Ich fühle mich schrecklich, weil ich sie nicht vor diesem Belästiger schützen kann

Liebe Beatrice,
ich (20) bin mit meiner Freundin (18) seit anderhalb Jahren zusammen und wir sind eigentlich sehr glücklich miteinander. Wir führen eine Fernbeziehung, sehen uns aber trotzdem regelmäßig. Sie ist sehr hübsch.
Dennoch gibt es da ein Problem – naja, wie soll ich sagen? – in meinem Kopf!
Der Vorfall liegt schon einige Zeit zurück, bevor wir zusammenkamen. Sie ist auf einer Schule, die verpflichtet ist, quasi jeden aufzunehmen, auch Leute, die auf anderen Schulen abgewiesen wurden. Im Fazit sind da unter anderem auch Leute, denen ein junges, attraktives Mädchen besser nicht allein bei Nacht begegnen sollte. Um es kurz zu sagen: Sie wurde massiv von einem älteren Typen angefasst. Am Bauch, den Brüsten, am Po und sogar vorne zwischen den Beinen. Als sie mir das gesagt hatte, war ich völlig fertig.
Das war genau das, wovor ich seit Beginn unserer Beziehung solche Angst hatte… ich muss doch für sie da sein, sie beschützen! Was hilft denn all meine Liebe und sonstige Fürsorglichkeit, wenn ich sie nicht mal vor so einem kranken Idioten beschützen kann?!
Sie hat mir die Geschichte erst kürzlich erzählt. Es muss wie ein ab und zu wiederkehrender Alptraum für sie sein. Manchmal ist sie einfach nur still und klammert und kuschelt sich an mir fest. Ich (und auch sie) sind natürlich froh, dass nichts noch Schlimmeres passiert ist. Ich denke sehr oft darüber nach und ich kann es einfach nicht verdrängen, geschweige denn vergessen. Ich liebe sie über alles und egal was ich auch tue, ich schaffe es nicht.
„Sie

Ich bin beim Sex sehr rücksichtsvoll… Achte genau auf sie und frage lieber einmal mehr nach, ob sie es so will und ob es ihr recht ist, als einmal zu wenig. (Schon von Anfang an.) Es ist immer super schön und sie sieht das genauso. Ich bin ihr erster Sexualpartner. Aber wenn wir uns nicht sehen, mache ich mir Gedanken. So nach dem Motto: „Hoffentlich kommt sie mir nur heil wieder!“ (Auch beim Abschied.) Die Angst ist einfach ständig in mir… Ich fühle mich nur entspannt, wenn ich sie einfach in die Arme nehmen kann und somit sicher sein kann, dass ihr nichts geschieht.
Nur, was kann ich tun in meiner Situation? (Ich schätze mal gar nichts..)
Dazu muss man sagen, dass ich auch sehr eifersüchtig und ein Mensch mit viel Phantasie bin. Ich mache mir einfach über alles und jenes Gedanken… Jeder bezeichnet mich als verträumt oder gar einen Träumer. Bin ich vielleicht auch nicht mehr ganz normal und die ganze Sache ist total unbegründet? Wir planen möglichst bald zusammenzuziehen. Sie hat mir auch mal gesagt, dass, wenn sowas nochmal vorkommen würde, sie „seelisch am Boden wäre“. Kann man(n) ja auch verstehen. Ich habe seither versucht, ein guter Freund und mittlerweile Verlobter für sie zu sein. Tja… nur weiß ich nicht, was ich tun soll, es macht mich echt irre. Darüber geredet haben wir mit niemandem.
Ich hoffe du kannst mir helfen oder mich zumindest beruhigen.
René (20)

Lieber René,
du sagst: „ich muss doch für sie da sein, sie beschützen…“
Für sie da sein: ja, aber du kannst sie nicht vor allem und jedem beschützen, und – DAS IST AUCH NICHT DEINE AUFGABE!! Sie ist ja kein Baby mehr, sie ist sogar schon im Erwachsenenalter! Sie kann sich in einem hohen Maße auch selbst beschützen und das muss sie auch lernen! Sie könnte z.B.
a) diesem Typen aus dem Weg gehen,
b) ihm deutliche Grenzen setzen, indem sie ihn mit Leibeskräften abwehrt und sehr laut schreit, wenn er sie wieder belästigt,
c) ihn anzeigen (bei der Schulleitung oder Polizei) – das sollte sie auch tun!,
d) einen Selbstverteidigungskurs machen, eine Kampfsportart erlernen,
e) Abwehr-Spray bei sich tragen…

Wenn sie es nicht lernt, für sich selbst einzustehen und sich zu verteidigen, und wenn du nicht lernst, darauf zu vertrauen, dass sie erwachsen ist und Grenzen setzen kann, dann verbleibt ihr beide in einer sehr starken emotionalen Abhängigkeit, die nicht nur jede Menge Ängste aufrechterhält (was auf Dauer nicht gut tut), sondern mindestens einer von euch beiden wird das irgendwann als belastend, anstrengend und erdrückend empfinden. (Das ist IMMER der Fall bei großer emotionaler Abhängigkeit innerhalb einer Paarbeziehung!!)

Du schreibst:
„Sie hat mir auch mal gesagt, dass, wenn sowas nochmal vorkommen würde, sie seelisch am Boden wäre“…
Wie gesagt, es liegt stark an ihr selbst, ob´s nochmal vorkommt, und sie wird nicht davon kaputtgehen. Immerhin wurde sie weder missbraucht noch geschlagen. Tagtäglich werden Frauen von blöden Typen betatscht – das ist zwar ätzend, aber letztlich können wir Frauen es auch einordnen unter „Blödes-Arschloch-Aktion“ und vergessen. Falls frau es nicht vergessen kann, weil sie dem Typen öfter begegnet, bleiben ihr immer noch die oben aufgezählten Möglichkeiten. Sie kann sich auch an eine der vielen Stellen richten, die Frauen in Not helfen, z.B. an den Weißen Ring. Die beraten einen, was man alles tun kann; u.a. gibt es auch Kurse für Frauen, wie sie einen Angreifer am besten abwehren.
Außerdem: Ihr zieht doch bald zusammen, oder? Wechselt sie dann nicht eh die Schule? Das bringt zwar ein paar Mühen mit sich, aber dann müsste sie sich wenigstens nicht dauernd bedroht fühlen.
Herzlichst
Beatrice Poschenrieder