Mehrmaliger Seitensprung, meine Frau vertraut mir nicht mehr

Hallo Beatrice!
Ich hätte gerne gewusst, ob mir jemand etwas zum Thema „Verzeihen nach mehrmaligem Seitensprung“ sagen kann, da ja überall nur von EINEM Seitensprung und dessen Bewältigung die Rede ist. Bei mir und meiner Frau ist die Sache etwas komplizierter: Die ersten zwei Seitensprünge hatte sie mir (vielleicht „leider“) nach Beteuerungen zur Besserung schnell verziehen. Aber nach dem dritten Mal fiel (wie sie selbst es beschreibt) ein Schalter um, der seitdem alles Vertrauen und Verzeihen unmöglich macht, obwohl ich beteuerte, ich war nie in die Affären-Frauen verliebt.
Das Ganze ist nun über drei Jahre her und die Tatsache, dass wir noch zusammen sind, zeugt meiner Meinung nach von großem Potential der Beziehung. Das heißt, wir wollen beide die Beziehung retten, aber leider sind wir bisher kaum zu Erfolgen gekommen.
Zuerst die Eckdaten: Seit 10 Jahren zusammen, seit 6 Jahren verheiratet, 2 Kinder. Wie ich heute weiß, war der Grund der Seitensprünge ein meinerseits stärker ausgeprägtes Triebverhalten als vielleicht normal (ich habe mir diese Eigenschaft lange Zeit selbst verleugnet) und im Gegensatz dazu bei ihr nicht so stark.
Wir haben zwar oft gestritten, weil ich wollte und sie nicht, aber uns fehlte die geistige Kompetenz, das Problem wirklich fachmännisch zu bearbeiten. So staute sich alles auf, bis es zum ersten Seitensprung kam. Den hatte ich übrigens vorher mehrmals angekündigt (vielleicht Hilfe suchend) mit ähnlichen Worten: „Wenn du nicht so oft willst wie ich, dann muss ich eben eine Andere finden“.
Was folgte, waren wie gesagt Beteuerungen und Versprechungen meinerseits und danach das Verzeihen ihrerseits, aber wiederum keine richtige Bearbeitung des Problems, bzw. noch immer das Verleugnen meiner Eigenschaft. Es kam zum zweiten Seitensprung. Wieder dasselbe: Beteuerungen, Versprechungen usw. Bisher hatte ich nie ein Geheimnis daraus gemacht, aber beim dritten Mal hatte ich die Absicht, es einfach im Verborgenen zu tun. Aber es funktionierte nicht. Ich musste es ihr wieder sagen und beschloss im selben Moment für mich selbst, mit den Lügengeschichten Schluss zu machen. Aber wie gesagt, es wäre erstens damals fast zur Trennung gekommen und zweitens habe ich ihr offensichtlich endgültig das notwendige Vertrauen genommen (was ja auch verständlich ist).
Nach diesem dritten und letzten Mal ist aber auch bei mir ein Schalter umgefallen, da sie mir gezeigt hat, wie verletzt sie war (und noch ist). Seitdem steht es für mich über allen Dingen, sie NIE wieder so zu verletzen. Aber obwohl sie das auch mitbekommt, wird sie nicht damit fertig, dass es
1.) öfter passiert ist;
2.) dass ich dazwischen immer wieder versprochen habe, dass sowas nie wieder passieren wird und
3.) dass sie bei allen Versuchen und bei all meiner Energie, die ich seitdem in die Beziehung investiere, nicht das Vertrauen wiederfinden kann, das sie gerne hätte.
Das geht auch soweit, dass sie Schlafstörungen und Albträume („Verfolgungsträume“) hat, was ein Indiz dafür ist, dass sie diese Last einfach nicht ablegen und hinter sich lassen kann. Leider haben wir das vergangene Jahr über einen Fehler gemacht, wie wir jetzt auch wissen: Nämlich sind wir davon ausgegangen, dass es alleine IHRE Sache ist, das Vertrauen in mich wiederzufinden, und so beschlossen wir, dass sie mich nicht darauf anspricht, wenn die „Gedanken“ wieder auftauchten. Sie tat das auch, um mich nicht zu verletzen, da es auch für mich eine riesen Belastung darstellt, vor allem dann wenn aus der Hilflosigkeit die Frage nach der Trennung immer wieder laut wird. Aber wie vorauszusehen, schlug das fehl und brach vor zwei Tagen nach einem fürchterlichen Krach wie ein Vulkan aus ihr hervor.
Was vielleicht die aktuelle Situation meiner Frau besser darstellen kann: Jedesmal wenn sie alleine ist und wieder diese Gedanken an damals aufkommen (die letzten beiden Male war es unglücklicherweise auch noch eine Frau, die sie jeden Tag sieht), dann wechseln die Gefühle zwischen Zorn gegen diese Frau, Zorn gegen mich, Trauer, Selbstwertverlust, Hilf- und Machtlosigkeit. Ich weiß zwar nicht, ob das mit unserem Problem zusammenhängt, aber sie sagt zum Beispiel, sie kann nicht weinen, obwohl ihr danach zumute wäre und sie sehr gerne weinen würde. Eine große Belastung für sie ist, auf meine Frage: „Liebst du mich“ mit einer Unwahrheit antworten zu müssen, um mich wiederum nicht zu verletzen und wieder in eine sehr schmerzvolle Diskussion zu verfallen, die in der Regel die Tagesverfassung und die durchaus dazwischen vorhandene Romantik und Idylle zerstört.
Sie sagt: Das einzige, was sie will, ist, wieder sagen zu können: “Du bist der einzige Inhalt in meinem Leben und das einzige Ziel, um gemeinsam alt zu werden. Und auf das verwende ich meine ganze Energie“ (mir kommt es dann so vor, als hötte sie zur Zeit keine Perspektive – wie ein „in der Luft hängen“). Ich möchte ihr nun mit allen Mitteln, die ich finden kann, dabei helfen, wieder das zu finden, was während meiner Beichte des dritten Seitensprungs verloren gegangen ist. Aber wie ich nun bemerke, ist es nicht genug, dass nunmehr seit 3 Jahren keine Vorfälle derart mehr waren, womit ich auch das Sprichwort „Zeit heilt alle Wunden“ zu bezweifeln wage. Wir waren bereits bei einer Therapeutin, aber was wir da zu hören bekamen, war: „Es wundert mich, dass ihr euch noch nicht getrennt habt“ und das ist wirklich nicht das, was wir unter Hilfe für unser Problem verstehen. Deshalb versuche ich nun auf diesem Wege etwas zu finden, das uns helfen kann, und das möglichst schnell, denn lange hält meine Frau diese Belastung nicht mehr aus, wie sie wiederum selbst sagt.
Carlo (32)

Lieber Carlo,
du hast viele Fehler gemacht, das fing u.a. schon damit an, dass du deine Frau in Sachen Sex offenbar zunehmend bedrängt und unter Druck gesetzt hast und es schließlich sogar mit Erpressung („Wenn du nicht so oft willst wie ich, dann muss ich eben eine andere finden“) versucht hast – dass sie dann gar keine Lust mehr hatte, ist überaus verständlich. Und so kam es zu deinen Seitensprüngen.
Leider ist das alles ja nicht mehr rückgängig zu machen, und ich muss auch sagen, ich kann deine Frau in allen beschriebenen Punkten sehr gut verstehen – etwa, dass sie Mühe damit hat, dir wieder zu vertrauen. Du hast ihr hoch und heilig versprochen, es nicht wieder zu tun, und du hast es doch getan. Wie soll sie dir da je wieder glauben können?
Klar verstehe ich auch dich. Du warst sehr jung, als du mit deiner Frau zusammenkamst, bist auch sehr jung Ehemann und Vater geworden, hattest wahrscheinlich zu wenig Gelegenheit, dich „sexuell auszutoben“. Dann kamen die Kinder, deine Frau war so sehr mit den Kleinen beschäftigt, dass ihr der Sinn nicht nach Sex stand, du fühltest dich sexuell vernachlässigt, hast Druck gemacht, woraufhin sie noch weniger wollte…
Ja, das hätte man im Ansatz schon ganz anders anpacken müssen.
Noch etwas. Du stellst es so dar, als ob dein starker Sextrieb naturgegeben wäre und als ob du daher nicht anders kannst, als dir viel Sex von deiner oder einer anderen Frau zu holen. Die Frage ist, ob dein Trieb eventuell übersteigert ist, weil deine Seele damit etwas kompensieren will, zum Beispiel einen unbewussten Mangel an Selbstwertgefühl und Selbstliebe… Denn VIELE Männer haben mehr Lust auf Sex als die Partnerin, ohne dass sie mehrfach fremdgehen müssen. Bitte schau dazu mein Video, das ich unten anhänge.

Ein weiterer großer Fehler von dir war, deine Seitensprünge auszuplaudern. Warum zum Teufel tatest du das immer wieder, obwohl du genau wusstest, wie sehr es deine Frau verstören würde? Hat dieser Geständnisdrang u.a. auch damit zu tun, dass du sie unterschwellig bestrafen wolltest, weil sie dir sexuell zu wenig entgegenkam? Ebenso wie du sie im Vorfeld zu Sex erpressen wolltest?
Und es kommt noch etwas hinzu. Ein weiterer Grund für dein Fremdgehen könnte drin bestehen, dass es ein kleiner Fluchtversuch war, weil deine Frau emotional zu abhängig von dir ist / war. Ihr Bestreben “Du bist der einzige Inhalt in meinem Leben und das einzige Ziel… auf das verwende ich meine ganze Energie“, das ist zwar weit verbreitet, aber es ist nicht gesund für eine Paarbeziehung – es schafft zu viel Abhängigkeit, zu viel Enge, zu viel emotionale Verantwortung für den Partner, der da zum einzigen Inhalt des Lebens gemacht wird. Es gibt dazu ein extrem gutes Buch, das ist nicht leicht zu lesen, aber es lohnt sich: David Schnarch, Die Psychologie sexueller Leidenschaft.
Also ich kann euch nur zur Paarberatung raten. Ich weiß, ihr habt es schon mal versucht und es war nichts, aber es war offenbar die falsche Adresse. Findet jemand anders und versucht es nochmal. Am besten eine einfühlsame Frau, die therapeutisch und psychologisch breit geschult ist. Deine Frau soll dann ruhig auch mal allein hingehen, damit sie alles an Ressentiments und Wut rauslassen kann, was sie dir gegenüber vielleicht noch zurückhält.
Alles Gute
Beatrice Poschenrieder