Bin ich ihm überhaupt noch wichtig? (NEUE ANTWORT!)

Hallo Beatrice,
ich habe schon auf deinen Seiten etwas über mein Problem gelesen (emotionale Entfernung…), möchte aber gern nochmal direkt was fragen. Vor einem halben Jahr habe ich einen Mann (auch 36) kennengelernt. Er hat sich sofort in mich verliebt und konnte gar nicht oft genug mit mir zusammen sein. Ich wollte das langsam angehen und habe ihm auch gesagt, dass ich schon so manche schmerzhafte Erfahrung hinter mir habe. Schließlich habe ich mich dann auch in ihn verliebt und war nach und nach bereit, immer mehr zu geben.
Mir geht es jetzt so wie ihm am Anfang: Ich wäre gern öfter mit ihm zusammen. Nun sehen wir uns seit ca. 4 Wochen immer seltener und telefonieren auch kaum noch. Er hat Stress im Job und will unbedingt weiterkommen, das verstehe ich. Dazu kommt, dass sein Leben recht chaotisch ist (viele ungelöste Dinge) und er vieles nicht in den Griff bekommt. Leider bezieht er mich nicht in sein Leben mit ein; was er am Anfang im Überfluss gegeben hat, hält er jetzt zurück. Ich habe ihm gesagt, dass ich zu ihm stehe und ihm die Zeit gebe, die er für sich braucht. Inzwischen liebe ich ihn und vermisse ihn immer mehr.
Mein Verstand sagt mir, dass er den Kopf im Moment voll mit anderen Dingen hat und einfach Zeit braucht. Mein Herz und meine Gefühle fragen, ob ich ihm überhaupt noch wichtig bin? Ich weiß keinen Weg und bitte hiermit um einen Rat!
Ciao, Anne (36)

Liebe Anne,
ich kenne das Problem nur zu gut und kann dich verstehen! Aber bevor ich dir was dazu sage, hätte ich ein paar Rückfragen:
1) Wie oft seht ihr euch momentan? Und wie lange? (jeweils nur ein paar Stunden?) Und was macht ihr dann? Und verlaufen eure Treffen schön und harmonisch, oder ist er da auch immer distanzierter?
2) Wie oft meldet er sich von sich aus (Telefon, SMS, Mails usw.)?
3) Wie oft meldest du dich von dir aus?
4) Hatte er in der Vergangenheit Bindungsprobleme? z.B. meist nur kürzere Beziehungen (maximal 1/2 Jahr)? Und wie sieht‘s da bei dir aus?
5) Was passiert, wenn du dich mal drei Tage nicht meldest? Probier‘s aus, auch wenn‘s schwerfällt!
Bis bald, Beatrice

Liebe Beatrice,
hier meine Antworten:
1) Momentan sehen wir uns sehr selten. Das letzte Treffen war letzte Woche SA, d.h. ich bin zu ihm gefahren und es war so schön wie schon lange nicht mehr und wir sind uns sehr nah gewesen. Wir haben geredet (endlich hat er mal von sich erzählt!), gelacht, waren Eis essen, im Kino und spazieren, und haben uns unterhalten… Wenn wir uns sehen, ist er nicht distanziert – im Gegenteil. Wenn er kocht, dann möchte er meine Gesellschaft in der Küche. Wenn er was interessantes im Internet findet, liest er mir vor! Und wir kuscheln und sind zärtlich zueinander.
Nun hatte er sich für den Sonntag mit einem ehemaligen Arbeitskollegen verabredet, weil er hofft, auch durch Beziehungen im Job weiterzukommen. Also bin ich am Sonntag nach dem Frühstück wieder nach Hause gefahren.
Wenn wir uns sehen, ist das in letzter Zeit meist am Wochenende, mal von Freitagabend bis Montagfrüh, mal Samstag und Sonntag – das ist unterschiedlich, aber mehr als nur ein paar Stunden. Wir gehen spazieren, besuchen Ausstellungen, Kino oder setzen uns einfach in ein Cafe und relaxen… na ja, und der Sex macht uns beiden viel Spaß. Sowas hab ich noch nie mit einem anderen Mann erlebt.

2)+ 3) Eine Zeit lang hat er mich jeden Tag angerufen. Dann kamen die Anrufe mehr von mir. Dann hat sich das irgendwie die Waage gehalten und nun kommt kaum noch ein Anruf von ihm. Zuletzt habe ich am vergangenen Sonntagabend (also vor 5 Tagen) angerufen und da ging nur der Anrufbeantworter an. Er lebt seit Jahren getrennt und alle 14 Tage ist sein Kind bei ihm. Er sagte, er möchte sich diesmal viel Zeit für sein Kind nehmen, weil er Angst hat, es sonst zu verlieren. „Wir reden in den nächsten Tagen“, meinte er – naja… er hat nicht angerufen.

4) Das kann ich für ihn gar nicht umfassend beantworten, weil ich das nicht weiß. Durch die Gespräche am Samstag habe ich von zwei Beziehungen vor mir erfahren, die jeweils zwei Monate gingen. Danach hätten wohl beide erkannt, dass sie nicht zueinander passen und haben sich im Guten getrennt.
Er meinte, zwei Monate sei die Zeit, die man mindestens braucht, um einen Menschen kennenzulernen, wenn nicht eigentlich noch viel länger. Bevor er sich von seiner Frau getrennt hat, waren sie 10 Jahre verheiratet. Er hatte dann eine Beziehung, die ging 3 Monate… Ich habe auch gefragt, warum denn das meist auseinander ging. Und er sagte, weil man sich nichts mehr zu sagen hatte, und manchmal gab es da auch so Macken der Frauen, mit denen er nicht klar kam.
Als wir uns kennenlernten, hat er mir mal gesagt, dass er ein recht gutes Gespür für die Macken anderer Menschen habe und für sich sehr schnell entscheiden kann, ob er damit leben könnte oder nicht.
Sind das nun Bindungsprobleme? Oder sehr hohe Ansprüche?
Ich selbst war knapp 4 Jahre verheiratet und habe mich dann scheiden lassen. Das ist nun 10 Jahre her und dann hatte ich nur sehr kurze Verhältnisse (Beziehungen kann ich das nicht mal nennen) mit meist jüngeren Männern. Intensiv und schön, aber nur für ein paar Wochen (nicht nur Sex!!! Kino, Sport, Tanzen, Theater…). Und dann war ich einige Jahre Single – ich habe von früh bis abends nur gearbeitet und für einen Mann in meinem Leben gab es keinen Platz. In meiner wenigen freien Zeit habe ich mit Freunden was unternommen, das hat mir meist gereicht. Als ich ihn dann kennenlernte, konnte ich mich nicht gleich auf alles einlassen, mein Leben total umwerfen, das ging nicht. So nach und nach war ich bereit zu teilen – ich brauchte halt Zeit. In den ersten Wochen hat er mir oft Vorwürfe gemacht, weil es ihm zu wenig war, wenn wir uns 2-3 Mal in der Woche trafen. Später dann, als ich bereit war, mehr zu geben, hat er die Treffen reduziert und wieder mehr mit Freunden und Bekannten unternommen. Ist er sich meiner zu sicher?

5) Nichts passiert! Ich habe ihn seit Sonntagabend nicht mehr angerufen und das fiel mir wirklich nicht leicht. Und er hat sich nicht gemeldet. Ich weiß, dass er viel Stress im Job hat und noch viele andere Probleme. Ich habe auch Verständnis dafür und war jobmäßig mal in einer ähnlichen Situation. Das hab ich ihm auch gesagt.
Doch ich denke, wenn man einen Menschen wirklich gern hat, dann gibt es immer eine Gelegenheit, sich zu melden, und wenn‘s nur eine Kurznachricht oder ein 2-Minuten-Anruf ist! Andererseits ist er ein Typ, der, wenn er sich einer Sache voll widmet, an nichts anderes denkt. Da ich ihn liebe, will ich auch nicht einfach so aufgeben, obwohl ich nur sehr schwer mit der jetzigen Situation fertig werde. Ich denke, das kann‘s noch nicht gewesen sein.
Und es wäre ein leichtes für ihn, mit einer eMail oder einer kurzen Nachricht auf meinem AB zu sagen, dass Schluss ist, wenn er sich nicht traut, mir das persönlich zu sagen. Außerdem habe ich ja auch noch den Schlüssel für seine Wohnung.
Nun, welchen Rat kannst Du mir geben? Wie schätzt Du das ein?
Anne

Liebe Anne,
ich hab so das starke Gefühl, dass sich da zwei gefunden haben, die beide mit ihren Bindungsschäden und ihren daraus resultierenden unterschwelligen Ängsten vor Nähe zu kämpfen haben! Ihr habt beide eine Sehnsucht nach einer neuen, erfüllten Beziehung, doch habt gleichzeitig die unterbewusste Befürchtung, dass sie wieder schieflaufen könnte (oder was auch immer man noch befürchten kann, wenn man einen Menschen nahe an sich heranlässt). Besonders er. Am Anfang war es ihm ein Leichtes, seinem Bedürfnis nach Nähe Ausdruck zu geben, da du für den nötigen Abstand gesorgt hast. Aber nun, da du ihn haben willst, kommen seine Ängste wieder hoch und zwingen ihn, auf Distanz zu gehen. Wahrscheinlich ist er sich dessen gar nicht bewusst. Männer wie er distanzieren sich bewusst-unbewusst von möglichen Partnern, indem sie ihre Ansprüche hochschrauben oder an diesen eine Menge auszusetzen haben.
Bei solchen Leuten ist es schwierig zu unterscheiden, ob ein potenzieller Partner wirklich nicht zu ihnen passt oder ob sie ihn als „unpassend“ abstempeln, damit sie (vor sich und vor dem andern) einen Grund haben, ihn wegzudrücken. Möglicherweise ist dein Liebster gerade dabei, sich in seinem Hinterkopf zusammenzufummeln, was ihm an dir nicht passen könnte. Das klingt furchtbar, aber wenn es so ist, kannst du es auch nicht ändern. Du kannst einen Beziehungsscheuen nicht ändern, das kann nur er allein.
Dazu kommt die wirklich missliche Lage, dass er tatsächlich im Stress ist. Nicht nur grade in einer beruflichen Aufstiegsphase, sondern auch noch ein Kind, um das er sich ab und zu kümmern muss!
Und ich muss dir ehrlich sagen, nach meinem Gefühl sieht‘s nicht so gut aus.
Du schreibst:
„Ich denke, wenn man einen Menschen wirklich gern hat, dann gibt es immer eine Gelegenheit, sich zu melden und wenn‘s nur eine Kurznachricht oder ein 2-Minuten-Anruf ist!“
Ja, das stimmt ganz genau. Nach meinen (vielfältigen) Erfahrungen mit Männern ist es so: Wenn einer wirklich mit dir zusammensein will, dann schafft er sich nicht nur Zeit für einen täglichen kleinen Anruf, sondern auch für häufigere Treffen.
„Andererseits ist er ein Typ, der, wenn er sich einer Sache voll widmet, an nichts anderes denkt.“
Ist ja schön und gut, wenn er sich so für seinen Job engagiert, aber man hat ja auch mal Feierabend! Und Wochenende!
Dass er sich nach fünf Tagen immer noch nicht gemeldet hat, werte ich als ein ganz schlechtes Zeichen. Ich denke, es ist Zeit, dass du reinen Tisch machst. Dass die Wochenenden mit ihm so schön sind und er danach wieder gar keine Zeit für dich hat, kann zweierlei bedeuten:
a) Er mag dich und du bist eine nette Abwechslung in seinem Leben und er kann mit dir ein bisschen „Beziehung spielen“, wenn‘s ihm grade ins Konzept passt, aber das ist auch alles.
b) Er mag dich sehr, aber ist zur Zeit so selbstbezogen, dass er gar nicht merkt, wie sehr es dich kränkt, dass er dir so wenig Zeit und Aufmerksamkeit widmet. Kann auch sein, dass er glaubt, du erwartest, dass er für jedes Treffen oder Telefonat sehr viel Zeit investiert.
Aber genaugenommen: Wenn er noch richtig verliebt wäre, würde er wenigstens Nachrichten senden. Er ist noch nicht im Beziehungsmodus, sondern – nach der Eroberungsphase – ist er jetzt vermutlich in der „Will-ich-was-Festes-mit-ihr-oder-nicht?“-Phase. In dieser Phase ziehen sich die meisten Männer merklich zurück. Wenn du jetzt an ihm herumzuppelst und willst, dass er sich mehr kümmert, dich mehr trifft, sich mehr meldet, oder wenn du „es ausdiskutieren“ willst, ziehst du ihn damit NICHT wieder näher an dich ran. Sondern du musst das Gleiche machen wie er: Dich zurückziehen und furchtbar beschäftigt mit deinen Sachen sein. Verplane das nächste Wochenende schon mal komplett für dich, fahr Freunde in einer anderen Stadt besuchen oder so. Das kann zur Folge haben, dass du ihn zwei Wochen nicht siehst, und das ist schmerzhaft, aber es ist in der Regel das Effektivtse (und oft auch das Einzige), was du tun kannst, damit seine Verliebtheitsgefühle wieder stärker werden. Und noch schmerzhafter wäre ja, dass er sich vollends entliebt. (Ausführlich erklärt wird das im Buch „Das Geheimnis, wie sich ein Mann wieder in Sie verliebt: Wie Sie ihn wieder an sich binden, wenn er sich von Ihnen emotional entfernt hat„).

Noch ein Denkansatz für dich: Ist es möglich, dass du ihn unter anderem deshalb so leidenschaftlich liebst, weil auch er dir den Sicherheitsabstand gibt, den deine beziehungsgeschädigte Seele braucht?
Wie auch immer: Ich hoffe, es geht gut für dich aus.
Herzlichst,
Beatrice Poschenrieder