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Liebes Fragen : Frisch verliebt

Etwas in mir zwingt mich auf Abstand zu ihr zu gehen, obwohl ich verliebt bin

Thilo, 23

Grüß dich Beatrice,

ich bin durch Zufall auf deine Seiten gestossen und finde es super, wie viel Mühe du dir gibst auf Probleme anderer einzugehen. Naja wie sollte es auch anders sein, quält mich da auch etwas und ich wusste bisher nicht, an wen mich damit wenden sollte/kann und das ist u.a. auch Inhalt meines Problemes.

Ich bin nun gut über 23 Jahre alt und habe seit 3 Wochen eine Freundin, meine erste "richtige" Freundin. Eigentlich sollte ich darüber glücklich sein, denn ich habe das Gefühl sie zu lieben und irgendwie bin ich es auch, aber ich mach mir grosse Sorgen.

Alles fing damit an, dass meine Mutter sehr früh starb, ich war gerade mal 10 Jahre alt. Mein Vater ist danach erst mal für 1 Jahr auf "Reisen" gegangen und hat mich und meine jüngere Schwester mit der Trauer alleine gelassen. Unsere Beziehung zu ihm war noch nie so besonders, da für ihn sein Beruf immer vor der Familie stand. Dann als er wieder kam, brachte er eine "Stiefmutter" mit. Nach anfänglichen Schwierigkeiten haben wir sie dann doch lieb gewonnen. Sie hatte sehr viel Verständnis für uns Kinder. Naja das war wohl auch der Grund warum sich mein Vater dann nach 3 Jahren von Ihr getrennt hatte. Danach kam er alle halbe Jahre mit einer Neuen nach Hause, doch ich machte nicht mehr den Fehler mich einer von Ihnen zu öffnen... bis dann eine kam, mit der mein Vater ein Kind zeugte. Auf einmal hatte ich eine neue kleine Schwester, wovon ich am Anfang überhaupt nicht angetan war. Aber ich schloss Sie sehr schnell in mein Herz und habe mich sehr viel mit Ihr beschäftigt und auch Ihrer Mutter war ich nicht mehr abgeneigt. Aber nach 2 Jahren ging auch diese Beziehung meines Vaters in die Brüche. Ich habe versucht, meine kleine Schwester so oft wie möglich zu besuchen, doch ein halbes Jahr nach der Trennung zog Ihre Mutter mit Ihr ins Ausland und ich verlor sie.

Inzwischen war ich 16, hatte Probleme mit dem Alkohol und 2 "Freundinnen", mit denen ich Party, Alk und hin und wieder das Bett teilte, ohne irgendetwas wie Liebe zu empfinden...ich wollte das einfach nicht. Ein Jahr später habe ich zum Glück eine sehr gute Ausbildungstelle gefunden und mein Leben änderte sich für mich zumindest zum Teil zum positiven hin. Ich bin von zu Hause ausgezogen, habe das Rauchen und das Trinken aufgeben, habe viel und hart gearbeitet und mich intensiv dem Sport gewidmet. In den folgend fünf Jahren bis heute gab es so einige weibliche Annäherungsversuche, doch ich spielte immer Desinteresse vor. Innerlich hatte ich immer die Sehnsucht nach einer festen Beziehung, von jemanden im Arm gehalten werden und einfach zu lieben... doch meine Angst davor, verletzt zu werden, war stärker als die Sehnsucht. Ich versuchte immer meine Gefühle zu unterdrücken, einzusperren. Nach einer Weile war es mir sogar gelungen mir selbst vor zumachen, dass in mir diese Gefühle nicht existieren und ich einfach dazu bestimmt bin alleine zu sein und es besser so ist. Naja, bis meine jetzige Freundin vor 5 Wochen einen Annäherungsversuch startete, den ich sofort abblitzen liess. Es gab schon Personen, bei denen es mir leichter fiel, denn sie sieht sehr gut aus und hat viele Charaktereigenschaften, die ich schätze. Auch teilt Sie einige für mein Alter etwas ungewöhnliche Interessen wie klassische Musik, Oper, Bücher und "intelligente" Filme. Sie scheint es wohl gemerkt zu haben, denn Sie blieb hartnäckig. Zuerst gingen wir ins Kino, dann zum tanzen und danach wieder ins Kino. Nach dem letzten Kinobesuch, wir waren in einer Spätvorstellung, lud ich Sie in meine Wohnung ein. Ich habe mit Ihr über meine Literatur diskutiert und die Zeit verging im Nu. Sie wurde müde und lehnte sich an mich, dann fing Sie an mich zu streicheln und gab mir einen Kuss und fragte, ob Sie bei mir übernachten dürfte. Auf der Couch haben wir dann in einer Umarmung die Nacht verbracht. Da wurde mir klar, dass ich es gerne mit Ihr versuchen möchte. Nach 2 Wochen konnte ich sogar sagen, dass ich sie liebe. Doch auf einmal falle ich wieder in dieses Loch, ich kann Ihr die Worte "ich liebe dich" nicht mehr sagen und ich brauche auf einmal mehr Abstand. Ich habe das Gefühl, dass dieses Tor, welches meine Emotionen die ganze Zeit zurückgehalten hat und meine Freundin in der Lage war mit viel Geduld zu öffnen, sich langsam wieder schliesst.
Ich habe Angst davor dass das wieder geschehen könnte, denn tief im inneren weiss ich dass ich Sie liebe!

Tut mir leid dass ich dich so voll getextet habe, denn ich weiss dass du hier einiges zu tun hast. Aber mir hat es schon einmal gut getan meine Probleme formulieren und jemanden mitteilen zu können..

Ich danke dir
Thilo





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Grüß dich Thilo,

nein, du textest mich nicht zu... das ist ein sehr sensibler und aufschlussreicher Brief. Ich bin sehr beeindruckt, wie gut du deine inneren Zusammenhänge durchschaust und beschreiben kannst. Denn die meisten Männer mit Nähe-Ängsten sind dazu nicht in der Lage. Ich kenne Männer, die über 40 sind und zig Frauen unglücklich gemacht haben und in tiefsten Innern sehr einsam sind, aber sie haben null Durchblick, was da mit ihnen passiert und warum das nicht klappt mit einer richtigen Beziehung.

Nun zu dir.
Wie du auch selbst mutmaßt, ist die Hauptursache deines Bindungsproblems die Angst, abermals verlassen und verletzt zu werden. Diese Angst hat sich über viele Jahre hinweg geformt und gefesteigt und es kann ebenso lange dauern, um sie zu überwinden. Von daher musst du große Geduld mit dir selbst haben und du musst auch deine Freundin darum bitten. Sprich mit ihr und erkläre ihr alles so, wie du es mir erklärt hast, und bitte um ihr Verständnis. Sie wird dir zwar immer wieder beteuern, dass du bei ihr keine Angst zu haben brauchst, dass sie dich verlässt, aber du musst ihr dann erklären, was ich oben gesagt habe: dass es sehr lang dauert, diese Angst aufzulösen. Das kann man nur wenig über den Kopf steuern.

Du schreibst: "Doch auf einmal falle ich wieder in dieses Loch, ich kann Ihr die Worte "ich liebe dich" nicht mehr sagen und ich brauche auf einmal mehr Abstand."
Du brauchst nicht dauernd "ich liebe dich" sagen. Die meisten Leute sagen das nicht mal nach einem Jahr. Du brauchst auch nicht in Panik zu verfallen, wenn deine Liebesgefühle nicht jeden Tag gleich stark sind. Die sind nämlich bei fast allen Menschen großen Schwankungen unterworfen.
Wenn du ein großes Bedürfnis nach Abstand hast, dann gib diesem lieber nach statt auf Biegen und Brechen Zeit mit deiner Freundin zu verbringen. Denn dann entsteht tatsächlich so eine Art Widerwillen, der der Anfang vom Ende sein kann. Wichtig ist, dass du ihr dann behutsam und liebevoll erklärst, dass dein Wunsch nach Abstand nicht damit zu tun hat, dass du sie weniger liebst, sondern dass er im Gegenteil deine Liebe zu ihr erhalten hilft. Bitte sie immer wieder um Verständnis und Geduld.

Wichtig ist auch, dass du dich selber immer wieder bewusst daran erinnerst, sie in einem positiven Blick zu behalten. Denn viele Leute mit einem Näheproblem bekommen nach einer Weile, wenn´s ihnen zu eng wird, einen negativen Blick auf den Partner, um sich auf diese Weise 1) inneren Abstand zu verschaffen ­ damit´s nicht so weh tut, wenn die Trennung droht, 2) eine Art Entschuldigung oder Vorwand zu schaffen, dass man sich innerlich und äußerlich vom Partner distanziert, dass man dessen Erwartungen enttäuscht, vielleicht sogar Schluss macht (unbewusste Motivation: Bevor der andere Schluss macht).
Sprich: Mach dir immer wieder bewusst, dass sie ein liebes und liebenswertes Mädel ist, dass sie dir nichts Böses will und dass es stark von dir selbst abhängt, ob sie dich weiterhin liebt und bei dir bleibt. Du bist kein Kind mehr, das den Launen der Erwachsenen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, sondern du selbst hast es heute in der Hand, dein Glück zu steuern oder zu vergurken.

Ich möchte dir ein Buch sehr ans Herz legen, bitte kauf es und lies es komplett durch (es ist ziemlich lang, doch ein paar sehr wichtige Dinge kommen erst gegen Ende):
Carter/ Sokol, Nah und doch so fern (Fischer Taschenbuch, ca 10 Euro).

Liebe Grüße
Beatrice




Ich danke dir Beatrice,

deine Worte haben mir sehr weitergeholfen. Ich habe mir sehr viel Zeit zum Nachdenken genommen, aber ein Problem zu erkennen, heißt leider noch lange nicht, es auch lösen zu können.

Du hattest recht und mir ist es bis dato noch nicht so 100% bewusst gewesen, dass ich manchmal meine Freundin ansehe, um Negatives an Ihr zu finden. Das paradoxe ist, dass mich vor wenigen Tagen genau diese Dinge noch angezogen haben. Ich versuche damit aufzuhören und alles positive an ihr in mein Bewusstsein zu holen und zu betonen, damit ich, wenn ich Sie wieder "schlecht mache", wenigstens innerlich gegenargumentieren kann.

Mit Ihr darüber geredet habe ich noch nicht, aber ich habe es mir vorgenommen, wenn sich eine gute Gelegenheit bietet, und das Buch habe ich mir schon gestern bestellt. Trifft sich gut da ich eh gerne lese. Ja ich versuche an mir zu arbeiten und langsam aber sicher aus meiner Pattsituation heraus zukommen, denn bis vor kurzem war es so, dass ich nicht mit jemanden leben konnte aber ohne jemanden nicht wollte...

Auch dir liebe Grüße
Thilo

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