Verliebt in eine Hure, ich komme mit ihrem Beruf nicht klar (Teil 2)

Hier die Fortsetzung des Briefes «Verliebt in eine Hure, ich komme mit ihrem Beruf nicht klar»:

Ich liebe eine Hure, eine Prostituierte, und will sie aus dem Bordell rausholen

Sie arbeitet an so einem schlimmen Ort, im Puff, das wird sie kaputtmachen!


Liebe Beatrice!
Ich bedanke mich für deine Antwort. Ja, es ist mir klar, dass der Ausstieg aus der Prostitution nicht einfach würde. Ich weiß, dass ich viel Geduld beweisen muss. Sie ist das wert, sie ist eine tolle Frau. Sie ist freundlich, großzügig, zärtlich, gefühlvoll mir gegenüber – meine Traumfrau. Und das Pech, dass sie an einem solchen Ort arbeitet. Traurig, nicht war? Für mich ist es verdammt schwer zu sehen, wie sie sich an diesem Ort zerstört.
Ich habe einen Kontakt zu den Hydra-Frauen hergestellt, im Moment ist es aber ungünstig (Urlaubszeit).
Ich würde gern wissen, ob ich meine Freundin auf ihre sexuelle Sensibilität ansprechen darf? Und darf ich mit ihr über das Thema Prostitution reden?
Für einen Mann ist es nicht einfach, sich vorzustellen, im welchem Zustand eine Frau nach 12 Stunden in einem solchen Ort ist. Ich will sie nicht verstören mit peinlichen Fragen. Aber die Fragen sind da, und es sind keine unwichtigen Fragen: Wieso, Warum, Weshalb, Wofür usw….
Wenn sie nicht bei mir ist, laufen in meinem Kopf viele Gedanken. Ich hätte nie gedacht, dass Liebe so schmerzhaft werden kann. Ich habe so viel Gefühle für sie, das ist fast verrückt und das macht mir Angst. Ich werde kämpfen, um ihre Liebe zu bekommen. Ich will, dass die Zeit, die sie mit mir verbringt, so schön und angenehm wie möglich ist. Ich weiß, dass wir einen langen Weg vor uns haben, und werde auf sie warten. Sie hat mich gefragt und ich habe es ihr versprochen. Aber weiß ich nicht wirklich, wie lang ich es ertragen kann zu wissen, dass sie an einem solchen Ort gefangen ist, mit anderen Männern, die sie benutzen. Aber wie du sagst, auch sie muss es wollen, da rauszukommen.
Ich bedanke mich, dass du für mich da warst. Es ist nicht einfach jemand zu finden, mit dem ich dieses Thema besprechen kann.
Ich will keine Fehler machen im Verhältnis zu dieser Frau und nehme das Risiko auf mich, dass sie vielleicht nicht bereit ist für eine feste Beziehung, oder so beschädigt vom diesem Beruf, dass sie Luft braucht.
Sollte ich ihr sagen, dass ich eine Beratung mit dir gehabt habe?
Nochmals danke
Pierre (42)

Hey Pierre,
du fragst:
“Ich würde gern wissen, ob ich meine Freundin auf ihre sexuelle Sensibilität ansprechen darf? Und darf ich mit ihr über das Thema Prostitution reden?”
Aber ja, natürlich. Das ist ihr Alltag. Wenn du es sensibel genug machst und sie nicht für ihre Arbeit und ihr Leben verurteilst (mit Worten oder deinem Gesichtsausdruck), dann wird sie auch nicht verletzt sein.

“Sollte ich ihr sagen, dass ich eine Beratung mit dir gehabt habe?”
Besser nicht. Vielleicht kannst du ihr sagen, dass du per Zufall von Hydra gehört hast, und ihr vorschlagen, dort einmal anzurufen. Aber du musst vorsichtig sein, dass sie nicht das Gefühl hat, du mischst dich zu sehr in ihr Leben ein.
Dir selbst rate ich, weiterhin den Kontakt mit Hydra zu halten (oder einer ähnlichen Stelle in deiner Nähe) und mit denen zu sprechen. Aber auch hier solltest du gut überlegen, ob du deiner Freundin von deinen Gesprächen erzählst. Ich denke, das kannst du selbst am besten einschätzen.

Mein wichtigster Rat ist: Hör bloß auf, dich so tierisch in den Gedanken hineinzusteigern, dass deine Freundin durch ihren Beruf “beschädigt” wird und dass sie an einem ganz schrecklichen Ort ist, der sie zerstört! Das ist bei manchen Huren der Fall und bei manchen nicht.
Was ist los mit dir, dass du dich da so reinsteigerst, dass du fürchterliche “Schmerzen” erleidest und mit den Gedanken ständig um dieses Thema kreist? Du hast das starke Bedürfnis, diese Frau zu retten, aber mir scheint, sie will gar nicht gerettet werden! Sie will selbst entscheiden, wann sie aufhört mit dem käuflichen Sex.
Wen will dein Inneres eigentlich retten? Ist da unbewusst vielleicht noch was offen z.B. in Bezug auf deine Mutter, die “an einem schrecklichen Ort gefangen” und unglücklich war, doch damals konntest du ihr nicht helfen?
Ich möchte nochmal betonen:
Es gibt Frauen, die ihren Körper ganz gut von ihren Gefühlen trennen können, und die machen diesen Beruf eine Weile, ohne davon einen großen Schaden zu nehmen. Versuche, deine Freundin so zu betrachten, rede endlich mit ihr darüber, wie sie das sieht, und glaub ihr, was sie dazu sagt.

Alles Gute
Beatrice Poschenrieder