euch gegenseitig runter. Wenn ein Paar zu mir kommt, das im Prinzip ganz gut passt, aber sie sagen: ein Drittel unserer Zeit besteht in Unstimmigkeiten, Streit, dicker Luft, unguter Stimmung, dann ist das schon Alarmstufe Rot. Bei euch sind es sogar 50 – 60 %, und es passt auch sonst nicht, von daher…

Was noch als absolut alarmierender Faktor hinzukommt, ist das, was mit dir geschieht. Das, was du beschreibst, kann man durchaus schon als eine Depression bezeichnen. Eine Depression ist fast immer ein Zeichen, dass man dringend etwas in seinem Leben ändern sollte, aber dass etwas einen lähmt.
Was dich lähmt, ist Verlustangst und Angst vorm Alleinsein. Du hast Angst, wieder Single zu sein und ihre Fürsorge nicht mehr zu bekommen. Andererseits schreibst du selbst, dass du vor der Beziehung “lebendiger und enthusiastischer” warst.
Selbst wenn du viel für das Zustandekommen der Beziehung getan hast: Es lohnt sich nicht, an etwas festzuhalten, dem du nicht mal selbst eine Zukunft gibst.
Ich sehe da von deiner Seite auch ganz viele Schuldgefühle, die sehr zu deinen Depressionen und deinem Gefühl der Lähmung beitragen. Warum hast du Schuldgefühle? Du bist deiner Freundin nichts schuldig. Glaubst du, du schuldest ihr was, weil sie dir ihre Liebe und Fürsorge schenkt? Wer hat dir schon früher dieses Gefühl gegeben und dir Schuldgefühle gemacht? Deine Mutter?
Versuch, dich davon loszumachen.

Und was die Beziehung betrifft: Befreie euch beide aus dieser unseligen Verstrickung.
Es wird deiner Freundin erst mal sehr weh tun; andererseits solltest du sie frei geben, damit sie die Chance hat, irgendwann den Mann zu treffen, der besser zu ihr passt. Und das gleiche gilt natürlich auch für dich.

Herzlichst, Beatrice Poschenrieder