Habe ich durch meine Alkoholabhängigkeit die Beziehung zerstört?

Hallo Beatrice!
„MeineJetzt steh ich vor einer Situation, die ich zu vermeiden versuchte, nämlich dass meine Beziehung wieder kurz vor dem Aus steht. Vor 1 1/2 Jahren hat sich meine Freundin schon mal von mir getrennt, nach fast 5 Jahren. Die Ursache war, dass ich mich hängen ließ, anfing zu trinken, mich um nichts kümmerte und oft aggressiv wurde (verbal). Es war die Hölle für mich, ohne darüber nachzudenken, dass es das für sie ja auch war, durch mich. Vier Monate später kamen wir wieder zusammen und machten einen Neuanfang. Ich hatte gute Ansätze mich zu ändern, machte einen Alkoholentzug und so vieles. Dieses Jahr, genauer gesagt so vor 5 Monaten, hab ich aber wieder angefangen, ab und zu heimlich zu trinken, was wieder zu Aggressionen führte.
Vor zehn Tagen holte ich meine Freundin von ihren Eltern ab, bei denen sie 5 Tage war, fuhr sie nach Hause, und ging einfach allein zu mir. Dann habe ich sie am Telefon paarmal sehr verletzt… Zwei Tage später wollte sie mit mir reden – ich sagte ab. Wir redeten gestern, am Sonntag. Sie war fertig, machte sich Vorwürfe, dass sie überhaupt so lange mein Spiel duldete, und meinte, sie könne mir nichts versprechen… Ich solle an mir arbeiten… Aber auf mein Drängen, es zu beenden, sagte sie, sie könne das auch nicht, im Moment jedenfalls nicht; und dann sowas wie: ich hätte sehr viel in ihr kaputtgemacht, da müsse viel passieren, wenn ich es reparieren will usw…, sie müsse an sich denken, und ich hätte viele Chancen bekommen. Aber dass es aus ist, diesmal endgültig, konnte sie mir nicht sagen. Oder seh ich es nicht?
Ich bin wieder verzweifelt und kann mit der Situation nicht umgehen. Es tut weh… Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Anrufen? Brief schreiben? Aber nur warten, das schmerzt… und ich weiß, dass ich ihr auch Schmerzen zugefügt habe. Heute bekam ich eine Grußkarte. Da grüßte sie mich, auch von ihren Eltern, wünschte mir viel Kraft für das, was ich vorhabe (Therapie), außerdem viel Liebe und Glück, und fügte am Ende hinzu: “bis bald”.
Hat sie sich schon von mir gelöst?
Hilf mir bitte, denn ich will nichts falsches tun…
Roland (39)

Lieber Roland,
du weißt sicher nur zu genau, dass fast jede andere Frau dir schon längst einen Riesen Tritt ins endgültige Aus gegeben hätte. Aber deine Freundin ist immer noch da, es ist noch nicht zu Ende.
Ich nehme an, deine Freundin kann deswegen nicht ganz loslassen, weil sie
1) dich wirklich liebt (Mann, hast du ein Schwein!)
2) in einer sog. “Co-Abhängigkeit” steckt, d.h. etwas in ihrer Psyche treibt sie dazu, in dieser Beziehung zu bleiben, die durch eine Abhängigkeit belastet ist. Denn man kann durchaus sagen, dass du Alkoholiker bist, ne? Und wahrscheinlich gibt es daneben noch eine oder einige andere psychischen Probleme bei dir, hm? Unter anderen sind in dir eine Menge Aggressionen gespeichert, und die kommen zum Vorschein, wenn durch den Alkohol die soziale Hemmschwelle herabgesetzt ist. Ferner neigst du zu Selbstsabotage und Depressionen. Und das ist vielleicht noch nicht alles…

Worauf ich hinaus will:
a) Du brauchst eine umfassende Therapie, denn hinter deinem Trinken, deinen Aggressionen, dem “sich-gehen-lassen” steckt ja ein ganzes Bündel tieferer seelischer Ursachen. Wenn du bereits in Therapie bist und sie nichts bringt, solltest du noch eine andere versuchen. Und du solltest unbedingt begleitend eine oder zwei Selbsthilfegruppen besuchen, unter anderem die “Anonymen Alkoholiker”.
b) Auch deine Freundin sollte eine Selbsthilfegruppe für Co-Abhängige besuchen. Darin lernt sie nicht nur etwas über sich selbst, sondern auch, wie sie am besten mit dir und deinen Problemen umgeht und wie sie dich am besten unterstützen kann.
Bitte ruf folgende Stelle an:
NAKOS (Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen)
030/ 891 40 19
Die beraten dich kostenlos. Lass dir einige Gruppen in deiner Nähe nennen. Dann geh einfach mal hin und schau´s dir unverbindlich an. Zeig deiner Freundin, dass es dir ernst ist. Und versuch auch, auf sie einzuwirken, mal in so eine Gruppe hineinzuschnuppern.
Viel Erfolg!
Beatrice Poschenrieder