Meine große Liebe verließ mich, weil ich mir zu sehr von meiner Mutter reinreden ließ
Liebe Beatrice,
Meine Geschichte ist folgende:
Vor einem Dreivierteljahr lernte ich bei einer Veranstaltung eine knapp 10 Jahre ältere Frau (mit erwachsener 19jähriger Tochter, ich selbst bin kinderlos) kennen und war sofort von ihr fasziniert. Wir kamen auch sofort an dem Abend ins Gespräch und es entwickelte sich daraus in der Folgezeit eine intensive Liebesbeziehung.
Leider waren meine Eltern von Anfang an weniger begeistert und ich hatte sehr viel Auseinandersetzungen wegen ihr. Dies führte auch schließlich zu unserer schmerzhaften Trennung vor vier Monaten, weil es mir nicht gelang, genügend zu vermitteln und mich - in ihren Augen - nicht eindeutig auf ihre Seite zu stellen. Das tut mir jetzt immer noch sehr leid, da es emotional und intellektuell schon das Beste war, was ich bislang mit einer Frau erlebt habe.
Kurz danach hatte sie dann Urlaub und so haben wir uns dann in der Folgezeit ein paar Mal wieder gesehen, zusammen weiter etwas unternommen. Meine Gefühle für sie sind unverändert tief und ich liebe sie immer noch wahnsinnig.
Einen Monat später lernte sie dann einen neuen Mann aus der Schulzeit kennen und mittlerweile lieben. Wollte am Anfang schauen, wie es sich entwickelt. Seit kurzem sind sie jetzt zusammen, sie hat mir bei unserem letzten Gespräch am vergangenen Sonntag signalisiert, dass sie den Kontakt zu mir weiter aufrecht erhalten möchte und wir bald telefonieren sollten. Ich war trotzdem wie geschockt und gelähmt und habe mir erst einmal eine Auszeit erbeten, um meine Gedanken zu ordnen. Damit war sie dann auch einverstanden.
Nun steht ihr Geburtstag vor der Tür. Nun weiss ich nicht recht, wie ich
mich verhalten soll. Auf der einen Seite möchte ich sie natürlich gerne
zurückgewinnen, weil ich sie - ohne sie jetzt zu sehr idealisieren zu
wollen - schon als Liebe meines Lebens betrachte. Auf der anderen Seite
kann ich irgendwie nicht einfach zu einer Freundschaft übergehen, dafür
bin ich emotional zu befangen und habe halt immer noch das Kribbeln im
Bauch, wenn ich sie sehe. Habe auch schon überlegt, erstmal komplett auf
Distanz zu gehen, und mich um sich selber zu kümmern, aber es ist sehr
schwer und erfordert viel Anstrengung. Auch möchte ich ihr einfach gerne
beweisen, dass ich an unsere Beziehung noch glaube. Vielleicht kannst Du
etwas Ordnung in meine Gedanken bringen? Vielen Dank im voraus.
Liebe Grüße,
Andy
Hi Andy,
Bis bald
Beatrice
Liebe Beatrice,
Das Problem lag auch weniger bei meinem Vater als bei meiner Mutter, die sehr an mir klammert und ich es irgendwie in der ganzen Zeit, wo wir zusammen waren, nicht geschafft habe, mich klar zu meiner Freundin zu bekennen. Ich habe es mit einer neutralen Vermittlungsposition versucht und das hat nicht geklappt. Insofern war die Elternstruktur stärker.
Außerdem hat sich die Liebe zu dem etwa gleichaltrigen Mann nun wohl
gefestigt, und so bleibt mir wahrscheinlich nichts anderes übrig als
mich zurückzuziehen, oder? Das Kribbeln ist immer noch da, wann immer
ich an sie denke (sie sieht auch deutlich jünger aus, als es ihr Alter
suggeriert), aber es tut einfach unheimlich weh, unglücklich zu lieben,
und im Grunde nichts tun zu können und meine Fehler einzusehen, das
reicht manchmal wohl nicht.
Gestern hat sie versucht, mich anzurufen.
Nun hat sie am Mittwoch Geburtstag, ich weiß nicht recht, wie ich mich
verhalten soll? Macht es Sinn, auf gut Freund zu machen, einfach
anzurufen oder zu schreiben? Natürlich würde ich mir wünschen, nochmal
das Rad zurückdrehen zu können.
Was rätst Du mir?
Andy
Lieber Andy,
Ich vermute, für deine Exfreundin war deine Abhängigkeit von deinen Eltern (speziell der Mutter) der Hauptgrund, sich zurückzuziehen. Ehrlich gesagt, kann ich sie gut verstehen. Ich würde auch keinen Freund haben wollen, der sich mit seinen 36 Jahren noch von Mutti reinreden lässt und zulässt, dass sie klammert. Da ziehen auch die finanziellen Argumente nicht. Letztlich ist in deinem Alter Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit gefragt, vor allem bei einem Mann, und das ist viel wichtiger als eine Eigentumswohnung. Vermutlich wäre deine Ex immer noch bei dir, wenn du ein armer Schlucker in einer kleinen Mietwohnung wärst, aber dich vom Elternhaus und von der Mutter abgenabelt hättest, wie das eben normal ist für einen erwachsenen Mann.
Deine Eigenständigkeit und Unabhängigkeit vom elterlichen Nest und die Entwicklung deiner eigenen Persönlichkeit ist tausendmal wertvoller als eine Wohnung oder finanzielle Sicherheit. Wenn du noch irgendeine Chance bei dieser Frau (oder bei anderen interessanten Frauen) haben willst, so sieh zu, dass du dich von deinen Eltern abnabelst, auch wenn das bedeutet, die Wohnung aufzugeben oder einen Kredit bei der Bank aufzunehmen oder dich beruflich mehr reinzuhängen (oder auch den Beruf zu wechseln, falls der jetzige zu wenig Erfolg bringt). Es wäre ohnehin sehr gut, wenn du dich räumlich so weit von deiner Mutter entfernst, dass sie zwangsläufig aufhört zu klammern.
Außerdem musst du lernen, dich deutlich gegen sie abzugrenzen. Sobald du all diese Dinge geschafft hast, kannst du das deiner Ex mitteilen - vielleicht sind ihre Gefühle noch nicht ganz erloschen (ich halte es für möglich, dass sie sich auf den anderen einließ, weil sie von der Beziehung mit dir so frustriert war und um schnell Abstand zu gewinnen).
In meinem Buch "Mister Aussichtslos" (Beziehungs-Ratgeber, Eichborn
Verlag) gibt's ein eigenes Kapitel (Kap 4) über Männer, die noch eine zu
enge Verbindung zur Mutter haben. Wäre sicherlich nützlich für dich, das
zu lesen.
Liebe Grüße
Beatrice
Folgende Briefe könnten für Sie interessant sein
- Noch zwei Jahre nach der Trennung hab ich Depressionen, er hat mir so viel angetan
- Nach einer schweren Krankheit ist meine Freundin jetzt in Reha und will keinen Kontakt mehr zu mir
- Ich trennte mich, weil ihr Ex sie in einer SMS mit "Herzi" anredete
- In der Psycho-Klinik erfuhr meine Frau, dass ich an allem schuld bin, nun macht sie mit mehrere Männern herum
- Wäre sie bei mir geblieben, wenn ich vieles anders gemacht hätte?



