Mein Mann lässt sich nur noch gehen, soll ich ausziehen?
Liebe Beatrice,
Mein Mann war immer ein sehr optimistischer, aufgeschlossener Mensch, unternehmungslustig, sportlich. Und sehr ehrgeizig. Er hat schon immer sehr gern und viel gearbeitet.
Eben das wird in unserer Ehe nun zunehmend zum Problem. Er interessiert sich eigentlich nur noch für seine Arbeit, ich würde sagen, er versteckt sich zum Teil auch hinter ihr. Gemeinsame Unternehmungen werden immer seltener und beschränken sich auf 2-3 Stunden am Wochenende. Die restliche Zeit verbringt mein Mann im Arbeitszimmer und (zum Entspannen!) mit dem Schnapsglas vorm Fernseher.
Er igelt sich ein, geht erst gegen morgen schlafen, hat fast nur noch schlechte Laune, ist ständig gereizt, zynisch und fängt sogar an sich selbst zu vernachlässigen (geht nicht zum Arzt, rasiert sich manchmal tagelang nicht...)
Ich sollte vielleicht noch dazusagen, dass wir beide beruflich selbstständig sind. Ich habe
also durchaus Verständnis dafür das es "arbeitsreiche Phasen" geben kann. Und ich weiß auch, das es in der Firma meines Mannes nicht so gut läuft... aber hat er deshalb das Recht sich derart gehen zu lassen?
Mir ist auch aufgefallen, das er oftmals tagelang viele Stunden an einer Sache arbeitet, ohne sie zum Abschluß zu bringen. Arbeitsaufgaben, die er früher an einem Abend erledigt hätte...das ist doch klar, das ich mir da Sorgen mache!
Wenn ich versuche mit ihm darüber zu reden, über unsere Beziehung zu reden, blockt er sofort ab. Ich solle Ihm nicht auf den Geist gehen mit meinem Gequatsche.., meine Sorgen möchte er mal haben.., du bist schlimmer als deine Mutter... manchmal wird er sogar regelrecht beleidigend.
Ich versuche das nicht persönlich zu nehmen. Ich denke, er reagiert so, nur um kein Gespräch führen zu müssen. Und das funktioniert dann ehrlich gesagt auch... ich hasse seinen Zynismus und schaffe es dann nicht zu kontern. Er will einfach nicht reden, verdrängt es lieber. Trotzdem bin ich überzeugt, dass er mich immer noch gern hat und nicht verlieren möchte. Er bringt Blumen mit und andere kleine Aufmerksamkeiten, manchmal hält er beim Einschlafen meine Hand. Andere Zärtlichkeiten gibt es bei uns allerdings schon seit Monaten nicht mehr. Eigentlich leben wir inzwischen wie ein altes Ehepaar neben einander her. Das ist nicht gerade das, was ich mir vom Leben wünsche. Deshalb habe ich mir inzwischen auch angewöhnt abends oder am Wochenende allein was zu unternehmen. Das akzeptiert er.
Wenn ich in mich hineinhorche, was ich in der jetzigen Situation für mich gern möchte, dann würde ich mir gern für ein paar Monate eine eigene Wohnung nehmen.
Trotzdem zögere ich es wirklich zu tun: Ich habe irgendwie ein schlechtes Gewissen, meinem Mann jetzt vielleicht im Stich zu lassen. Er würde es bestimmt so empfinden. Wenn ich dabei helfen könnte, das er seinen "Tunnelblick" wieder verliert, dann würde ich es natürlich liebend gern tun. Logisch! Ich weiß eben nur nicht wie! Möglicherweise wäre professionelle Hilfe dabei nützlich. Nur: meinen Mann zu bewegen eine Eheberatung o. ä. aufzusuchen - schaffe ich nie! (Vielleicht war ich auch lange Zeit zu gutmütig - lässt sich nun leider nicht mehr ändern.)
Meinst Du eine Trennung auf Zeit könnte uns helfen? Meine Hoffnung wäre, das ihm das klar macht, das auch ich unter der Situation leide (das sieht er nämlich nicht ein). Und natürlich hoffe ich, das es ihn dazu bewegt etwas für SICH zu tun. Er hat sich in den letzten Monaten so sehr verändert und ich möchte einfach den Mann wieder haben, den ich geheiratet habe.
Ich wäre Dir wirklich sehr dankbar, wenn Du mir einen Rat geben könntest!
Birgit
Liebe Birgit,
Du brauchst ÜBERHAUPT KEIN schlechtes Gewissen zu haben, deinem Mann vielleicht im Stich zu lassen. Denn wie du siehst, will er deine Hilfe ja nicht, im Gegenteil, er blockt ab und stößt dich vor den Kopf. Wenn du weitermachst wie bisher, wird auch er weitermachen wie bisher, und ihr leidet beide. Nein, wie´s scheint, braucht er einen Schuss vor den Bug. Leider muss es bei vielen Männern erst richtig weh tun, bevor sie mal was ändern.
Im Übrigen kann ich dich sehr gut verstehen, dass dich die jetzige Situation runterzieht.
Klar wird dein Mann erst mal sauer und bestürzt sein, wenn du ausziehst. Soll er doch! Er hat lang genug dafür gesorgt, dass DU sauer und bestürzt bist. Kann auch gut sein, dass er dann erst mal wochenlang beleidigt vor sich hinschmollt und weitersumpft. Wart ab. Er wird bald kommen und betteln, dass du zurückkommst. Das ist dann der Moment, wo du genau dies sagen kannst:
"ich möchte einfach den Mann wieder haben, den ich geheiratet habe"!
Beharre so lange darauf, bis er wirklich einschneidende und deutliche Änderungsmaßnahmen ergreift, selbst wenn das bedeutet, dass er sich wegen seiner versteckten Depression in Behandlung begibt (psychologisch, nicht medikamentös).
Zieh aus und kümmere dich vorrangig darum, deine eigene Lebensfreude wiederzufinden. Er wird nachziehen.
Alles Gute
Beatrice
Folgende Briefe könnten für Sie interessant sein
- Mein Freund kostet mich Kraft und Nerven, aber ich zögere, auszuziehen
- Die Vorstellung, dass er mit dieser Frau heißen Sex hatte, macht unser Liebesleben kaputt
- Warum flunkert und lügt mein Freund immer wieder?
- Er integriert seine beiden Kinder einfach nicht in unsere Beziehung, sondern verbringt immer mehr Zeit mit ihnen
- Mein Freund und ich sind immer nur bei ihm, aber seine Wohnung ist so ein grausliches Schlachtfeld!



